Wissen und Gesundheit
05.03.2017

Nobelpreisträgerin erklärt das Geheimnis langer Jugend

Molekularbiologin Elizabeth Blackburn erforscht den Prozess des Alterns und verrät, wie man länger leben kann. Ihre Tipps sind einfach, aber effizient

Sie sind für unser Auge nicht sichtbar, beeinflussen das Leben aber entscheidend: Telomere, die Enden unserer Chromosomen. Die Molekularbiologin und Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn vergleicht sie gerne mit den Plastikkappen von Schuhbändern: Je länger die Kappen an den Enden der Schuhbänder sind, desto geringer ist die Gefahr, dass sie ausfransen. Genauso ist es mit den Telomeren: Die Kappen an den Enden der Chromosomen verhindern, dass das Erbmaterial zerfasert.

Nun weiß jeder Turnschuh-Träger, dass Plastikkappen am Schuhband mit der Zeit ausfransen und unbrauchbar werden – Telomere verschleißen ebenfalls im Laufe des Lebens. Wenn sie zu kurz werden, hören Zellen auf, sich zu teilen. Das führt dazu, dass die Zellen "vergreisen" und der Körper anfälliger für altersbedingte Krankheiten wird, sagen Experten wie Blackburn.

Die gebürtige Australierin forscht seit Jahrzehnten an den genetischen Mechanismen des Alterns – dafür bekam sie 2009 den Medizin-Nobelpreis. Jetzt hat sie mit der Gesundheitspsychologin Elissa Epel ein Buch geschrieben, das Telomere erklärt und praktische Tipps gibt, wie man sein Leben verlängern kann. Keine Anleitung zu ewiger Jugend – "es geht vor allem darum, die gesunden Lebensjahre zu verlängern. Unsere Telomere zu pflegen, ist dabei eine Möglichkeit", erklärt sie im KURIER-Gespräch. Die Nobelpreisträgerin versucht dies jeden Tag. Etwa, wenn sie von ihrem Zuhause in Kalifornien zu Fuß in die Arbeit geht, erzählt sie.

Vorbild ist ihre Freundin Marie-Jeanne, eine pensionierte Molekularbiologin. Die Französin erfüllt laut Blackburn die Kriterien für gesundes Altern: Sie interessiert sich nach wie vor für ihre Arbeit, kommt ins Büro, besucht Ausstellungen. Einmal im Monat lädt sie jüngere Kollegen zum Essen und Diskutieren zu sich nach Hause ein – sie wohnt in einer Wohnung im fünften Stock, ohne Aufzug. Das klingt vielleicht banal, doch fragt man Blackburn, ist sie davon überzeugt, dass man das Altern durch einen achtsamen Lebensstil und vor allem ohne teure Präparate steuern kann.

Lebensumstände

Was sich oft nicht so einfach steuern oder beeinflussen lässt, sind die Lebensumstände mancher Menschen. Armut, niedriger Bildungsstand oder Traumata in der Kindheit , wie Vergewaltigung, Missbrauch, häusliche Gewalt oder Mobbing, haben einen großen Einfluss auf Telomere. Ebenso chronischer Stress, berichtet Blackburn und verweist auf eine US-Studie: Mütter, die sich täglich und ohne Unterstützung um kranke Familienangehörige kümmerten, standen unter enormer Belastung – und hatten verkürzte Telomere. Das kann über Generationen weitergegeben werden. Zumindest konnten die Wissenschaftler um Blackburn im Nabelschnurblut von Säuglingen vielfach kürzere Chromosom-Enden nachweisen.

Sind jene, die mit kurzen Telomeren zur Welt kommen, automatisch anfälliger für Krankheiten und haben eine geringe Lebenserwartung? Ganz so einfach ist es nicht, meint die österreichische Immunologin und Alternsforscherin Beatrix Grubeck-Loebenstein vom Institut für Biomedizinische Alternsforschung der Universität Innsbruck. "Nur ein Teil hat mit den Telomeren zu tun. Zu einem gesunden Leben gehören noch viele andere Faktoren." Zum Beispiel ein intaktes Immunsystem. Dessen Erhaltung wird an ihrem Institut erforscht. Denn ab dem 40. Lebensjahr werden kaum noch T-Lymphozyten (eine Zellgruppe der weißen Blutkörperchen, die für die Abwehr von Krankheiten wichtig sind) produziert. Der Körper greift dann auf das noch vorhandene Repertoire an Zellen zurück. Passiert dies zu oft, ermüden die Zellen – das sei ein Problem, meint die Forscherin.

