Rudolf Valenta im Labor mit einem Chip für die genaue Diagnostik von Allergien: "Diagnose und Therapie dieser Erkrankungen stehen vor einem Umbruch"

© Deutsch Gerhard

Gräserpollen
03/17/2014

Neuer Impfstoff: Revolution der Allergietherapie

2017 könnte ein hochwirksamer Impfstoff von Wiener Forschern auf den Markt kommen.

von Ernst Mauritz

Diagnose und Therapie von Allergien stehen vor einem Umbruch und werden sich deutlich verbessern." Allergieforscher Univ.-Prof. Rudolf Valenta vom Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung der MedUni Wien hat mit seinem Team eine Impfung gegen die Gräserpollenallergie entwickelt. Sie wird von der Firma Biomay derzeit an 180 Patienten in elf europäischen Zentren getestet. Ist diese Studie erfolgreich, könnte der Impfstoff 2017 auf den Markt kommen. Valenta ist einer der Diskutanten beim Gesundheitstalk am Mittwoch (siehe unten).

KURIER: Was ist das Revolutionäre an dem Impfstoff?

Rudolf Valenta:In herkömmlichen Allergieimpfstoffen sind die natürlichen allergieauslösenden Eiweiße – die Allergene – zur Gänze enthalten. Wir hingegen verwenden nur einige wichtige, synthetisch hergestellte Bausteine der vier Hauptallergene des Gräserpollens. Diese Bruchstücke lösen lediglich die Bildung eines Schutzschildes von guten, schützenden Antikörpern (IgG) aus. Diese erkennen eindringende Allergene, fangen sie ein und neutralisieren sie. Unsere Allergenbausteine sind auf einem Trägermolekül aufgebracht, das die Wirkung des Impfstoffes noch verstärkt. Er verursacht keine allergischen Reaktionen, weil er nicht mit den bei Allergien gefürchteten IgE-Antikörpern reagiert. Diese aktivieren jene Prozesse im Immunsystem, die zu allergischen Reaktionen führen. Weil dies bei unserem Impfstoff nicht der Fall ist, können wir viel höhere Dosierungen verwenden und kommen mit vier Impfungen im Jahr – im Gegensatz zu derzeit meist 25 bis 30 – aus. Wir können sofort die volle Dosis geben und müssen sie nicht – wie derzeit üblich – zur Gewöhnung langsam steigern.

Wann wird es Ergebnisse geben?

Im Herbst ist die Studie mit den 180 Patienten abgeschlossen. Sind die Ergebnisse positiv, folgt die Zulassungsstudie mit 400 bis 500 Patienten. In einer früheren, kleineren Studie konnten wir bereits zeigen: Werden geimpfte Allergiker in einer Pollenkammer kontrolliert einer stärkeren Pollenbelastung ausgesetzt, halten sie das mit unserer Impfung viel besser aus. Der Effekt war ungefähr so groß wie bei ungeimpften Allergikern, die vor einer solchen Pollenbelastung ein Anti-Allergie-Medikament (Antihistaminikum, Anm.) eingenommen hatten.

Sie haben einen Allergen-Chip für eine bessere Allergiediagnostik entwickelt. Was kann er?

Auf ihm sind 120 Allergene aufgebracht. Ein Blutstropfen genügt und das Labor sieht sofort, gegen welche Allergene die Person sensibilisiert ist. Dieses Verfahren ist viel aussagekräftiger als der derzeit übliche Prick-Test, bei dem Allergenlösungen auf geritzte Hautpartien aufgebracht werden. Reagiert bei dem Hauttest ein Patient auf Gräser- und Birkenpollen, kann es sich in seltenen Fällen auch nur um eine Allergie handeln – weil ein bestimmtes Molekül, auf das der Patient reagiert, zwar zufällig in Gräser- und Birkenpollen vorkommt, der Patient tatsächlich aber z. B. nur auf die Gräserpollen sensibilisiert ist. Der Chip ist bereits auf dem Markt, die Kassen zahlen aber die Kosten noch nicht.

Werden Allergien häufiger?

Ja. Bei einer Schweizer Studie aus dem Jahr 1926 zeigten ein Prozent der untersuchten Personen allergische Symptome, heute sind es bei Untersuchungen an die 25 bis 30 Prozent. Es gibt mehrere Theorien zu den Ursachen – etwa die Hygienetheorie: Weil unser Immunsystem nicht mehr so stark mit Bakterien und Giftstoffen beschäftigt ist, reagiert es stärker auf harmlose Pollenallergene. Höhere Konzentrationen des bodennahen Ozons (Luftschadstoff, bildet sich unter UV-Strahlung aus Vorläufersubstanzen wie Stickstoffoxiden, Anm.) lassen die Pollen stärker reifen, der Allergengehalt ist dann höher. Möglicherweise spielt auch Feinstaub als Träger von Pollenpartikeln eine Rolle. Sind beide Eltern Allergiker, ist das Risiko des Kindes erhöht, es gibt aber kein einzelnes "Allergiker-Gen".

Von welchen Allergien sind die meisten Menschen betroffen?

Von der Gräserpollen- und der Milbenallergie, gefolgt von den Birkenpollen. Echte Lebensmittelallergien hingegen sind mit einer Häufigkeit von zwei Prozent der Bevölkerung relativ selten.

Große Allergie-Diskussion am Mittwoch

Gesundheits-Talk

Allergien sind Thema des Gesundheits-Talks am Mittwoch, 19. 3., 18 Uhr.

KURIER-Ressortleiterin Gabriele Kuhn diskutiert mit Allergieforscher Univ.-Prof. Rudolf Valenta (MedUni Wien), Prim. Univ.-Prof. Wolfgang Pohl (Abteilung für Atmungs- und Lungenerkrankungen, Krankenhaus Hietzing) und Otto Spranger, Österr. Lungenunion.

Veranstaltungsort

Van-Swieten-Saal der MedUni Wien, Van-Swieten-Gasse 1a, 1090 Wien. Veranstalter: KURIER, MedUni Wien und Novartis. Der Eintritt ist frei.

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