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Wissen
10/10/2021

Warum am Dienstag so mancher Kindergarten geschlossen bleibt

Zu große Gruppen und eine ungleiche Behandlung von privaten und öffentlichen Einrichtungen sorgen bei Pädagoginnen für Unmut.

von Ute Brühl

Es reicht. Die Pädagoginnen und Pädagogen in den Kindergärten sind am Ende ihrer Kräfte – die Gruppen sind zu groß, die Mitarbeiter zu wenig. Deshalb haben viele, die bei einem privaten Träger in Wien arbeiten, für den morgigen Dienstag eine Betriebsversammlung angekündigt.

"Unsere Forderungen sind längst bekannt", sagt Alexandra Fischer von den Kinderfreunden. Und ihre Kollegin Susanna Haas von der St. Nikolausstiftung präzisiert: "Wenn eine Pädagogin eine Gruppe von 25 Kindern betreuen muss, ist das kaum zu schaffen. Die Anforderungen an die pädagogische Arbeit hat sich ja massiv verändert."

Zudem gebe es zu wenig Vorbereitungszeit – bei den privaten Kindergärten haben die Kolleginnen und Kollegen hierfür fünf Stunden pro Woche, bei den Gemeindekindergärten sind es sechs. "Das ist eindeutig zu wenig." Vor allem, wenn man es mit den Pädagogen in den Schulen vergleicht. Auch beim Gehalt müsse man noch nachbessern. "Und wir wollen gleiche Bedingungen für städtische und private Kindergärten", sind sich beide einig.

Forderungen bleiben

Dass Wiens Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr jetzt angekündigt hat, dass ab dem Jahr 2022 die Assistentinnen 40 statt wie bisher nur 20 Stunden pro Woche in den Kindergartengruppen sind, ändere an den weiteren Forderungen nichts.

Das große Problem, auch für die Politik, ist die Frage: Woher soll man das fehlende Personal nehmen? Dessen ist man sich in den Trägerorganisationen, zu denen auch Kinder in Wien (Kiwi) und die Diakonie gehören, bewusst. "Wir sind realistisch und fordern einen Stufenplan“, sagt Haas, pädagogische Leiterin der St. Nikolausstiftung. Das könnte zum Beispiel heißen, dass nächstes Jahr nur noch 24 Kinder pro Gruppe erlaubt sind und die Gruppengrößen sich dann jährlich verringern.

Schon die Perspektive, dass sich die Lage bald entspannt, würde den Kolleginnen helfen, ist Haas überzeugt. Manche würden es sich dann überlegen, ob sie im Job bleiben – und die, die schon etwas anderes gefunden haben, würden dann vielleicht wieder einsteigen. "Denn der Beruf ist ja ein sehr erfüllender, wenn die Rahmenbedingungen stimmen", sagt Fischer.

Von mehr Personal würden auch die Kinder profitieren: "Wir wissen aus Studien, dass sich die Effekte eines guten Kindergartens auf die gesamte Bildungslaufbahn und das weitere Erwerbsleben entscheidend auswirken", so die Pädagogin. Diese Investitionen rechnen sich: Jeder Euro, den der Staat hier ausgibt, bekommt er später siebenfach zurück. Das kostet natürlich erst einmal Geld. Ziel müsse es daher sein, dass ein Prozent des österreichischen Bruttoinlandprodukts in diesen Bereich fließt.

Stufenplan

Bis es so weit ist, brauche es aber einen Stufenplan. Warum es nur schrittweise gehen kann, erklärt Fischer so: "Allein die Kinderfreunde haben mehr als 600 Gruppen in Wien. Hätte jede nur ein Kind weniger, müssten wir 25 neue Gruppen aufmachen." Übrigens: Personal fehlt nicht nur in Wien – in Salzburg und in Oberösterreich mussten schon Gruppen geschlossen werden, und in der Steiermark werden Pädagoginnen in einem Crashkurs ausgebildet. Österreichweit gibt es neu eine einjährige Ausbildung für Volksschullehrerinnen und für Absolventen der Bildungswissenschaften. "Wo bleibt da die Praxis?", fragt Haas und meint, dass es ein Gesamtpaket braucht, wie z.B. ein Mentoringsystem beim Einstieg in den Beruf.

Mehr ausbilden

Eine Ausbildungsoffensive sei auf jeden Fall nötig, meint auch Alexandra Fischer. Experten fordern, dass Elementarpädagogen genauso wie Volksschullehrerinnen an Hochschulen ausgebildet werden. "Wir merken, dass die fünfjährige Ausbildung an den BAfEPs (Ausbildungsstätte für KindergartenpädagogInnen, Anm.) die Anforderungen in der Praxis kaum abdecken kann. Zum einen sind 15- bis 19-jährige Schülerinnen und Schüler oftmals zu jung, um zu reflektieren, wie ihre eigene Biografie auf ihr pädagogisches Handeln auswirkt, zum anderen beansprucht die Zentralmatura in der Ausbildung viel Zeit, dabei braucht es viel mehr Fach-Wissen", sagt Haas.

Da gebe es feine Modelle, wie man den Absolventen nicht sofort Gruppenverantwortung gibt, damit sie langsam in ihrem Beruf ankommen können. "Derzeit leiten sie sofort eine Gruppe, was dazu führen kann, dass sie nach kurzer Zeit aus dem Beruf aussteigen."

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