Wissen und Gesundheit
22.09.2017

"Emotionale Erfahrungen sind reicher als gedacht"

Sechs Grundgefühle hat der Mensch, lautete bisher ein Psychologen-Gesetz. Jetzt gesteht uns eine neue Untersuchung sogar 27 Emotionen zu.

Stellen Sie sich vor, Sie beobachten, wie einem Mann eine Spinne in den Mund krabbelt. Oder wie ein Schwein aus einem fahrenden Lastwagen fällt. Oder wie eine Katze einem Hund eine Massage gibt. Absurd und zusammenhanglos? Richtig!

Dennoch waren alle drei Sequenzen zentraler Bestandteil eines psychologischen Experiments: Forscher der Universität Berkeley zeigten 853 Teilnehmern 30 Videos. Die Freiwilligen wurden bei Amazon Mechanical Turk (einem Online-Marktplatz für Gelegenheitsarbeiten, der auf die Schwarmintelligenz setzt) rekrutiert. Die Videos waren nicht länger als zehn Sekunden und zeigten unter anderem lachende und weinende Kinder, niedliche Katzenbabys, Autounfälle, riskante Stunts, Sex oder Stürme. Ihr einziger Zweck war es, Emotionen hervorzurufen. Und das gelang den Studienautoren so gut, dass jetzt ein ehernes Psychologen-Gesetz über den Haufen geworfen wird.

Aus 6 werden 27

Bisher galt: Sechs Grundgefühle empfindet der Mensch. Aus den Basis-Emotionen Angst, Ekel, Glück, Trauer, Überraschung und Wut setzen sich alle übrigen Gefühle zusammen. Sie gehen mit bestimmter Mimik und körperlichen Veränderungen einher, die in aller Welt erkannt werden. Als einer der Entdecker gilt der US-Forscher Paul Ekman. Beim aktuellen Versuch aber haben die US-Wissenschaftler das identifiziert, was normale Menschen schon lange fühlen – viel mehr Emotionen nämlich. 27, um genau zu sein.

"Wir wollten die ganze Palette von Emotionen, die unsere innere Welt färben, beleuchten", sagt Studienautor Alan S. Cowen, Neurowissenschaften aus Berkeley im Journal Proceedings of National Academy of Sciences (PNAS). "Die Antworten spiegelten eine Reihe von emotionalen Zuständen wider, die von Nostalgie bis Ekel reichten", sagt Cowen. Die Teilnehmer nannten Gefühlszustände wie Anbetung, Langeweile, Gelassenheit oder Neid. "Wir haben festgestellt, dass 27 unterschiedliche Dimensionen, nicht sechs, notwendig waren, um zu erklären, wie Hunderte von Menschen zuverlässig ihr Gefühl als Reaktion auf jedes Video eingeordnet haben", sagt Mitautor Dacher Keltner, Psychologieprofessor in Berkeley.

Durch die Analyse der vielen Gefühle entdeckten die Psychologen auch, wie die Emotionen zusammenhängen – wie Angst zu Schrecken und zu Ekel wird, wie Ruhe zu ästhetischer Wertschätzung und die wiederum zu Ehrfurcht. Mit statistischen Visualisierungstechniken legten die Forscher einen Atlas menschlicher Emotionen an. Sie ordneten jeder der 27 Emotionsformen eine Farbe zu. Heraus kam eine interaktive Karte mit Clustern. Denn viele Gefühle überschneiden sich, wie etwa Angst, Schrecken und Ekel oder sexuelles Verlangen und Romantik.

Fazit

Cowens Fazit: "Emotionale Erfahrungen sind so viel reicher und nuancierter als bisher gedacht." Jetzt hofft der Neurobiologe, dass die Erkenntnisse anderen Wissenschaftlern dabei helfen, die psychiatrischen Behandlungsmethoden zu verbessern. Menschen mit Depressionen könnte durch die differenzierte Emotionseinteilung künftig gezielter geholfen werden, wenn die Stimmungsschwankungen über Wut und Angst hinaus eingeordnet würden.

Ach ja, wer es genau wissen will: Die 27 menschlichen Emotionen sind Angst, Ekel, Schrecken, Besorgnis, sexuelles Verlangen, Romantik, Nostalgie, Trauer, Wut, Schmerz, Überraschung, Erleichterung, Aufregung, Interesse, Langeweile, Verwirrung, Verzückung, Gelassenheit, Verlangen (nach Essen), ästhetische Wertschätzung, Bewunderung, Verehrung, Freude, Staunen, Belustigung, Zufriedenheit und Befangenheit.