Distanz und Masken könnten uns laut einer Studie noch lange erhalten bleiben.

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Wissen Gesundheit
04/17/2020

Coronavirus: Wann kommt eine zweite Welle?

Experten sehen eine erhöhte Gefahr des Wiederaufflammens von Infektionsketten im kommenden Herbst und Winter.

von Ernst Mauritz, Konrad Kramar

Das Leben auf Distanz wird uns noch länger bleiben: Renommierte Forscher und Epidemiologen gehen in einer in Science publizierten Studie davon aus, dass diese Maßnahmen – durchgehend oder zumindest phasenweise – bis 2022 aufrecht erhalten werden müssen. Und: Bereits im kommenden Winter könnten weitere Ausbrüche bevorstehen.

Richard Neher vom Biozetrum der Universität Basel sieht ebenfalls eine „erhöhte Gefahr des Wiederaufflammens im Herbst und Winter“. Er hat in der Zeitschrift Swiss Medical Weekly schwedische Daten zur Häufigkeit der vier schon lange bekannten Coronaviren ausgewertet, die Erkältungskrankheiten verursachen.

Der Virennachweis in Abstrichtests war demnach von Dezember bis April zehnmal so hoch wie zwischen Juli und September. Natürlich heiße das nicht, dass es diese Saisonalität auch beim neuen Coronavirus SARS-CoV-2 gebe: „Aber wenn die Übertragungswege ähnlich sind, würde man erwarten, dass diese Saisonalität auch für das neue Virus zutrifft – je nördlicher, umso stärker.“ Wenn dies zutreffe, dann könnte der Spielraum für Lockerungen der Maßnahmen „im Sommer größer sein als im Winter. Da müssen sie dann vermutlich strenger sein“, betont Neher.

Je niedriger der erste Gipfel an Erkrankungen war, umso größer könne der zweite sein. „Aber er ist mit dem richtigen Verhalten vermeidbar. Bis in den Herbst werden wir auch besser verstehen, welche Maßnahmen mehr, welche weniger bringen.“

„Auf einem Pulverfass“

Auch Infektionsspezialist Herwig Kollaritsch geht davon aus, „dass wir über einen längeren Zeitraum unsere allgemeinen Lebensumstände an die biologischen Eigenschaften des Virus anpassen und die Übertragungswahrscheinlichkeit reduzieren müssen. Wir werden mit Maßnahmen wie Maskentragen und Abstandhalten leben müssen, bis wir die Erkrankung besiegt haben.“ Oder das Virus verändere sich so, dass es kaum mehr Erkrankungen auslöst: „Das kennen wir von anderen Viren.“

Das Ausmaß der Einschränkungen werde immer von den Erkrankungszahlen abhängen: „Wenn wir keine Neuinfektionen mehr haben, können auch Menschen mit Risikofaktoren hinausgehen.“ Voraussetzung werde immer sein, dass beim Auftreten eines lokalen Ausbruchs sofort reagiert, die Personen isoliert, Kontaktpersonen nachverfolgt und ebenfalls isoliert werden. „Eine zweite Welle ist bei zu freizügigen Maßnahmen jederzeit möglich“, betont Kollaritsch.

Im Winter werden die Schnupfen- und Grippekranken die Erfassung der Covid-19-Patienten erschweren: „Wir werden jeden, der Schnupfen hat, testen müssen.“ Und man müsse auch die Grippeimpfung bewerben, um zumindest hier eine Entlastung für das Gesundheitssystem zu schaffen. „Wir müssen uns immer klar sein: Wir leben auf einem Pulverfass. Wenn man die Lunte zündet, geht es wieder los.“