© Evelyn Höllriegl

Wissen Gesundheit
08/10/2020

Corona-Shaming: "Wurde wie eine Aussätzige behandelt"

Genesene haben nicht nur mit gesundheitlichen Folgen zu kämpfen, sondern auch mit Stigmata.

von Maria Zelenko

Zurück zur Normalität nach einer überstandenen Corona-Erkrankung? Für viele Betroffene einfacher gesagt als getan. Zusätzlich zu gesundheitlichen Langzeitfolgen haben viele in Zusammenhang mit dem neuartigen Virus auch mit einer Reihe von Stigmata zu kämpfen. Vorwürfe und Beleidigungen von Mitmenschen stehen selbst nach einer Genesung für viele auf der Tagesordnung.

Auch für Evelyn Höllrigl folgte auf den Krankenstand sogenanntes „Corona-Shaming“. Anfang Jänner erkrankte die gebürtige Südtirolerin, die lange in Wien gelebt hat, nach einem Ausflug in die Gegend um den Starnberger See. „Es begann mit sehr hohem Fieber, gefolgt von Schüttelfrost und dem vollständigen Verlust meines Geruchs- und Geschmackssinns“, sagt die 32-Jährige im KURIER-Gespräch. Die dreijährige Tochter und der einjährige Sohn lagen kurze Zeit später ebenfalls darnieder. „Zu diesem Zeitpunkt habe ich geglaubt, dass es sich um eine normale Grippe handelt.“

Termin-Verweigerung

Nachdem die erste Coronavirus-Infektion Deutschlands auf das in der Nähe vom Starnberger See liegende Stockdorf zurückverfolgt werden konnte und Anfang März schließlich der Lockdown kam, wandte sich die zweifache Mutter in ihrer neuen Heimat in der Nähe von Stuttgart an ihre Hausärztin. Für diese stand schnell fest: Höllrigl hatte eine SARS-CoV-2-Infektion hinter sich. Sie schickte die Südtirolerin aufgrund anhaltender gesundheitlicher Probleme, neben starkem Haarausfall auch Atembeschwerden, zu einem Lungenröntgen und einem Kardiologen.

Eine nervliche Belastungsprobe, wie sich herausstellen sollte: „Auf der Überweisung stand, dass ich bereits im Jänner krank war und die Röntgenassistentin wollte mich nicht einmal angreifen“, erinnert sich die Journalistin und Bloggerin. „Beim Kardiologen wurde mir am Empfang mitgeteilt, man könne mich nicht untersuchen, wenn ich keinen negativen Test bringe.“ Noch schlimmer wurde es beim Kinderarzt. Nachdem man ihrem Sohn trotz regelmäßig blau anlaufender Lippen zuerst einen Termin komplett verweigerte, wurde dieser erst exakt zwei Wochen nach ihrem Anruf in der Ordination anberaumt.

„Zufällig die exakte Dauer einer Quarantäne“, sagt Höllrigl. „Ich war so wütend. Ich wurde wie eine Aussätzige behandelt – und das auch noch von Fachpersonal. Für eine Krankheit, die ich mir nicht ausgesucht habe und die bereits Monate zurücklag.“ Auch in ihrem Bekanntenkreis klang die Frage „Aber du bist jetzt wieder gesund, oder?“ mehr nach „Aber du bist jetzt nicht mehr ansteckend, oder?“. Höllrigl: „Bei einer anderen Krankheit würde das niemand fragen.“

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Nicht rational

Unangebrachte Reaktionen wie diese erklärt sich Gesundheitspsychologe Dominik Rosenauer zu einem großen Teil durch fehlendes Wissen: „Auch wenn unter Hochdruck geforscht wird, ist vieles noch unbekannt. Und das schürt irrationale Ängste.“ Das subjektive Empfinden des Ausgeliefertseins wirke sich auch auf den Umgang mit Covid-19-Patienten aus. „Jeder, der sich einmal infiziert hat, gilt als Gefahr. Mit Rationalität ist das nicht erklärbar.“

Ein Grund, warum Evelyn Höllrigl, die mit ihren fast 15.000 Instagram-Followern auch viel Privates teilt, bis vor Kurzem noch mit der Bekanntmachung ihrer Erkrankung haderte – und sich erst Ende Juli dann doch dafür entschied. Warum? „Jetzt, wo ich die Fotos von überfüllten Stränden immer häufiger sehe, war es mir wichtig, noch einmal ins Bewusstsein zu rufen: Es ist eine ernst zu nehmende Infektion. Das Coronavirus verschwindet nicht, nur weil jetzt Sommer ist. Und es ist wichtig, dass Genesene nicht stigmatisiert werden. Niemand sollte sich für etwas schämen müssen, für das er oder sie nichts kann.“

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