Wissen
19.04.2018

Allergien liegen stärker in den Genen als bisher gedacht

Wiener Forscher identifizierten ein Gen, das eine wichtige Rolle bei Allergien spielt.

Für die Entstehung einer Allergie ist ein fataler Mix aus genetischer Veranlagung, Umwelteinflüssen und Lebensumständen verantwortlich. Aber was ist entscheidender? Was einem die Eltern mitgeben oder doch Einflüsse von außen? Eine neue Studie rückt die genetische Komponente nun stärker in den Fokus. Wiener Forscher konnten zeigen, dass das Auftreten eines speziellen Gens die Grundvoraussetzung dafür ist, dass das Immunsystem gegen an sich harmlose Allergene ankämpft. Damit könnten Allergien schon viel früher als bisher erkannt werden und entsprechende Risikoprofile in der Prävention genutzt werden.

Dass Gene eine wichtige Rolle in der Entstehung von Allergien spielen, ist schon länger bekannt. Vor gut 100 Jahren wurde beobachtet, dass das Risiko steigt, wenn bereits Vater oder Mutter Allergiker sind. Mittlerweile weiß man auch, dass bestimmte Gene wahrscheinlich sogar die Bereitschaft beeinflussen, eine Allergie zu entwickeln.

Noch komplizierter wird die Materie, wenn man bedenkt: Beteiligt sind viele Gene oder auch Genvarianten. Kein Wunder, dass Forscher mit Hochdruck daran arbeiten, Licht in das komplexe Geschehen zu bringen.

„Wir wissen nun, wie eine Allergie auf molekularem Weg entsteht“, sagt Studienautor Winfried F. Pickl, Immunologe an der MedUni Wien. Dreh- und Angelpunkt der aktuellen Erkenntnisse ist ein Gen namens HLA-DR1, das im Immunsystem eine wichtige Rolle spielt, und seine Interaktion mit T-Zellen des Immunsystems. „HLA-DR1 ist ein primärer Faktor für eine Sensibilisierung mit einem Allergen“, erklärt er. Das Vorhandensein dieses Gens sieht der Immunologe als „eine Grundvoraussetzung, damit man überhaupt eine Allergie bekommt“.

Immunsystem ist aktiv

Antreiber dafür sind die T-Lymphozyten, kurz T-Zellen des Immunsystems. Sie organisieren die Abwehr von Krankheitserregern und schicken Botschaften an Fresszellen und andere, die an der Immunabwehr beteiligt sind. Im Fall einer Allergie heißt das: „Sie treiben diese an. Wenn jemand viele dieser Zellen hat und zusätzlich HLA-DR1 vorhanden ist, wird man sehr stark und schnell reagieren.“

Dieses komplexe Zusammenspiel von Genetik und Immunsystem konnte Pickls Team bei Labormäusen zeigen. Die Forscher setzten sogenannte humanisierte Mäuse ein – die Tiere tragen einen menschlichen T-Zell-Rezeptor. „Damit konnten wir erstmals die Situation am Menschen widerspiegeln.“ Dazu wurden die Versuchstiere auf natürliche Art in einer Pollenkammer Beifußpollen ausgesetzt, die sie einatmeten. Die Unterschiede traten deutlich zutage: Bei Mäusen mit HLA-DR1-Gen und vielen T-Zellen „kam es zum explosionsartigen Ausbruch von Asthma“.

Ebenso wurde das krankheitsspezifische Immunglobin E (IgE) ausgeschüttet, das bei allergischen Reaktionen bedeutend ist. Die Mäuse ohne das HLA-DR1-Gen „haben gar nicht reagiert“. Das heiße gleichzeitig: „Ohne dieses Gen ist man auch nicht auf einen Stoff sensibilisierbar.“

Das Fehlen des Gens und der Vorläufer-T-Zellen ist aber keine Garantie, gar keine Allergie zu bekommen. „Die Sensibilisierung passiert zwar nicht gleich beim ersten Kontakt, sondern es dauert länger, bis eine Reaktion entsteht.“ Das würde auch erklären, warum bei manchen Menschen Symptome nicht bereits in der Kindheit, sondern erst später im Leben auftreten.

Die Studienergebnisse (publiziert im Fachjournal EBioMedicine) könnten vor allem für die Bestimmung des persönlichen Allergierisikos eines Menschen hilfreich sein. „Etwa in Familien mit einer hohen Allergiebelastung könnten dieses oder andere Gene mit hohem Risiko frühzeitig identifiziert werden.“ Dann könnte bereits präventiv eine Art Schutzimpfung für Risikogruppen entwickelt werden.