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Wissen Gesundheit
03/05/2021

Der Arzt, der einen Impfstoff bastelte und ohne Genehmigung verteilte

"Die Gesundheit der Probanden könnte eventuell schwer gefährdet sein", heißt es von den Behörden, die auch Anzeige gegen den Mediziner erstatteten.

von Theresa Bittermann

Der deutsche Mediziner Winfried Stöcker entwickelte im Alleingang einen Corona-Impfstoff, den er – ohne notwendige Genehmigung – sich selbst und Familie, Freunden und Mitarbeitern verabreicht haben soll. Daraufhin erstatteten das deutsche Paul-Ehrlich-Institut und das Landesamt für soziale Dienste (LAsD) Anzeige: "Aus Sicht des LAsD ist Eile geboten, da nicht ausgeschlossen werden kann, dass weitere Herstellungen und Impfungen, die evtl. die Gesundheit der Probanden schwer gefährden können, durchgeführt werden."

Das Ganze ging am Freitag durch einen Beitrag von SpiegelTV viral. Besonders skurril an der Causa ist, dass sich im Netz zahlreiche Kommentare von Leuten finden, die andeuten: mit einem der zugelassenen Impfstoffe wollen sie sich nicht impfen lassen, jedoch das Mittel von Stöcker würden sie dankbar nehmen. Obwohl dessen Sicherheit und Wirksamkeit nicht unter den vorgeschriebenen wissenschaftlichen Standards erprobt wurde. 

Was steckt hinter diesem Mittel?

Der Impfstoffentwickler und internationale Berater Otfried Kistner ordnet das auf KURIER-Nachfrage so ein: "Was ich herausgelesen habe, ist das ein ganz normales Diagnostik-Reagenz, ein sozusagen rekombinant hergestelltes Oberflächenprotein, wie es mindestens von ein bis zwei Dutzend anderen Firmen auch als Impfstoff produziert wird - das ist also nichts Neues oder Innovatives. Aber Stöcker hat mit seiner Vorgangsweise dabei die "Pfade des Legalen" verlassen. Wird ein solches Antigen als Diagnostikum verwendet (Anm. für Untersuchungen im Labor), darf man es nicht für den Einsatz im Menschen verwenden. Will man es als Impfstoff einsetzen, sind dafür zahlreiche Kontrollen und Qualitätstests erforderlich, die hier offenbar ausgelassen wurden, sonst wäre das nicht so schnell gegangen. Stöcker scheint sich ganz einfach auf das diagnostische Mittel verlassen zu haben, ohne es als Impfstoff für die Verwendung im menschlichen Körper angepasst zu haben."

Eine e-Mail - zumindest ein Teil davon - des Berliner Virologen Christian Drosten wird im Video eingeblendet, auch darin betont dieser: "Man muss natürlich beachten, dass die Produktion eines Impf-Antigens sehr hohe Qualitätsansprüche erfüllt, wenn man den Impfstoff vermarkten will."

Klinischer Test ohne Zulassung

In dem Video erklärt Stöcker, er habe das Antigen zunächst sich selbst gespritzt, dann Freunden und schließlich auch Mitarbeitern. Damit scheint Stöcker jedoch wissenschaftliche Grundsätze der modernen Medizin zu übertreten, weil er sich nicht an die herkömmlichen Studiendesigns hält. 

"Die sogenannte klinische Prüfung eines neuen Impfstoffs mit Freiwilligen kann nur erfolgen, wenn sich der zu prüfende Impfstoff vorher in Labor- und Tierversuchen hinsichtlich Wirksamkeit und Verträglichkeit bewährt hat. Auf diese Weise hält man das Risiko für die Studienteilnehmer von vorn herein so gering wie möglich. Stimmen Ethik-Kommission und Arzneimittelbehörde nach Sichtung dieser Ergebnisse und der Prüfung des Studienplans und der Eignung des mitwirkenden Personals zu, kann die Erprobung beginnen", erklärt der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen die übliche Vorgangsweise

Er habe allerdings Zeit sparen und »deshalb nicht lange um eine amtliche Genehmigung bitten« wollen, erklärt Stöcker in einem Spiegel-Artikel. 

64 statt 44.000 Probanden

Stöcker konnte nach eigenen Angaben Virus-neutralisierende Antikörper bei 64 Probanden nachweisen. "Das allein ist derzeit zu wenig, da nicht geklärt ist, wie hoch der Titer an neutralisierenden Antikörpern sein muss, um vor einer Erkrankung zu schützen", entgegnet Experte Kistner im KURIER-Gespräch. Für solche Phase III Studien zur Wirksamkeit vorgesehen sind mindestens 3.000 bis 10.000 Probanden, im Falle von SARS-CoV-2 waren es bis zu 44.000 Probanden

Wer sich in der Medizingeschichte auskennt, fühlt sich von diesem Versuch an Freiwilligen vielleicht an einen anderen deutschen Arzt erinnert - Robert Koch. Als dieser sein Tuberkulin entwickelte, testete er es auch ohne genaue Studien dazu in seinem Umfeld, darauf folgte ein Skandal. Der Unterschied: das ist 130 Jahre her, zu dieser Zeit gab es noch keine Studiendesigns und strenge Richtlinien wie heute. 

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