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Wirtschaft
04/30/2021

"50.000 Jobs. Aber wo?": Wege aus der Langzeitarbeitslosigkeit

Schon 190.000 Menschen gelten als langzeitbeschäftigungslos. Es braucht weit mehr als nur Eingliederungsbeihilfen, um sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren

von Anita Staudacher

Es liegt viel Elektroschrott herum, aber zum alten Eisen gehört hier nichts. Im Gegenteil. Im Demontage- und Recyclingzentrum (DRZ) in Wien geht es um ein neues Leben für 1.500 Tonnen Elektroaltgeräte pro Jahr – und um ein neues Berufsleben für 100 langzeitarbeitslose Menschen.

Katharina Lenz (56) hat dort seit 2017 eine fixe Arbeitsstelle in der Forschung und Entwicklung sowie im Qualitätsmanagement. „Ich bin hier quasi ein Joker für viele Tätigkeiten und kann diverse Projekte umsetzen“, erzählt sie dem KURIER. So entstehen unter dem Label „Trash Design“ aus Elektroschrott neue Schmuckstücke oder Gebrauchsgegenstände. Die bildende Künstlerin, die sich nach längerer Arbeitslosigkeit selbst beruflich neu orientieren musste, hat ihr Metier gefunden: „Meine Kunst liegt jetzt darin, Menschen unterschiedlichsten Alters und Qualifikationen wieder Perspektiven zu bieten.“

Sprungbrett wohin?

Perspektiven und 50.000 neue Jobs für Langzeitarbeitslose bis Ende 2022 verspricht auch Arbeitsminister Martin Kocher, der die Problematik inzwischen erkannt hat und mit der Aktion „Sprungbrett“ gegensteuern will. Die Lage hat sich coronabedingt erheblich zugespitzt, wie ein genauer Blick auf die Statistik zeigt:

Ende März waren offiziell 146.000 Menschen beim AMS als langzeitbeschäftigungslos geführt. Um 41.000 mehr als vor einem Jahr – und das ist nur die halbe Wahrheit. Rechnet man jene Arbeitslosen hinzu, die wegen Krankheiten, Reha-Maßnahmen oder Schulungen derzeit nicht vermittelbar sind, sind aktuell 191.000 Menschen längere Zeit auf Jobsuche, immerhin fast 42 Prozent aller Vorgemerkten. Viele davon älter als 50 Jahre. Durch den von der Pandemie am stärksten betroffenen Dienstleistungsbranchen fällt der Anstieg bei den Frauen mit einem Plus von 42 Prozent deutlicher höher aus als bei den Männern mit 38 Prozent. Fast jeder zweite Langzeitbeschäftigungslose lebt in Wien.

Förderung bleibt liegen

Die Regierung will jetzt mit großzügigen Eingliederungsbeihilfen bei Betrieben zusätzliche Arbeitsplätze „erkaufen“. Arbeitsmarktexperten halten das für unrealistisch, zumal die Beihilfen schon jetzt kaum genutzt werden. „50.000 Jobs. Ja bitte. Aber wo?“, fragt Swantje Meyer-Lange, Vorsitzende  von arbeit plus Wien, dem Dachverband von 60 sozialökonomischen Betrieben, die Langzeitbeschäftigungslose beraten, qualifizieren und beschäftigen. „Die Wirtschaft allein wird das nie schaffen“, ist sie überzeugt. Selbst bei Gemeinden gebe es nicht genug Jobs, verweist sie auf die von der ÖVP vorzeitig abgedrehte „Aktion 20.000“, wo die Nachfrage unter den Erwartungen blieb.

Damit die Re-Integration von Langzeitarbeitslosen besser gelingt, braucht es zusätzlich vor allem folgende Maßnahmen:

Beratung und Betreuung:

Je länger die Arbeitslosigkeit dauert, desto schwieriger die Wiedereingliederung. Häufig kommen zur Arbeitslosigkeit gesundheitliche, psychische oder soziale Probleme hinzu, sodass Betroffene nicht von heute auf morgen neu angefangen können. Eingliederungsbeihilfen nutzen da wenig. „Da braucht es Experten, die helfen und begleiten und verschiedene Instrumente, die schon erprobt sind“, so die Expertin. Das AMS-Budget für diese Coaching- und Fördermaßnahmen soll jedoch ab 2022 gekürzt werden.

Ausbildungsgeld:

So wichtig Qualifizierungen sind: Ausbildungen, die länger als ein Jahr dauern, wie etwa bei Pflegeberufen, können sich viele Langzeitarbeitslose schlicht nicht leisten. Nur in Wien gibt es bisher ein eigenes „Ausbildungsgeld“ für längere Qualifizierungen, nicht jedoch bundesweit.

Nachhaltige Jobs:

Höherqualifizierung ist nicht immer möglich bzw. macht kurz vor der Pension wenig Sinn. Es braucht auch niederschwellige Angebote im handwerklich-kreativen Bereich. Hier kommen sozialökonomische und nachhaltige Betriebe wie das DRZ ins Spiel. Generell müssten Qualifizierungen in den Zukunftsbranchen Umwelt, Kreislaufwirtschaft, Digitalisierung oder Pflege forciert werden, meint Meyer-Lange. Hier müssten zum Teil noch neue Berufsbilder entwickelt werden. Auch die Caritas weist auf die Möglichkeit der Schaffung von Arbeitsplätzen in der Kreislaufwirtschaft hin. Der Einsatz von öffentlichen Mitteln in diesem Bereich könne Krisenfolgen abfedern und gleichzeitig den ökologischen Wandel unterstützen.

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