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Trendwende bei Firmenpleiten: Erstmals seit Jahren Rückgang in Österreich

Experte Gerhard Weinhofer von Creditreform sieht Stabilisierung nach Krisenjahren.
Geschlossenes Geschäft in der Inneren Stadt.

Nach Jahren stetig steigender Insolvenzzahlen zeichnet sich erstmals eine Trendwende in der österreichischen Wirtschaft ab. Die Unternehmensinsolvenzen sind im April um 2,1 Prozent zurückgegangen, wie Gerhard Weinhofer von Creditreform am Dienstag bekannt gab. „Das ist meiner Meinung nach eine Trendwende", erklärte der Insolvenzexperte bei der Präsentation der aktuellen Zahlen.

Konkret wurden im ersten Quartal 2026 um 39 Verfahren weniger eröffnet als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Weinhofer zufolge hatte sich diese Entwicklung bereits im vierten Quartal 2025 angedeutet. Besonders ermutigend: Auch im April setzte sich der Rückgang fort. „Ich traue mir für heuer eine Prognose zu, dass dieser Trend weiter fortgesetzt wird", so Weinhofer. Für das Gesamtjahr rechnet er mit rund 6.900 Firmeninsolvenzen – deutlich unter dem Rekordniveau von über 7.000 Pleiten im Vorjahr.

Industrie und Bau haben Talsohle erreicht

Besonders in den konjunkturrelevanten Branchen Industrie und Bau zeigt sich eine Stabilisierung. Die Industrie verzeichnete einen Rückgang um 4,2 Prozent, im Bauwesen gingen die Insolvenzen um neun Prozent zurück. „In zwei wichtigen konjunkturtreibenden Branchen dürfte die Talsohle definitiv erreicht sein", analysierte Weinhofer.

Einen Anstieg gab es hingegen im Beherbergungs- und Gaststättenwesen: Die Gastronomie und der Tourismus verzeichneten ein Plus von 16,6 Prozent – die einzige Branche mit wachsenden Insolvenzzahlen. Absolut betrachtet führt der Handel mit 265 Gesamtinsolvenzen die Statistik an, gefolgt vom Bau und der Gastronomie.

Stimmung verbessert sich – aber Herausforderungen bleiben

Die Creditreform-Umfrage unter rund 1.400 österreichischen Unternehmen aller Größenklassen zeigt eine vorsichtige Aufhellung der Stimmung. Sowohl der Lageindex als auch die Erwartungshaltung zeigen nach oben – wenn auch beide noch im negativen Bereich liegen. „Alle drei Indizes zeigen nach oben", betonte Weinhofer, warnte aber: "Die Stimmung ist nach wie vor mehrheitlich negativ."

Besonders problematisch bleibt die Ertragslage: Mit einem Saldo von minus 41 Prozent ist das Ergebnis „katastrophal", wie Weinhofer unverblümt einräumte. „Den Unternehmen geht immer mehr die Liquidität aus." Auch die Eigenkapitalausstattung leidet: Nur noch 40,8 Prozent der Unternehmen verfügen über eine gesunde Eigenkapitalquote von über 30 Prozent. Jedes fünfte Unternehmen ist mittlerweile unterkapitalisiert.

Investitionsflaute hält an

Die Investitionsbereitschaft bleibt auf historischem Tiefstand. Nur noch 31 Prozent der Unternehmen planen Investitionen – das zweitschlechteste Ergebnis seit Beginn der Erhebungen 1996. Von diesen wollen zwei Drittel lediglich Ersatz- und keine Erweiterungsinvestitionen tätigen. „Wenn eine Maschine kaputt ist, wird sie ersetzt, aber es wird keine zweite oder dritte angeschafft", beschrieb Weinhofer die Zurückhaltung.

Auch der Personalabbau geht weiter, wenn auch verlangsamt. Der Mittelstand ist „nicht mehr der Jobmotor", konstatierte der Experte. Moderne Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz und Digitalisierung spielen dabei eine Rolle.

Lichtblicke: Zahlungsmoral und Auftragserwartungen

Positiv entwickelt sich die Zahlungsmoral: 76 Prozent der Unternehmen berichten, dass ihre Rechnungen binnen 30 Tagen beglichen werden – eine Steigerung um drei Prozentpunkte. „Das ist das Um und Auf eines ordentlichen Kaufmanns in solchen unsicheren Zeiten", betonte Weinhofer.

Auch die Auftragserwartungen haben sich deutlich verbessert: Der Index stieg von minus 14,8 auf minus 4 Prozentpunkte. Besonders in der Industrie hat sich die Zahl der Unternehmen, die mit steigenden Aufträgen rechnen, mehr als verdoppelt.

Allerdings trübt ein Faktor die Aussichten: Das Inflationsrisiko ist zurück. Die Angebotspreise steigen wieder „quer durch alle Branchen", warnte Weinhofer. Steigende Energiekosten, unter anderem aufgrund der angespannten Lage an der Straße von Hormus, belasten die Unternehmen.

Europa im Pleitenfieber – Österreich im Mittelfeld

Im europäischen Vergleich steuert Westeuropa auf einen neuen Pleitenrekord zu: 200.000 Insolvenzen bedeuten ein Zwei-Jahres-Hoch. In Osteuropa ist die Situation gemischt – in acht von zwölf beobachteten Ländern gingen die Insolvenzen zurück. Österreich, im Herzen Europas gelegen, profitierte jahrzehntelang von der EU-Osterweiterung. Nun zeigt sich: Während in wichtigen Handelspartnerländern wie Deutschland und Italien die Insolvenzen steigen, stabilisiert sich die Lage in Österreich.

Weinhofers Resümee fällt verhalten optimistisch aus: „Die Insolvenzen bleiben zwar hoch, aber es ist für heuer kein neuer Rekord zu erwarten. Diese Entwarnung traue ich mir schon jetzt im Mai auszusprechen." Nach Jahren der Unsicherheit sei dies „eine erfreuliche Schlussbotschaft"

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