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Wissen
09/28/2021

Früher hatten hier Banden das Sagen, heute der Direktor

Wie ein Schulleiter es schaffte, eine Schule in einem sozial benachteiligten Viertel zu einer der besten in England zu machen.

60 Lehrpersonen begrüßen jedes Kind und jeden Elternteil in der Früh persönlich – und das mit einem Lächeln im Gesicht. Das war nicht immer so. Um die Schule, die im ärmsten Bezirk Londons liegt, machten viele einen großen Bogen: Drogen, Waffen, Bandenwesen, Armut sowie kaum Kinder, deren Muttersprache Englisch ist – das war hier die Normalität, erzählt Bildungswissenschafter Roland Bernhard. Aus ethischen Gründen darf er die Schule nicht namentlich nennen.

No-Go-Zone

„Es gab Zonen, die die Lehrkräfte nicht betreten durften. Eine Lehrerin erzählte, dass sie am ersten Schultag nur auf dem Sportplatz war, weil es fünf Mal einen Feueralarm gab“. Auch das Urteil der Schulinspektion war vernichtend: „Ungenügend“. Die Jugendlichen sind in der Schule nicht sicher, der Unterricht ist eine Katastrophe, die Ergebnisse ebenso. All das war auf der Homepage der Schule zu lesen, denn die Inspektionsberichte sind dort zu veröffentlichen.

Das ist 15 Jahre her. Heute gehört die Schule zu jenen, die bei ihren Schülern den größten Lernfortschritt bewirkt – auch das kann im englischen Schulsystem genau gemessen werden. Und dies gelang, obwohl die Schule immer noch Kinder aus dem gleichen Viertel aufnimmt wie vor 15 Jahren. Rund zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler bekommen immer noch vom Staat das Mittagessen bezahlt, weil sich die Eltern das nicht leisten können.

Verantwortlich für den Wandel war ein neuer Direktor, der ein klares Ziel vor Augen hatte: Er wollte die Schule möglichst weit nach vorne bringen. Von ihm kam nicht nur die Idee mit den Begrüßungen. Er wollte eine grundsätzlich andere Atmosphäre im Haus.

Nur geschrien

„Früher haben die meisten Lehrkräfte mit den Kindern geschrien“, erzählt Bernhard. Doch der Direktor machte klar, dass damit Schluss sein muss und bald herrschte ein anderer Umgangston – auch mit den Eltern, weil die Lehrkräfte gute Beziehungen zu ihnen aufgebaut und sie in die Schule geholt haben. „Viele Mütter und Väter gehen mittlerweile häufig bei Ausflügen mit, zwei Eltern organisieren das Schulbuffet“, berichtet Bernhard.

Auf nach Oxford

Ein Lehrer verrät ein weiteres Geheimnis: „Wir nutzten jede Gelegenheit, um mit den meist muslimisch geprägten Eltern zu reden und ihnen zu sagen, dass ihr Kind an die Universität gehen kann. Wir könnten das gemeinsam schaffen, wenn wir gut zusammen arbeiten“.

Eine Perspektive, die auch den Schülern eröffnet wurde: „Lehrkräfte besuchten mit ihnen Vorlesungen an den Hochschulen und sagten: ’Schau mal, du könntest einer von diesen Menschen hier sein.’“ So gelang es, dass sich die Jugendlichen hohe Bildungsziele setzten und auch das Selbstvertrauen hatten, diese zu erreichen. Dabei halfen auch Studierende aus Oxford und Cambridge, die mit Schülern in Workshops übten, wie man sich für diese Eliteuniversitäten bewirbt.

Das Konzept der Londoner Schule ist erfolgreich: Mehr als 90 Prozent eines Jahrgangs wechseln dort auf ein Hochschule, manche sogar auf eine Elite-Universität. Und das aus einer Brennpunktschule.

Steiniger Weg

Der Weg dahin war steinig: Ein starker Fokus lag vor allem auf der Verbesserung des Unterrichts. Der Direktor sorgt gemeinsam mit einem größeren Schulleitungsteam dafür, dass der Unterricht wirklich auf gesicherten Erkenntnissen der Schuleffektivitätsforschung beruht. „Dieses Team hat immer wieder den Unterricht besucht und die Lehrpersonen solange nicht ausgelassen, bis das Konzept in der gesamten Schule etabliert war. Sehr oft haben sich auch Kollegen gegenseitig besucht und sich Feedback gegeben“, erzählt Roland Bernhard.

Das Resümee des Bildungswissenschafters: „Das ist ein zentrales Ergebnis meiner Studie, je mehr in einer Schule hospitiert wird und man sich gegenseitig hilft, Unterricht zu verbessern, desto mehr verbessern sich die Schülerleistungen.“

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