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Wissen Gesundheit
09/16/2021

Hunderte Schulklassen in Quarantäne: Gibt es eine Alternative?

Mikrobiologe Michael Wagner schlägt ein Modell mit intensiver Testung und FFP2-Masken vor, bei dem es aus seiner Sicht kein Kind mehr nach Hause geschickt werden müsste.

von Ernst Mauritz

Die Zahl der Schulklassen in Quarantäne steigt derzeit kontinuierlich an: Waren es am Mittwoch noch rund 500 österreichweit, sind es heute, Donnerstag, laut standard.at allein in Wien bereits 603 gesperrte Schulklassen. Neue Quarantäneregeln sollen die Zahl der Kinder in Quarantäne zwar reduzieren (freitesten nach fünf statt zehn Tagen,  nur mehr direkte Sitznachbarn sowie "enge Kontakte" sollen in Quarantäne geschickt werden) - sind aber umstritten.

Der Mikrobiologe Michael Wagner von der Universität Wien sagt jetzt, unter zwei Voraussetzungen könnte auf Quarantäne ganz verzichtet werden (ausgenommen natürlich die positiv getesteten Kinder). Damit meint er im Detail folgende Vorgangsweise:

"Nach einem positiven Fall tragen alle Kinder und Lehrer - auch in den Volksschulen - für zehn Tage FFP2-Masken und machen alle 48 Stunden hochsensitive PCR-Tests, die nicht gepoolt (zusammengemischt, Anm.) werden. Das erhöht die Sensitivität (Nachweisgenauigkeit bei positiven Fällen, Anm.) der Tests und damit können Infektionsfälle wirklich ganz frühzeitig erkannt werden. Antigentests reichen da nicht, sie  finden nur einen Teil der infektiösen Personen und auch erst dann, wenn diese hochinfektiös sind, und können deshalb Cluster nicht zuverlässig auslöschen. Mit dieser Vorgangsweise wäre es aller Voraussicht nach möglich, alle Kinder in den Klassen zu belassen."

Wagner kritisiert die Regelung, nur enge Kontakte in Quarantäne zu schicken: "Eines von 3000 bis 5000 infizierten Kindern erkrankt an MIS-C. Dies ist eine potentiell lebensbedrohliche Folgeerkrankung. Auch Long Covid bei Kindern, das im einstelligen Prozentbereich der infizierten Kinder auftritt, darf nicht übersehen werden. Mit diesen Änderungen nehmen wir zusätzliche schwere Erkrankungsfälle bei Kindern in Kauf."

Denn eine Haupterkenntnis der Pandemie sei doch, "dass es – schon vor Delta – eine Aerosolübertragung gibt und sich das Virus in Innenräumen über weite Strecken verteilen kann. Dadurch können sich auch Menschen anstecken, die weit weg sitzen von einer infizierten Person“.

Die Überlegung mit den Sitznachbarn und den eineinhalb Metern Abstand stamme noch aus der Zeit, als man nur von einer Tröpfcheninfektion ausging: "Da gibt es aber mittlerweile unzählige Fallstudien aus Bussen, Schulen, Restaurants, die auch die Übertragung durch Aerosole über weitere Entfernungen als eineinhalb Meter belegen."

"Künstliche Trennlinie"

Wagner ist auch gegen die Empfehlung, Volksschulkinder bei nur einem Erkrankungsfall in einer Klasse generell als K2-Kontaktpersonen einzustufen, die nicht in Quarantäne müssen. Begründet wird dies damit, dass bei ihnen das Risiko einer Übertragung als gering angesehen wird. "Kinder unter zehn Jahren stecken sich genauso oft an wie Kinder über zehn Jahre, sie haben auch genauso viele Viren im Rachen. Das ist eine künstliche Trennlinie, die vielleicht politische Gründe hat, aber sicher keine wissenschaftlichen."

Kinder würden ständig in den Klassen hin- und herwechseln und sich vermischen, etwa auch im Sport: "Am Ende erhöht man damit nur die Inzidenzen und hat dann ähnlich viele kranke Kinder in Absonderung daheim wie Kinder, die lediglich wegen eines Kontakts in Quarantäne sind."

Aus der Sicht von Wagner werden schwere Erkrankungen von Kindern weniger ernst genommen als mögliche seltene Impfnebenwirkungen: "Wenn bei 100.000 Impfungen eine Hirnvenenthrombose auftreten kann, will sich niemand mehr mit diesem Impfstoff impfen lassen und die Politik ändert ihre Empfehlungen. Dass eines von 3000 bis 5000 Kindern schwer erkranken kann nehmen wir mit den derzeitigen Quarantäneregeln aber hin.  Denn diese gehen eindeutig in die Richtung, dass man die Infektionen bei den Kindern ein Stück weit durchlaufen lässt - und das so knapp vor der Einführung eines Impfstoffes für die Fünf- bis Elfjährigen."

Dabei wären es jetzt die Erwachsenen den Kinder schuldig, sich zu impfen, um die Kinder schützen zu können, bis diese selbst geimpft werden können.

Wagner wendet an seinem Institut mit zirka 200 Mitarbeitern übrigens auch ein ähnliches Modell an, wie er es statt der Quarantäne an der Schule vorschlägt: "Wir haben 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und sind zu zirka 98 Prozent geimpft. Trotzdem testen wir drei Mal in der Woche mittels PCR. Entdecken wir einen positiven Fall, setzen wir alle für zehn Tage eine FFP2-Maske auf, um zu verhindern, dass wir als Geimpfte die Infektion nach Hause tragen und dort z. B. noch ungeimpfte Kinder anstecken."

Auch der Leiter der Kinderklinik Innsbruck, Thomas Müller, hat ein Modell vorgeschlagen, wo zumindest bei einem positiven Fall alle Kinder in der Klasse bleiben können: „Ist nur ein Schüler in einer Klasse positiv, sollte man alle Mitschülerinnen und Mitschüler in der Klasse belassen und dafür täglich bis zum Tag  6 in der Schule einen Antigentest bzw. alle 48 Stunden einen PCR-Test durchführen, wenn letzterer logistisch möglich ist. Gleichzeitig sollte es eine generelle Mund-Nasenschutzpflicht bzw. ab der Oberstufe eine FFP2-Maskenpflicht für alle K1-Kontaktpersonen – einschließlich der Geimpften und Genesenen –  für zehn Tage  geben. Werde hingegen mehr als ein Schüler positiv, dann sollte es eine Quarantäne nur für alle nicht Geimpften und nicht Genesenen geben – mit einer Freitestung mittels PCR nach fünf Tagen.

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