Zellen schonen

Wie man seine Zellen schont und dafür sorgt, dass sie sich nicht zu oft teilen, weiß Elizabeth Blackburn. Es gibt Risiko-Faktoren, die jeder vermeiden kann, etwa Rauchen oder der Konsum bestimmter Lebensmittel. Zum Beispiel Softdrinks: Menschen, die jeden Tag 0,6 Liter zuckerhaltige Limonade trinken, weisen – gemessen an der Telomerlänge – einen zusätzlichen biologischen Alterungseffekt von 4,6 Jahren auf, schreiben Blackburn und Epel.

Die Länge der Telomere steht nur statistisch für eine bestimmte Lebenserwartung, räumt Blackburn ein. Sie ließ die Länge ihrer Chromosom-Enden messen und ist beruhigt. Dennoch wisse sie, dass die Telomer-Länge ihre zukünftige Gesundheit nicht treffsicher vorhersagen kann. Wie Menschen darauf reagieren, wenn sie über ihre Telomere Bescheid wissen, haben Blackburn und Epel an Freiwilligen getestet. Die meisten verhielten sich neutral bis positiv, keiner reagierte sehr negativ auf die Testergebnisse. Aber jene mit kurzen Telomeren plagten infolge belastende Gedanken. "Es ist eine sehr persönliche Entscheidung und nicht zwingend nötig. Denn wer raucht, braucht auch keine Lungenbiopsie, um zu wissen, dass er besser aufhören sollte", sagt die Molekularbiologin.

Die "Jung"-Formel

Also wieder eine Frage des Lebensstils. Dazu gehören nicht nur Ernährung und Sport, sondern auch eine positive Einstellung, ergänzt die Gesundheitspsychologin Elissa Epel: "Sie hat weitaus größere Effekte, als oft angenommen wird." Bestimmte Denkmuster wie zynische Feindseligkeit, Pessimismus oder Verdrängen seien ungesund für Telomere. Das zeigte eine britische Studie an Beamten: Männer mit einem hohen Maß an zynischer Feindseligkeit hatten kürzere Telomere als solche mit niedriger zynischer Feindseligkeit. Die feindseligsten Männer hatten mit einer um 30 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit eine Kombination aus kurzen Telomeren und hohem Telomerase-Spiegel.

Das Wort "Telomerase" wurde lange Zeit mit einem "Jungbrunnen-Effekt" in Verbindung gebracht. Es ist ein Enzym, das Erbmaterial an die Erbgutenden lagert, sodass sich die Zellen immer weiter vermehren können und quasi unsterblich werden. Es kann die Verkürzung von Telomeren also verlangsamen, verhindern oder auch rückgängig machen.

Doch die Telomerase hat eine gute und eine schlechte Seite – wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde, erklärt Elizabeth Blackburn. Wir benötigen die "gute" Telomerase, um gesund zu bleiben. Bekommt man aber in den falschen Zellen zur falschen Zeit zu viel davon ab, kann sie unkontrolliertes Zellwachstum fördern – typisch für Krebs. Umso kritischer sieht sie es, wenn Menschen versuchen, ihre Telomerase künstlich anzukurbeln (mehr dazu unten). Die beiden Forscherinnen Blackburn und Epel betonen, dass die Unbedenklichkeit von Pillen, Cremes oder Injektionen noch in keiner klinischen Langzeitstudie zweifelsfrei nachgewiesen wurde. Sie könnten das Risiko, an Krebs zu erkranken, erhöhen.

Die Aktivität von Telomerase lasse sich auf viel natürlichere Weise aktivieren, nämlich mit Meditationsformen, Qigong, Tai-Chi oder Yoga. "Eine gute Möglichkeit, um chronischem Stress zu begegnen." Auch gemäßigter Ausdauersport trägt dazu bei, die Telomere gesund zu halten. Die Gesundheitspsychologin Elissa Epel empfiehlt moderaten Ausdauersport dreimal die Woche für jeweils 45 Minuten, sechs Monate lang – das verdoppelt angeblich die Telomerase-Aktivität. Das Gleiche gilt für hochintensives Intervalltraining. Das mag alles etwas banal klingen, aber offensichtlich ist das Geheimnis des gesunden Alterns gar nicht so geheim.

Buchtipp:„Die Entschlüsselung des Alterns. Der Telomer-Effekt“ von Elizabeth Blackburn und Elissa Epel; Mosaik Verlag; 24,70 €