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Wissen Gesundheit
12/22/2021

Was kann der Proteinimpfstoff von Novavax?

Die EU-Arzneimittelbehörde EMA gab am Montag grünes Licht: Nuvaxovid ist der erste Proteinimpfstoff, der im Kampf gegen das Coronavirus in der EU zugelassen wird.

von Ernst Mauritz, Caroline Bartos

Nuvaxovid bzw. NVX-CoV2373: So heißt der Covid-19-Impfstoff des US-amerikanischen Herstellers Novavax, über den am Montag eine Kommission der EU-Arzneimittelbehörde EMA beraten und eine Zulassung empfohlen hat. 

Die Marktzulassung in der EU hatte der US-Konzern am 17. November beantragt. In der Öffentlichkeit wird Nuvaxovid oft als Totimpfstoff bezeichnet, obwohl er nicht der klassischen Definition eines solchen entspricht. Viele Experten sprechen lieber von einem "rekombinanten Proteinimpfstoff".

Warum haben viele Ungeimpfte auf die Zulassung dieses Impfstoffes gewartet? Was der Impfstoff tatsächlich kann und wie er funktioniert.

Sie misstrauen der mRNA-Technologie, auf der die Impfstoffe von Moderna und Biontech/Pfizer beruhen: "Er wird eine gewisse Alternative für mRNA-Impfstoff-Skeptiker sein", sagt der Impfstoff-Spezialist Herwig Kollaritsch, um gleichzeitig zu betonen: "Man muss ganz klar sagen: Mehr als die mRNA-Impfstoffe kann der Novavax-Impfstoff nicht. Es ist ein guter Impfstoff, wie die anderen auch - aber zu glauben, das ist jetzt der heilige Gral, das ist ein Blödsinn."

Ähnlich äußerte sich der klinische Pharmakologe Markus Zeitlinger von der MedUni Wien im Ö1-Mittagsjournal: "Es spricht wirklich nichts gegen den Impfstoff, aber es gibt aus meiner Sicht auch nicht das Große dafür."

Österreich hat Anfang des Jahres bekannt gegeben, 1,9 Millionen Dosen von Novavax bestellt zu haben.

Wie ist die Wirksamkeit einzuschätzen?

In einer Studie in den USA und in Mexiko mit insgesamt knapp 30.000 Teilnehmern betrug die Wirksamkeit gegen symptomatische Infektionen 90,4 Prozent. Das Vakzin schützte zudem zu 100 Prozent vor schweren und sehr schweren Krankheitsverläufen. "Grundsätzlich ist das ein sehr guter Impfstoff, die Wirksamkeit ist nach den bisherigen Daten vergleichbar mit jenen der mRNA-Impfstoffe, die Menge der gebildeten neutralisierenden Antikörper ist sehr hoch", sagt der in New York forschende österreichische Virologe Florian Krammer.

Allerdings beziehen sich diese Ergebnisse auf die - wie bei den anderen Herstellern auch - zum Studienzeitpunkt zirkulierende Alpha-Variante, erklärte der Virologe Lukas Weseslindtner von der MedUni Wien kürzlich im KURIER-daily-Podcast.

Um die tatsächliche Wirksamkeit gegen Delta einschätzen zu können, benötige man größere und mehr Studien. Auch wisse man noch nichts über die Dauer des Schutzes. Novavax testet derzeit auch die Wirksamkeit des Impfstoffes gegen die Omikron-Variante und hat angekündigt, bereits erste Schritte zur Herstellung einer Impfstoffvariante gegen Omikron gesetzt zu haben.

Und was weiß man zur Sicherheit?

Was die Sicherheit betrifft, sehen die Daten in den Studien sehr gut aus. Das war auch bei den mRNA-Impfstoffen und Vektorimpfstoffen so. Erst in der Praxis hat man dann sehr seltene Nebenwirkungen wie die Thrombosen bei den Vektorimpfstoffen sowie milde Herzmuskelentzündungen bei männlichen Jugendlichen bei mRNA-Impfstoffen und seltene schwere allergische Reaktionen gesehen.

Solche Daten aus der Anwendung von Novavax gibt es noch nicht. Daher geben Experten den vorhandenen Impfstoffen einen Vertrauensvorschuss, weil sie bereits millionenfach erprobt sind und es viel mehr Daten gibt.

Wird Novavax schon irgendwo eingesetzt?

Bisher ist der Impfstoff in Indonesien und auf den Philippinen zugelassen. In den USA wurde noch kein Antrag auf eine Notfallzulassung gestellt, das solle aber noch heuer der Fall sein. Die EU hat 200 Millionen Dosen bestellt.

"Novavax war mit seiner Entwicklung ursprünglich weit vorne, ist dann aber wegen Produktionsproblemen zurückgefallen", sagt Krammer. "Wir wissen noch nicht, wie viele von den 200 Millionen bestellten Dosen auch tatsächlich geliefert werden können".

Wie wird der Impfstoff gelagert?

Nuvaxovid muss bei zwei bis acht Grad Celsius gekühlt werden, ein normaler Kühlschrank reicht aus. Wegen der leichteren Lagerfähigkeit sehen arme Länder den Impfstoff als Hoffnungsträger.

Was ist ein Proteinimpfstoff eigentlich genau?

