Für Ungeimpfte wird es ungemütlicher. Wie ist eine Schlechterstellung lediglich Getesteter im Alltag medizinisch begründbar?

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Wissen Gesundheit
10/26/2021

Geimpft, genesen, getestet: Ist eine Ungleichbehandlung gerechtfertigt?

Der Druck auf Ungeimpfte steigt. Ist eine Schlechterstellung lediglich getesteter Personen im Alltag medizinisch begründbar?

von Marlene Patsalidis

"Alle, die geimpft sind, haben die große Chance, unbeschadet durch die Pandemie zu kommen", sagt Infektiologe und Impfstoffexperte Herwig Kollaritsch. "Für Ungeimpfte gilt das nicht."

Doch welche Rolle spielen Immunisierte im Infektionsgeschehen?

Wie ist das Gefahrenpotenzial Ungeimpfter im Vergleich zu Geimpften/Genesenen einzustufen?

Studien belegen, dass Geimpfte und Genesene in der Regel deutlich weniger Virus ausscheiden – sofern sie sich überhaupt infizieren. Laut neuesten Daten der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) kommen in Österreich auf 1.000 vollständig Geimpfte rund vier Personen mit einem Impfdurchbruch (symptomatische Infektion bei Geimpften). "Nur in Einzelfällen ist die Infektiosität von Geimpften mit jener von Ungeimpften vergleichbar", sagt Kollaritsch.

Eine niederländische Studie zeigt zudem: Geimpfte haben nur drei Tage eine hohe Viruslast. Bei Ungeimpften kann es bis zu sieben Tage dauern, bis eine Transmission des Erregers unwahrscheinlich wird (CT-Wert über 30). Ein weiterer Unsicherheitsfaktor, den Ungeimpfte mitbringen: Ein mehr (Antigen-Tests) oder weniger (PCR-Tests) großes Zeitfenster, in dem bei Ungeimpften noch keine Infektion nachgewiesen werden kann, eine Weitergabe des Virus aber schon möglich ist.

Vonseiten der Regierung heißt es, man müsse Ungeimpfte vor sich selbst schützen. Wieso?

Ungeimpfte repräsentieren ein Reservoir empfänglicher Personen, "das noch so groß ist, dass es in der Lage ist, das gesamte Gefüge zu gefährden", sagt Kollaritsch. Im Unterschied zu Geimpften laufen Ungeimpfte Gefahr, im Falle einer Infektion schwer zu erkranken oder gar auf der Intensivstation zu landen. Neue Zahlen aus Wiens Spitälern zeigen, dass 85 Prozent der Covid-Patientinnen und Covid-Patienten auf den Intensivstationen nicht oder nicht vollständig geimpft sind. "Je nach Infektionslage müssen Maßnahmen ergriffen werden, um sie vor Ansteckungen zu bewahren, etwa indem man Kontaktmöglichkeiten reduziert", sagt Infektiologe Kollaritsch. Solche indirekten Maßnahmen zur Erhöhung der Durchimpfungsrate seien unabdingbar: "Wir können es uns nicht leisten, wieder alles zuzusperren."

Ist eine Schlechterstellung von nur getesteten Personen gerechtfertigt?

"Ja", betont Kollaritsch. "Wir müssen uns zwar von der Idee freimachen, dass wir durch die Impfungen jede Infektion verhindern können. Aber wir müssen uns vor Augen halten, dass wir ein riesiges Problem haben, wenn eine große Gruppe nicht geimpft ist." In Europa sei die epidemiologische Situation in Ländern mit sehr hohen Durchimpfungsraten, etwa Portugal oder Dänemark, "völlig stabil". Zwar gebe es auch dort einige wenige Ansteckungsfälle, hier und da kleinere kontrollierbare Ausbrüche, vereinzelt schwere und sehr selten auch tödlich Verläufe – ab und an auch unter den Geimpften. "Aber es zeigt sich überall auf der Welt, dass die Durchimpfungsrate mit der Auslastung der Spitäler in direktem Zusammenhang steht."

