Leben
19.08.2018

Kontrollieren wir unsere Emotionen oder sie uns?

Eine Annäherung an die rätselhafte Welt der Empfindungen.

Noch bevor wir uns über ein Gefühl im Klaren sind, ist die Gänsehaut schon da. Dieser Schauer, der einen in negativen wie positiven Momenten überkommen kann, gibt Forschern bis heute Rätsel auf. In der Medizin gilt die Piloerektion als Reflex, der ursprünglich der Wärmeregulation des Körpers diente.

Gefühle rufen so gut wie immer körperliche Reaktionen hervor. Ob Erregung, Angst, Stress oder Glück: All das zeigt sich – manchmal deutlicher, manchmal weniger klar – durch weiche Knie, durch Herzrasen, Gefühle können einem die Röte ins Gesicht treiben oder auf den Magen schlagen.

Messen lassen sich Gefühle nicht – Wissenschaftler können sich ihrer Bedeutung nur annähern. Im Rahmen eines Experiments fanden finnische Forscher heraus, in welchem Körperteil Menschen ihre Emotionen verorten. Unabhängig von der Herkunft wird Ekel vor allem in der Halsregion empfunden, Trauer sorgt für schwere Gliedmaßen und Freude ist bis in die Fingerspitzen spürbar.

„Krankheit der Seele“

In der Philosophie wurden Gefühle als Gegensatz zur Vernunft lange als etwas angesehen, das einem widerfährt, dem man unkontrolliert ausgesetzt ist – nicht selten galt Emotionalität als „Krankheit der Seele“ (Chrysippos von Soloi) und die Vernunft gar als „Sklavin der Gefühle“ ( David Hume). Im Zuge der Aufklärung hielt Jean-Jacques Rousseau noch fest: „Alle Empfindungen, die wir beherrschen, sind rechtmäßig – alle, die uns beherrschen, sind verbrecherisch.“

Bis heute wird gerne mit dem Widerspruch von Vernunft und Gefühl argumentiert, wenn jemand sagt: „Ich konnte nicht anders.“ Doch in der modernen Philosophie ist der Mensch „mehr als der Spielball seiner Gefühle“, wie Elisabeth Gruber vom Wiener Viktor Frankl Zentrum erklärt. „Ein Tier, das in der Natur angegriffen wird, hat drei Möglichkeiten zu reagieren: Flucht, Gegenangriff oder Unterwerfung. Das sind im Prinzip auch die Reaktionsmuster, die wir Menschen leben.“ Frankl zufolge ist der Mensch mehr als das Opfer seiner Gefühle: „Im Unterschied zum Tier verfügt der Mensch über die Freiheit des Willens.“

„Ich kann nicht anders“ sei daher nichts anderes als eine Ausrede auf das Schicksal. „Ich mache mich dadurch ohnmächtig als Opfer meiner Gefühle, meiner Eltern oder etwa meiner Genetik“, erklärt Gruber und zieht eine Metapher des Neurowissenschaftlers Joachim Bauer heran: „Wir haben Tasten wie ein Klavier – es braucht einen Virtuosen, um die Melodie des Lebens zu spielen.“ Darum sei es wichtig bewusst zu machen, welches emotionale Repertoire man zur Verfügung hat.

Fall Elliot

In der modernen Philosophie ist man zur Erkenntnis gekommen, dass die Vernunft das Gefühl braucht, um zu funktionieren. Belegt wurde das am anschaulichsten mit einem Patienten des Hirnforscherpaars Hanna und Antonio Damasio, der Mitte der 90er-Jahre als Fall Elliot bekannt wurde. Elliots Gehirn war durch einen Tumor teilweise zerstört – er konnte keine Gefühle mehr aufbringen und damit auch keine Entscheidungen mehr fällen. Er bekam Bilder von schrecklichen Vorfällen zu sehen und nahm das Leid auf den Fotos zwar wahr – er zeigt aber keine Reaktionen. Er fühlte nichts. Und war damit nicht mehr fähig, vernünftige Urteile zu treffen.

„Die einzelnen Regionen in unserem Gehirn sind ziemlich dumm“, erklärte Damasio daraufhin. Letztendlich bestehe das Gefühl aus einem Kreislauf zwischen Gehirn und Körper. Wie in einem Stromkreis werde ein Stimulus in einem Hirnareal stimuliert, über den Hypothalamus an den Hirnstamm weitergegeben und eine Körperreaktion hervorgerufen – etwa Gänsehaut. Diese wiederum beeinflusst die Wahrnehmung des Gehirns. Es entsteht ein Gefühl.