"Man nimmt für den Menschen ungefährliche Baculoviren - ihre Hauptwirte sind Motten - und verändert sie gentechnisch so, dass man in ihre Erbsubstanz das Gen für das Oberflächenprotein (Spike-Protein) von SARS-CoV-2 einbaut", erklärt Virologe Krammer. In Bioreaktoren werden dann Insektenzellen - konkret Mottenzellen - mit diesen Viren infiziert. "Diese Insektenzellen bilden das Spike-Protein. Die Proteine für den Novavax-Impfstoff werden dann aus den Zellen entnommen und gereinigt."

Bei den mRNA- und den Vektorimpfstoffen findet die Produktion des Spike-Proteins hingegen im Körper in Muskelzellen statt. Der Impfstoff liefert hier nur den genetischen Bauplan für das Spike-Protein.

In beiden Fällen erkennt der menschliche Körper, dass es sich um fremde Proteine handelt - was eine Reaktion des Immunsystems zur Folge hat.

Wieso benötigt der Impfstoff einen Wirkverstärker, mRNA-Impfstoffe aber nicht?

Infektiologe Herwig Kollaritsch erklärt es mit einem Vergleich: "Wenn ich ein Auto baue, ist es ein Unterschied, ob ich das Getriebe im eigenen Haus erzeuge oder von einem Zulieferer. Meistens wird das eigene Getriebe in kleinsten Nuancen besser passen als das vom Zulieferer. Und so ist das auch mit dem Spike-Protein: Wenn ich es im eigenen Organismus baue - wie bei den mRNA-Impfstoffen - ist das etwas anderes als wenn das in Zellen außerhalb des Körpers passiert."

Das heißt: mRNA-Impfstoffe sorgen von alleine für eine ausreichende Immunantwort. Bei Novavax ist hingegen ein Wirkverstärker notwendig, um vor allem die Abwehrzellen - die T-Zellen - ausreichend zu aktivieren.Als Verstärker (Adjuvans) wird ein Inhaltsstoff (Saponin) des chilenischen Seifenrindenbaumes verwendet. Auch ein HPV-Impfstoff und ein Influenza-Impfstoff werden so hergestellt.

Spricht etwas dafür, die Auffrischungsimpfung mit Novavax zu machen?

"Wenn man auf Biontech/Pfizer oder Moderna mit Novavax darauf impft, sieht man noch ein sehr schönes Ansprechen", sagt Zeitlinger. "Nicht besser, wie wenn man mit den mRNA-Impfstoffe geboostert hätte, aber ungefähr vergleichbar gut." Kollaritsch spricht sogar von einer etwas besseren Immunantwort bei den mRNA-Impfstoffen: "Novavax ist beim Boostern schon ok - aber diese Daten sind für mich ein Hinweis darauf, dass dieses Vakzin sicher nicht mehr kann als die anderen."

Ist Novavax wirklich ein klassischer Totimpfstoff?

Nein. Der Begriff ´Tot(virus)impfstoff`wurde für Impfstoffe mit abgetöteten, chemisch inaktivierten Erregern verwendet. "Das trifft nur auf den Impfstoff von Valneva zu, bzw. auf Impfstoffe aus China und Indien", sagt Krammer. "Die reine Unterscheidung zwischen Tot- und Lebendimpfstoffen stammt aus einer Zeit, als es eben nur Tot- und Lebendimpfstoffe gab."Novavax sei eben ein rekombinanter Proteininimpfstoff, "darüberhinaus haben wir heute Vektorimpfstoffe und mRNA-Impfstoffe".

"Einen Lebendimpfstoff (diese enthalten vermehrungsfähige Krankheitserreger, die jedoch so abgeschwächt wurden, dass sie die Erkrankung selbst nicht auslösen, Anm.) gibt es gegen SARS-CoV-2 noch keinen, trotzdem kann man nicht alle anderen pauschal als Totimpfstoffe bezeichnen. Das ist eine überholte, sehr vereinfachte Einteilung."

Eines aber ist unbestritten: Auch mRNA-Impfstoffe sind insoferne Totimpfstoffe, da sie nichts haben, "was sich von alleine vermehrt", betonte Virologe Weseslindtner im KURIER-daily-Podcast. Die mRNA ist nur die Bauanleitung für das Oberflächenprotein des Corona-Virus, das dann in den Zellen produziert wird.

Wann ist mit dem Totimpfstoff von Valneva zu rechnen?

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hat am 2. Dezemer eine beschleunigte Prüfung einer Zulassung des Corona-Impfstoffs der österreichisch-französischen Firma Valneva angekündigt.

"Das heißt, das wird noch lange dauern. Ich rechne nicht damit, dass dieser Impfstoff vor Mitte 2022 zugelassen wird", sagt Krammer. Eine Vereinbarung mit der EU-Kommission sieht die Lieferung von bis zu 60 Millionen Corona-Impfdosen in den kommenden beiden Jahren vor, wenn die EMA das Mittel tatsächlich zulässt.

Dieser Impfstoff ist tatsächlich ein "klassischer" Totimpfstoff. Er enthält für die Immunisierung abgetötete Bestandteile des Coronavirus. Damit nutzt er eine ähnliche Technologie wie klassische Grippe-Impfstoffe und soll bei normalen Kühlschranktemperaturen gelagert werden können.

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