Wirtschaft
13.08.2018

Währungskrise in der Türkei: "Müssen uns massiv Sorgen machen"

Entwicklung in Türkei verschärfe die ohnehin schon schwierige Lage für die Weltwirtschaft, warnt Experte.

Ein Blick auf die aktuellen Kurse zeigt deutlich: Die türkische Landeswährung Lira befindet sich im freien Fall. Seit Jahresbeginn hat sie mehr als 40 Prozent ihres Wertes verloren. Allein am Freitag hatte sie 18 Prozent eingebüßt und war auf ein Rekordtief von 7,24 zum Dollar gestürzt. Es war der größte Verlust an einem einzigen Tag seit 2001.

Was die Zahlen längst belegen, darf in der Türkei aber nicht laut gesagt, oder gar geschrieben werden. So will die türkische Regierung etwa gegen negative Kommentare zur Wirtschaft in sozialen Netzwerken vorgehen und entsprechende rechtliche Maßnahmen gegen solche Mitteilungen einleiten, teilte das türkische Innenministerium mit. Seit dem 7. August seien 346 Nutzerkonten auf sozialen Netzwerken ausgemacht worden, in denen der Verfall der Landeswährung Lira auf provozierende Art und Weise kommentiert wurde, heißt es.

Außerdem teilte die Istanbuler Staatsanwaltschaft laut dem Sender CNN Türk mit, die Türkei erlebe einen wirtschaftlichen Angriff, dem manche Nutzer durch schriftliche oder audiovisuellen Nachrichten oder in Sozialen Netzwerken Vorschub leisten würden. Auch sie sollen juristisch belangt werden.

"Raketen in einem Wirtschaftskrieg"

Während Präsident Recep Tayyip  Erdogan und dessen Anhänger den Kursverfall also als Angriff bezeichnen, oder als "Raketen" in einem Wirtschaftskrieg gegen die Türkei, sehen internationale Experten die Schuld bei der türkischen Regierung selbst. Ein wesentlicher Grund seien Befürchtungen, Erdogan, der seit einer Verfassungsänderung mit besonders großer Machtfülle ausgestattet ist, könnte sich massiv in die Wirtschaft und die Währungspolitik einmischen. Außerdem wachse die Besorgnis, dass die Notenbank ihre Unabhängigkeit verliert. Das Fass zum Überlaufen gebracht habe laut dem Chef des Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo, Clemens Fuest, dann noch die Ankündigung von US-Sanktionen gegen die Türkei.

Fuest, hält die Türkei-Krise für hochgefährlich und rät dem Land dazu, Hilfen beim  Internationalen Währungsfonds (IWF) zu beantragen. "Wir müssen uns massiv Sorgen machen", kommentierte Fuest im Handelsblatt vom Montag den jüngsten Absturz der türkischen Lira und die Wirtschaftsprobleme des Landes. Er sprach von einer "klassischen Wirtschafts- und Währungskrise".

Was die Wirkung der Türkei-Krise für Deutschland angeht, lautete Fuests Befund: "Insofern halte ich das Problem für überschaubar." Das ökonomische Gewicht der Türkei sei dann doch nicht so groß, als dass die dortige Krise eine Rezession in Deutschland oder Europa auslösen müsse. Andererseits verschärfe die dortige Entwicklung aber eine ohnehin schon schwierige Lage für die Weltwirtschaft, die schon durch die US-Strafzölle und den Brexit belastet sei. Auch in Europa sei die wirtschaftliche Lage fragil. "Eine Stabilisierung der Türkei liegt in unserem Interesse."

Der türkische Finanzminister Berat Albayrak hatte am Wochenende einen Aktionsplan für die Wirtschaft angekündigt, der die Märkte beruhigen und den starken Kursverfall der Lira stoppen sollte. "Von Montagmorgen an werden unsere Institutionen die notwendigen Schritte unternehmen und dies den Märkten mitteilen", sagte der in einem Interview der Zeitung Hürriyet. Für die türkische Regierung besteht der Weg aus der "Währungsverschwörung" nun darin, die Produktion zu steigern und die Zinsen zu senken. Erdogan hatte sich schon zuvor selbst wiederholt als "Gegner der Zinsen" bezeichnet und angekündigt, eine größere Kontrolle über die Geldpolitik auszuüben. Geht es nach ihm, sollen die Banken billige Kredite vergeben und so das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Experten hatten konträr zu diesen Plänen zuletzt betont, nur eine deutliche Zinserhöhung könnte den Lira-Verfall bremsen.

Hilfe unter Auflagen

Die Zentralbank erklärte, dass sie die Bestimmungen für Lira-Reserven gesenkt habe. Dadurch würden dem Finanzmarkt rund zehn Milliarden Lira, sechs Milliarden Dollar sowie Goldguthaben im Wert von drei Milliarden Dollar an Liquidität zugeführt. Zusätzlich zum Dollar könnten auch Euro zur Absicherung von Lira-Reserven genutzt werden.

