Coronavirus - Berlin - Impfen

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Wissen Gesundheit
06/21/2021

Wenn das Immunsystem trotz Impfung keine Corona-Antikörper bildet

Menschen mit Transplantationen oder Autoimmunerkrankungen entwickeln seltener eine Abwehr gegen Covid. Sie müssen sich anders schützen.

von Philipp Albrechtsberger

Er wird sich bald wieder als Außerirdischer fühlen. Wenn die Maskenpflicht demnächst aufgehoben wird, dann wird Jochen (Name von der Redaktion geändert) wie schon in der Vergangenheit des Öfteren seltsame Blicke ernten. Weil für ihn der Mund-Nasen-Schutz trotz niedriger Infektionszahlen eine Überlebensversicherung ist.

Dabei ist der 49-Jährige seit Mitte April vollständig geimpft. Nur immunisiert ist er nicht. Der Körper von Jochen hat keine Antikörper entwickelt. Wie dem gebürtigen Steirer geht es weltweit sehr vielen Menschen.

Heikle Situation für Transplantierte

Jochen ist Transplantationspatient, vor fünf Jahren hat ihm eine neue Niere das Leben gerettet. Die Medikamente zur Immunsuppression, die ein Abstoßen des neuen Organs verhindern und lebenslang eingenommen werden müssen, erhöhen einerseits das Risiko von Infektionen. Schon eine traditionelle Grippe kann lebensbedrohende Ausmaße annehmen. Andererseits wird durch die Medikamente, die auch vielen Menschen mit Autoimmunkrankheiten verschrieben werden, auch die Wirksamkeit von Impfstoffen drastisch abgeschwächt.

Das ist freilich nicht neu für Medizin und Forschung – beim hochinfektiösen Coronavirus aber besonders heikel und folgenschwer.

Öfter impfen

Erste internationale Studien mit geimpften Transplantationspatienten bestätigen das. Bei doppelt Geimpften in dieser besonders vulnerablen Gruppe wurde laut einer Untersuchung der Johns Hopkins Universität bei nur der Hälfte der Untersuchten ein Anstieg der Antikörperwerte festgestellt.

„Für diese Menschen gibt es dennoch Hoffnung“, sagt Winfried Pickl vom Institut für Immunologie an der MedUni Wien im KURIER-Gespräch: „Es gibt Personen, die nicht nach zwei Impfungen ansprechen, aber vielleicht nach drei oder vier Impfungen. Daher gilt es, weiterzuimpfen.“ Historisch gesehen helfe zudem der Mix von Impfpräparaten.

Dritte Impfung kann Schutz bringen

Diesen Trend konnte nun auch der US-amerikanische Transplantationschirurg Dorry Segev in einem Wissenschaftsmagazin bestätigen. 24 seiner Transplantationspatienten, bei denen nach zwei Impfungen keine Antikörper nachgewiesen werden konnten, haben nach einer dritten Spritze ebensolche entwickelt.

Es ist jene Perspektive, die sich auch Jochen viele Monate sehnlichst gewünscht hat, wenngleich der Selbstständige zugibt: „Ich kann mir vorstellen, dass es für andere Personen mit einer ähnlichen Krankengeschichte schwieriger ist. Ich muss nicht zwingend mit der U-Bahn fahren oder in einem Großraumbüro sitzen. Mir ist bewusst, dass dies jetzt gerade ein ungeheures Privileg ist.“

Passiver Schutz

Die Impfung allein sei obendrein nicht die einzige medizinische Maßnahme gegen das Virus, erklärt Immunologe Pickl. „Es gibt auch einen passiven Schutz dagegen. Wenn jemand etwa weiß, dass er Kontakt mit einer infizierten Person hatte, kann er sich auch danach noch schützen, und zwar mit Antikörpern, die er sich über ein Medikament ausborgt.“

Es gibt bereits zugelassene Präparate, die jedoch zwei Haken haben: Sie sind teuer und müssen, um wirken zu können, im Frühstadium einer Covid-Infektion eingenommen werden. Wichtig dabei ist laut Pickl, dass es sich dabei „nicht um einen langfristigen Schutz“ handelt. Nach drei bis vier Wochen sei dieses Antikörper-Depot aufgebraucht.

Mix an Möglichkeiten hilft

Zudem gibt es Medikamente, welche die Virusausbreitung im Falle einer Infektion unterdrücken sollen. Die MedUni Wien forscht aktuell mit russischen Wissenschaftern an Präparaten zum Inhalieren. Pickl: „Der Bedarf ist enorm. Der Mix aus all diesen Möglichkeiten gibt auch Patienten, die auf eine Immunsuppression angewiesen sind, Hoffnung.“

Für Menschen wie Jochen werden die kommenden Wochen dennoch nicht einfach. Wenn er aus seinem Fenster auf die Fußgängerzone blickt, erkennt er das Leben zurückkehren. Und das bedeutet für ihn, dass er sich wieder etwas weiter zurückziehen muss. „Nicht so schlimm“, sagt er, „Transplantationspatienten sind ja ohnehin Experten darin, sich zu schützen.“

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