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Wissen Gesundheit
12/02/2021

Covid-Pille Molnupiravir: Warum sie kein Mittel für jeden Infizierten ist

In den USA stimmte ein Expertengremium nur mit knapper Mehrheit für ihre Zulassung. Wie ein klinischer Pharmakologe Nutzen und Risiken einschätzt.

von Ernst Mauritz

Es war eine knappe Entscheidung: 13 Mitglieder eines Beratergremiums der US-Arzneimittelbehörde FDA haben sich für eine Notfallzulassung des Covid-19-Medikaments Molnupiravir des Pharmaunternehmens MSD (USA: Merck & Co.) ausgesprochen – und 10 dagegen. Meist folgt die Behörde dem Urteil der Berater, mit einer US-Zulassung wird also gerechnet. Auch die Europäische Arzneimittelagentur EMA prüft Molnupiravir.

Laut jüngsten Daten reduziert Molnupiravir bei Ungeimpften mit Risikofaktoren das relative Risiko, im Spital behandelt zu werden oder zu versterben, um 30 Prozent. Erste Analysen ergaben noch 50 Prozent.

Die Tabletten müssen in den ersten fünf Tagen nach Symptombeginn eingenommen werden. „Man muss 30 ungeimpfte Patienten mit Risikofaktoren behandeln, um eine Spitalsaufnahme zu vermeiden“, sagt der klinische Pharmakologe Markus Zeitlinger von der MedUni Wien: „Das ist aber besser als viele andere Medikamente, die wir heute in verschiedenen Gebieten einsetzen.“ Und: „In der Molnupiravir-Gruppe gab es einen Todesfall, in der Placebo-Gruppe neun. Das ist schon ein gutes Verhältnis.“

Erbgut- Kopierfehler

Für die Vermehrung der Viren in menschlichen Zellen muss ihr Erbgut – die RNA – kopiert werden. Molnupiravir baut Virus-ähnliche Bausteine in die Viren-RNA ein, es kommt zur Anhäufung von Kopierfehlern (Mutationen) bei ihrer Vervielfältigung, die Virusvermehrung wird massiv gestört.

Manche Experten befürchten, dass es auch in den Zellen selbst zu einer erhöhten Mutationsrate kommen könnte – und damit etwa das Krebsrisiko steigt. „Man hat in Bakterienkulturen einen erbgutverändernden Effekt gesehen, aber nicht in Tierversuchen“, sagt Zeitlinger.

Nachgewiesen ist, dass ungeborene Tiere geschädigt werden können: Schwangeren und Stillenden darf das Präparat nicht verabreicht werden. „Aber das dürfen viele Medikamente nicht.“ Für unter 18-Jährige wird es noch keine Zulassung geben, weil hier Molnupiravir noch nicht untersucht wurde. Eine andere Sorge: Das Präparat könnte die Bildung resistenter Virusmutationen begünstigen.

Zeitlinger: „Man muss sich gut überlegen, wem man das Präparat gibt.“ Aber bei Erwachsenen mit hohem Risiko für einen schweren Covid-Verlauf – etwa Begleiterkrankungen oder starkem Übergewicht – „sehe ich den Nutzen größer als ein mögliches Risiko. Deshalb würde ich auch eine Zulassung in der EU für die entsprechende Patientengruppe befürworten. “ Er unterstütze es auch, dass die Regierung 80.000 Therapiezyklen zu je 612 € bestellt hat.

Auch Pfizer entwickelt ein antivirales Medikament – „da haben wir aber noch viel weniger Informationen als zu Molnupiravir“. Fazit: „Diese Medikamente werden manchen Patienten helfen können – ein Ersatz für die Impfung sind sie nicht.“

Impfung und Omikron

Unterdessen wird die Wirksamkeit der mRNA-Impfstoffe gegen die Omikron-Variante diskutiert: Biontech-Chef Uğur Şahin ist zuversichtlich, dass diese auch bei Omikron vor schweren Krankheitsverläufen schützen werden. – „Ich möchte Daten sehen, nicht CEO-Statements“, antwortete daraufhin der Virologe Florian Krammer auf Twitter. Weniger optimistisch ist Moderna-Chef Stéphane Bancel: Er rechnet mit einer erheblichen Abnahme des Schutzes, sagte er der Financial Times.

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