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Wissen Gesundheit
10/05/2020

Infektions-Rückverfolgung: "Die Behörden sind überfordert"

Wenn die Rückverfolgung der Kontakte nicht besser funktioniere, seien auch andere Maßnahmen sinnlos, meint Epidemiologe Gartlehner.

von Elisabeth Mittendorfer

Ein Epidemiologe übt scharfe Kritik am aktuellen System des Contact Tracings. Es gilt als eine der wichtigsten Maßnahmen, um die nationalen Auswirkungen der Pandemie in den Griff zu bekommen – derzeit werden positiv getestete Personen  aber teils nicht einmal kontaktiert und zur Nachverfolgung nach ihren Kontakten befragt, bringt es Gerald Gartlehner, klinischer Epidemiologe und Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation der Donau-Uni Krems, auf den Punkt.

„Wenn das Testen und die Kontaktnachverfolgung nicht funktionieren, sind auch manche andere Maßnahmen sinnlos“, erklärt der Experte. Ein Beispiel dafür sei die  Registrierungspflicht für Gäste in der Gastronomie. Er ist überzeugt: „Wenn wir die Infektionszahlen stabil halten wollen, muss das Testen und die Kontaktnachverfolgung besser klappen.“ 

Gravierende Versäumnisse ortet der Experte diesbezüglich in der Bundeshauptstadt. Denn laut WHO bräuchte es für eine Stadt mit der Größe von Wien in etwa 700 Contact Tracer, so Gartlehner. Im Frühsommer seien hingegen nur an die 100 im Einsatz gewesen, obwohl es bereits Prognosen gab, dass die Infektionszahlen im Herbst und Winter erneut ansteigen könnten. „Ich kann nicht nachvollziehen, warum hier über den Sommer so wenig passiert ist“, sagt Gartlehner.

Vorbild Südkorea

Wesentlich besser und schneller würde das Testen und Tracen in einigen asiatischen Ländern ablaufen, da sie aus ihren Erfahrungen mit SARS und MERS gelernt hätten.   

In Südkorea würden nicht nur jene Kontaktpersonen eruiert, die man selbst angesteckt haben könnte, also „nach vorne getraced“, sondern auch geprüft, bei wem man sich selbst angesteckt haben könnte, also „nach hinten getraced“. „Das ist  sinnvoll, weil man mittlerweile weiß, dass 20 Prozent der mit dem Coronavirus Infizierten für 80 Prozent der folgenden Infektionen verantwortlich sind“,  erklärt Gartlehner. Dass diese Strategie derzeit in Österreich so nicht verfolgt wird, habe einen wesentlichen Hintergrund: „Die Behörden sind personell unterbesetzt überfordert, und zwar schon damit, jene Kontaktpersonen ausfindig zu machen, die man selbst angesteckt haben könnte.“  Die Vorgehensweise beim Contact Tracing kann  hierzulande in den Bundesländern unterschiedlich sein, genauso  wie die Anzahl der dafür eingesetzten Mitarbeiter, jedoch sind die Zielvorgaben des Bundes einzuhalten, sprich die 24-24-24-Regel. 

Diese Vorgabe bewertet Gartlehner als „gar nicht so besonders ambitioniert, aber derzeit sind wir in manchen Regionen Österreichs meilenweit davon entfernt. Je besser Testen und Kontaktnachverfolgung funktionieren, desto eher bekommen wir die Situation in den Griff.“   

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