Fuest riet der Türkei, Hilfen beim Internationalen Währungsfonds (IWF) zu beantragen. Diese wäre aber mit Auflagen für die Wirtschaftspolitik verbunden – ob sich Erdogans Regierung auf dergleichen einlassen würde, ist mehr als fraglich.

Merkel: "Niemand hat Interesse an einer destabilisierten Türkei"

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat vor einer Destabilisierung der Türkei gewarnt. "Deutschland möchte eine wirtschaftliche prosperierende Türkei. Das ist auch in unserem Interesse", sagte Merkel am Montag in Berlin mit Blick auf die Währungsprobleme des Landes. "Niemand ... hat ein Interesse an einer wirtschaftlichen Destabilisierung der Türkei."

Zugleich mahnte Merkel: "Aber es muss natürlich alles getan werden, damit zum Beispiel eine unabhängige Notenbank arbeiten kann." Hintergrund sind Bedenken, dass die türkische Regierung der türkischen Notenbank Vorschriften über die Geldpolitik machen könnte. Die Kanzlerin betonte, dass die EU davon profitiere, wenn sie von stabilen Ländern umgehen sei. "Dazu müssen entsprechende Beiträge geleistet werden."

Die bisherigen Schritte der Zentralbank und mögliche Maßnahmen: 

Wie könnte die Notenbank am meisten Wirkung erzielen?

Die stärkste Waffe sind die Leitzinsen. Um den seit Monaten anhaltenden Kurssturz zu beenden, hat sie dieses Instrument schon mehrmals eingesetzt. So hob sie in einer Krisensitzung im Mai den Schlüsselsatz zur Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld von 13,5 auf 16,5 Prozent an. Doch die Effekte verpufften rasch. Im Juni erhöhte sie den Leitzins dann um 1,25 Punkte auf das aktuelle Niveau von 17,75 Prozent. Auch dies beruhigte die Finanzmärkte nur zeitweise. Da zudem die Inflation zwischenzeitlich auf über 15 Prozent gestiegen war, rechneten Ökonomen fest mit einem erneuten Zinsschritt im Juli. Doch Notenbankchef Murat Cetinkaya machte nichts. Die Folge: Der Kurssturz der Lira beschleunigte sich.

Wie vermeidet die Notenbank Liquiditätsengpässe?

Der Währungsverfall setzt den Banken des Landes zu, die dadurch in Liquiditätsengpässe geraten könnten. Um das zu verhindern, lockerte die Notenbank schon mehrmals die Verpflichtungen der Banken für Geldreserven. In der vergangenen Woche senkte sie zum Beispiel eine wichtige Obergrenze für Fremdwährungsreserven. Durch die Herabsetzung verschaffte die Notenbank den Instituten 2,2 Mrd. Dollar (1,9 Mrd. Euro) an zusätzlicher Liquidität.

Am Montag lockerte sie zudem die Bestimmungen für Lira- und einige andere Währungsverbindlichkeiten. Zudem sollen zusätzlich zum Dollar auch Euro zur Absicherung der Lira-Reserven genutzt werden können. Durch diese Schritte erhält die Finanzwirtschaft gut 10 Mrd. Dollar an Liquidität. Die Notenbank kündigte darüber hinaus an, den Geldhäusern jedwede benötigte Liquidität bereitzustellen.

Könnten Dollar-Verkäufe helfen?

Die Zentralbank könnte zur Stützung der heimischen Währung auch Dollar verkaufen. Bisher gibt es allerdings an den Devisenmärkten keine Anzeichen dafür. Die Notenbank hat rund 21 Mrd. Dollar an Reserven. Einschließlich aller verfügbaren Mittel und Regierungskonten sind es ungefähr 100 Mrd. Dollar. Die Notenbank hat allerdings wiederholt erklärt, dass für sie direkte Interventionen am Devisenmarkt nicht länger eine politische Option sind. Experten halten die Höhe der Devisenreserven nicht für ausreichend, um eine Wirkung zu erzielen.

Was empfehlen Experten?

Die Notenbank könnte ihre Geldpolitik jetzt weiter straffen, indem sie etwa den Zinskorridor für Tagesgeld verändert. Der wirksamste Schritt wäre nach Einschätzung von Volkswirten aber eine sehr kräftige Zinsanhebung. Diese müsste aus ihrer Sicht verknüpft werden mit der Botschaft, dass die Notenbank unabhängig handle und ihre Schlüsselsätze noch für lange Zeit auf hohem Niveau belassen werde. Dafür müssten die Währungshüter ihren Leitzins nach Einschätzung von Ökonomen auf deutlich über 20 Prozent anheben.