Besonders eindrucksvoll bildet sich dieser in den USA ab: In Bundesstaaten mit den höchsten Durchimpfungsraten (etwa in Vermont, Connecticut, Massachusetts oder Maine), blieben die Infektions- und Hospitalisierungszahlen schon im August auf niedrigem Niveau. Die Population, die am sichersten wieder zur Normalität zurückkehren kann, seien die Geimpften, sagt Kollaritsch. "Die Ungeimpften erfüllen diese Voraussetzung nicht."

Bundeskanzler Alexander Schallenberg sprach kürzlich von einer Pandemie der Ungeimpften, wie auch schon US-Chefarzt Anthony Fauci. Tragen Geimpfte/Genesene wirklich nichts mehr zum Infektionsgeschehen bei?

"Sie tragen wesentlich weniger bei", präzisiert Kollaritsch. Die Viren, die Geimpfte im Fall einer Infektion ausscheiden, seien jedenfalls schlechter in der Lage, bei einem anderen Menschen zu einer Ansteckung zu führen. "Dazu gibt es inzwischen handfeste Untersuchungen."

Wie sieht es in puncto Mutationen aus?

Aus epidemiologischer Sicht tue sich noch ein weiteres Problem auf: "Mit der steigenden Zahl an Infektionen erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, dass neue Virusmutationen auftreten", sagt Kollaritsch. "Das Virus hat nun längere Zeit Ruhe gegeben. Mit Delta Plus sind wir jetzt aber wieder mit einer Mutation konfrontiert, die womöglich ansteckender ist als die ursprüngliche Delta-Varinate." Auch diesen Aspekt gelte es mitzudenken, wenn es um Ungeimpfte und damit um einen Pool an Menschen gehe, in dem das Virus ungehindert grassieren könne.

Bleiben Hygieneregeln auch für Geimpfte/Genesene relevant?

Auch Geimpfte und Genesene müssten ihren Beitrag leisten, "damit das Gefährdungspotenzial für andere möglichst gering bleibt". Aus infektiologischer Sicht können Geimpfte in manchen Fällen insbesondere für nicht impfbare Menschen ein Problem darstellen. "Hier müssen alle, Geimpfte und noch mehr Ungeimpfte, Verantwortung übernehmen."

Sollte man sich als Geimpfter/Genesener weiterhin testen?

Wer in sensiblen Settings arbeitet, sei jedenfalls aufgerufen, sich regelmäßig zu testen, sagt Kollaritsch. Beim Gesundheitspersonal seien regelmäßige Testungen jedenfalls notwendig. Den Privatbereich dahingehend zu reglementieren, hält Kollaritsch nicht für notwendig. "Wenn man als Geimpfter weiß, dass man jemanden besucht, der nicht impfbar oder vulnerabel ist, ist es im Sinne eines verantwortungsbewussten Handelns angebracht, sich testen zu lassen." Selbiges gelte, wenn Erkältungssymptome auftreten.

Laut Vakzinologin Ursula Wiedermann-Schmidt (Mitglied des Nationalen Impfgremiums, NIG) sollte man sich den Drittstich nicht früher als empfohlen abholen. Macht das Sinn?

Kollaritsch, selbst Mitglied des NIG, stimmt dem zu. Bei klassischen Hochrisikogruppen, etwa immunsupprimierten oder krebskranken Personen, lasse der Impfschutz nach dem Zweitstich oftmals aber schon vor Ablauf der vorgesehenen sechsmonatigen Frist nach. "Stellt man bei einem Antikörpertest fest, dass keine oder kaum Antikörper vorhanden sind, wird man natürlich nicht abwarten und gleich den dritten Stich verabreichen."

Allen anderen Personengruppen rät er, sich an die Empfehlungen zu halten: "Schlimmstenfalls können vorübergehend etwas stärkere Impfreaktionen auftreten, wenn der Immunschutz noch sehr intakt ist. Das muss man ja nicht mutwillig herbeiführen."

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