Krapfenwaldbad

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Wissen Gesundheit
06/22/2021

Experte: "Wenn wir jetzt nicht aufpassen, kommt vierte Welle"

Österreich steht im Vergleich zu England sehr gut da. Experten warnen davor, die gute Ausgangslage aufs Spiel zu setzen.

von Ernst Mauritz

„Grundsätzlich stehen die Zeichen derzeit ja sehr gut“, sagt Ulrich Elling vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. Mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern untersucht er einen großen Teil der heimischen Virusproben auf Mutationen.

Erstmals seit August 2020 gab es am Montag innerhalb von 24 Stunden weniger als 100 Neuinfektionen mit dem neuen Coronavirus. Und erstmals seit September wurde auch kein neuer Todesfall als Folge einer Covid-19-Infektion gemeldet. Die 7-Tage-Inzidenz liegt zudem seit Dienstag knapp unter 10 - ebenfalls erstmals seit August 2020.

International sorgt die Delta-Variante allerdings für Kopfzerbrechen bei den Experten und Politikern.

„Ich werde immer wieder gefragt, ob Delta auch schwerere Infektionen verursacht und damit krankmachender ist“, schreibt der deutsche Immunologe Carsten Watzl auf Twitter: „Bisher gibt es keine Daten, die das bestätigen würden.“ Und in England, USA und Russland verlangsamt sich das Wachstum mit Delta etwas: „So begann der Rückgang auch in Indien“, schreibt der deutsche Epidemiologe Karl Lauterbach.

Auf der negativen Seite: In Israel gibt es große Ausbrüche mit der Delta-Variante in Schulen. Und in Sydney, Australien, sorgt ein Covid-Cluster in einem Einkaufszentrum für Aufsehen: Dort gab es bisher keine Maskenpflicht. Ein Infizierter hat jetzt mindestens sechs weitere Personen infiziert, durch flüchtige Kontakte von wenigen Sekunden nur, berichtet The Guardian. Eine Ansteckung passierte so, dass eine Frau vor einem Café saß, das eine andere infizierte Person besucht hatte. Andere Infizierte gingen nur kurz aneinander vorbei – genetische Analysen lassen keinen Zweifel daran, dass ihre Infektion mit dem Ausgangsfall zusammenhängt. Jetzt wurde für fünf Tage eine Maskenpflicht eingeführt.

„Kein Schicksal“

„Wir haben derzeit um die 20 neuen Fälle mit der Delta-Variante pro Woche in Österreich“, sagt Elling. „Das ist relativ stabil – diese Situation müssen wir uns möglichst lange erhalten. Eine große vierte Welle ist kein Schicksal, dem wir schutzlos ausgeliefert sind. Es liegt auch an uns. Es ist unsere Entscheidung, ob es uns gelingt, noch Zeit herauszuschinden und einen Anstieg hinauszuschieben: Mit jeder Woche, mit der uns Delta in voller Wucht früher trifft, haben wir eine Woche weniger geimpft.“

Derzeit sei es durchaus noch möglich, mit schaffbarem Aufwand die Zahlen niedrig zu halten: „Unsere Maßnahmen können wir nur linear steigern – wir können doppelt, oder dreifach oder vierfach so viel impfen bzw. Personal für das Contact Tracing beschäftigen – immer mit doppeltem, dreifachen oder vierfachen Aufwand. Aber das Virus wächst nicht linear, sondern exponentiell: 2, 4, 8, 16, 32, 64, 128 Fälle – wenn wir also jetzt nicht vorsichtig sind, kann die Situation wieder entgleiten und das will niemand.“

Deshalb sollte man jetzt „grundsätzlich alles vermeiden, was eine Delta-Welle befeuert“, betont der Experte. Deshalb sei es auch keine gute Idee, in Innenräumen auf die Maske komplett zu verzichten: „In Innenräumen würde ich sie belassen. Wir haben uns daran gewöhnt, sie ist keine große Zusatzbelastung und zeigt uns psychologisch, dass noch nicht alles vorbei ist. Sie schränkt uns nicht so stark ein wie ein Lockdown.“

Elling betont, dass es jetzt darum gehe, Schulen, Handel und Gastronomie vor einem solchen zu schützen. Der Experte tritt auch für verpflichtende PCR-Tests für alle Flugpassagiere ein, die nach Österreich einreisen und nicht doppelt geimpft sind.

„Bisher ist alle paar Monate eine neue Variante auf uns zugekommen, die uns Sorgen bereitet hat. Und deshalb müssen wir davon ausgehen, dass auch in Zukunft wieder etwas Neues kommt. Da wir wissen müssen, was wir uns einschleppen, bin ich für diese verpflichtenden Tests.“

Man sehe auch in England, dass sich die Delta-Variante gerade in der jungen, ungeimpften Bevölkerung stark verbreite: „Ein Lehrer, der nicht doppelt geimpft ist, muss die Maske tragen, da hilft nichts. Und wahrscheinlich zumindest Schüler, die nicht in ihrem Klassenverband sind, auch. Das hängt im Detail aber immer auch von der Balance mit anderen Maßnahmen, wie dem Testaufkommen, ab.“

Elling abschließend: „Wir sind in einer Phase, wo wir es uns leisten können, einen relativ unbeschwerten Sommer zu genießen – aber keinen unvernünftigen. Dass wir jetzt kurzfristig eine Sommerparty feiern und im Herbst wieder von vorne anfangen – das geht einfach nicht.“

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