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Wissen Gesundheit
12/30/2021

Corona: Wann geht die Pandemie endlich zu Ende?

Die neuerlich steigenden Infektionszahlen sorgen bei vielen Menschen für Frust und Unsicherheit. Die Omikron-Welle könnte aber bereits der Anfang vom Ende der Pandemie sein.

von Ernst Mauritz

Die neuerlich steigenden Infektionszahlen - der Beginn der Omikron-Welle - führen bei vielen zu einer gewissen Frustration: "Hört denn die Pandemie nie auf?", fragen sich viele. Angesichts der dramatischen Meldungen von täglich neuen Infektionsrekorden in vielen Ländern gehen zuversichtliche Stimmen - ohne die Lage zu verharmlosen - derzeit etwas unter. Denn die fünfte Welle bedeutet nicht, dass jetzt wieder alles bei Null beginnt und die Zeit auf März 2020 zurückspringt.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt zwar einerseits vor dem gleichzeitigen Auftreten von Omikron und Delta. Andererseits könnte die Pandemie zumindest mit ihren schweren Verläufen im kommenden Jahr auslaufen - wenn es gelingt, dass bis zur Jahresmitte 2022 in jedem Land mindestens 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sind. "Wir können die Phase der Hospitalisierungen und des Todes zu einem Ende bringen",  sagte WHO-Experte Mike Ryan.

Und US-Top-Infektiologe Anthony Fauci geht davon aus, dass in den USA der Höhepunkt der Omikron-Welle bis Ende Jänner erreicht sein wird.

2022 werde "den Anfang des Endes der Pandemie bringen", sagte etwa der Epidemiologie Ivo Müller vom Forschungsinstitut Wehi in Melbourne, Australien, in einem Telefoninterview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Trotz des Rückschlags, den die Welt derzeit durch die Omikron-Variante erlebt, ist der Epidemiologe zuversichtlich, dass 2022 die Trendwende einleiten werde.

Begleitung in die endemische Phase

"Ich gehe davon aus, dass Omikron die SARS-CoV-2-Variante sein wird, die uns in die endemische Phase begleiten wird", sagte auch der Berliner Virologe Christian Drosten kürzlich in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. "Dieses Virus wird wegen seiner enormen Infektiosität das erste postpandemische Virus werden."

England und Südafrika sind uns auf dem Weg in die endemische Phase voraus: Nach der derzeitigen Winterwelle werde es im Herbst noch einmal eine Nachdurchseuchung geben, "wo man wohl auch noch einmal mit den angepassten Vakzinen dagegen boostern muss. Danach wird man sagen können: Die endemische Phase ist jetzt erreicht."

In Deutschland werde es schwieriger werden wegen der großen Impflücken in der älteren Bevölkerung - das trifft auch auf Österreich zu.

Drostens Kollege Hendrik Streeck geht im Interview mit der Deutschen-Presse-Agentur davon aus, dass es weiterhin Wellen in den Herbst- und Wintermonaten geben wird. "Wie die genau aussehen werden, hängt von vielen Faktoren ab, etwa von den Varianten, die noch kommen. Wir müssen einen Sommerreifen- und einen Winterreifen-Modus entwickeln."

Was kommt 2022?

Die Epidemiologin Eva Schernhammer hält es durchaus für möglich, dass Österreich bereits im kommenden Jahr in die "endemische Phase" kommt, in der das Virus zu einem Begleiter der Menschen wird, ähnlich wie die saisonalen Influenza-Wellen.

Noch sei es für eine Vorhersage zu früh: "Wir müssen jetzt einmal über die kommenden Wochen kommen. Und wir müssen beobachten, wie sich die Omikron-Welle bei älteren Menschen auswirkt, wie stark die Spitalsaufnahmen steigen. Aber wenn wir sehen, dass die Zahlen nicht stark steigen und die Immunitätslage in der Bevölkerung doch schon recht gut ist, dann können wir möglicherweise anfangen darüber nachzudenken, wie wir im kommenden Jahr mit einer solchen endemischen Situation umgehen werden."

Generell sei Österreich durch den hohen Anteil der Booster-Impfungen (40 Prozent) und zahlreiche Infektionen in der Delta-Welle ganz gut aufgestellt. "Möglicherweise sind wir im Herbst schon in einer Situation, in der der Umgang mit Corona in die Selbstverantwortung übergeht, so wie bei der Grippe: Jeder der will, kann seinen Impfstatus auffrischen lassen und es besteht keinen Gefahr mehr, dass die Spitäler überlastet werden."

Ob es dann etwa noch gewisse Maßnahmen wie Maskenpflicht in öffentlichen Räumen benötige, werde sich zeigen: "Das erste Jahr im Umgang mit der endemischen Situation wird sicher etwas holprig werden, aber ich hoffe insgesamt etwas weniger stressig", so Schernhammer.

"Ticket in die endemische Situation"

"Dieses Virus könnte unsere Exit-Welle und das 'Ticket' in die endemische Situation werden", twitterte die Virologin Isabella Eckerle von der Universität Genf im Hinblick auf Omikron.

"Endemisch" bedeute nicht, dass Covid 19 keine Krankheitslast mehr hat und/oder deswegen zum Schnupfen wird. "Es bedeutet nur, dass wir keine Ausbrüche in pandemischen Wellen mehr haben."

Es sei also realistisch, dass es sehr viele Infektionen in allen Bevölkerungsgruppen in sehr kurzer Zeit geben wird. Dies werde eine weitere Beanspruchung des Gesundheitssystems bedeuten, aber auch Ausfall von Personal in vielen Bereichen.

"Der positive Aspekt daran könnte sein, dass danach das Infektionsgeschehen schnell absinkt und wir die endemische Situation erreicht haben. Die Herausforderung wird, sich auf eine kurze massive Omikron-Welle einzustellen und dies vorzubereiten, v.a. in Hinblick auf Krankenversorgung."

Unklar bleibe die Krankheitslast von Omikron in vulnerablen Gruppen wie Kinder, Immunsupprimierte und Ungeimpfte. "Wer jetzt Booster bekommen kann, sollte es so schnell wie möglich tun."

"Kein Grund zur Entwarnung"

Als "gute Nachricht, aber keinen Grund zur Entwarnung" bezeichnet es der Komplexitätsforscher Peter Klimek im Ö1 Morgenjournal, dass der Zeitraum von einer Ansteckung zur nächsten (wie lange es dauert, bis beim Angesteckten Symptome auftreten) mit rund 2,2 Tagen deutlich kürzer ist als bei anderen Varianten mit vier bis fünf Tagen.

"Das heißt, dass die Wachstumsphase im Zeitraffer abläuft, das heißt aber auch, dass die Welle relativ früh bricht."

Durchlaufen lassen dürfe man die Welle aber nicht, betonen sowohl Klimek als auch Eckerle. Jede Infektion, die sich vermeiden lässt, entlastet das Gesundheitssystem und reduziert das Leid von Menschen, betonen viele Expertinnen und Experten unisono. "Wir müssen weiter vorsichtig sein", sagt Eva Schernhammer: "Schließlich sitzt uns allen noch der Schreck der früheren Wellen in den Knochen."

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