© KURIER / Michael Hammerl

Reportage
01/25/2020

Rumäniens neue Waisen: Wenn Mama nach Österreich auswandert

Rumänische Pflegekräfte arbeiten in EU-Staaten wie Österreich - dabei werden sie in der Heimat dringend benötigt.

von Michael Hammerl

Der rumänische Arbeitsmarkt braucht dringend Pflegekräfte. Die arbeiten wegen des höheren Lohns aber lieber in Österreich. Für den KURIER Grund genug, sich die Situation vor Ort anzusehen.

Schauplatz Bakowa, WestrumänienMichael scheut den Blickkontakt, meistens schaut er auf seine zappelnden Beine. Aber ja, er beantwortet tapfer alle Fragen. Er mag Fußball, hat drei Geschwister – der kleinste Bruder ist ein Jahr alt – und würde gerne einmal Gebäude bauen. Welche denn? „Kirchen.“ Warum? „Weil mein Papa auch Gebäude baut.“ Zwar keine Kirchen, aber immerhin. 

Den Vater vermisst der Neunjährige besonders, weil sich seine Eltern getrennt haben. Und seine Mutter vermisst er auch. Mama Kristina fährt nämlich regelmäßig nach Österreich, um dort Menschen zu pflegen. Ist Kristina nicht da, verbringt Michael die Zeit entweder bei seinen beiden arbeitslosen Tanten oder in der Kindertagesstätte „Casa Pater Berno“. Die wird von der Caritas geführt, im Dorf Bakowa, in der westrumänischen Region Banat.

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Die Tagesstätte übernimmt die Erziehungsarbeit. Hier soll Michael einen geregelten Tagesablauf lernen und in einem guten Umfeld lernen können. Ausflüge gibt es auch, etwa in einen Klettergarten oder den Zoo von Temeswar. Mama Kristina vermisst die Kinder zwar, sieht die Sache aber pragmatisch: „Zuerst habe ich bei einem Wirt im Dorf gearbeitet, aber das Geld hat nicht gereicht.“ 

Als Pflegerin verdiene sie in Österreich etwa dreimal so viel, wie in Rumänien. Über ihr Gehalt oder darüber, wie viel sie an ihre Agentur abtreten muss, will Kristina nicht sprechen. Nur so viel: Der Mindestlohn liegt in Rumänien bei 446 Euro. Auf das einjährige Kind passen die Tanten auf. Kristina nimmt das mit einem Schulterzucken hin: „Alle machen das. Mein halbes Dorf arbeitet in Österreich.“

30 Prozent sind weg

Michael ist von einem Phänomen betroffen. Er zählt zu den sogenannten „Euro-Waisen“. 159.000 Kinder wachsen in Rumänien mit keinem oder einem Elternteil auf. Sie sind keine Waisen im herkömmlichen Sinn, ihre Eltern arbeiten einfach im EU-Ausland, wo die Bezahlung besser ist. Um die Erziehung müssen sich dann Verwandte kümmern – oder Kindertagesstätten und mittlerweile auch vermehrt Pflegemütter.

Vorab: Für rumänische Kinder war die Situation schon schlimmer. Bilder von halb verhungerten Straßenkindern, die in der Kanalisation übernachten müssen, gehören genauso der Vergangenheit an, wie überfüllte Waisenhäuser mit vergitterten Fenstern. Im kommunistischen Regime von Diktator Nicolae Ceaușescu war das Normalität.

Bis 1989 war Kinderreichtum Pflicht – und Abtreibung strikt verboten. Das trieb nicht nur Waisen in die Heime. Die Armut war so groß, dass viele Mütter ihre Kleinen abgeben mussten oder illegal abtrieben – was oft tödlich endete. Zur schlimmsten Zeit lebten 100.000 Kinder in rumänischen Waisenhäusern.

Die großen Heime bestanden nach der Rumänischen Revolution noch einige Jahre weiter. Nicht sofort besserten sich die Zustände. Abgemagerte Kinder die großäugig aus Käfigen lugen, Berührungen scheuen, wegen Mangelernährung Behinderungen entwickeln: Auch postkommunistische Zeitdokumente sind bedrückend. 

Heute ist Rumäniens größtes Problem die Arbeitsmigration. Zwischen 2015 und 2017 Jahren haben 620.000 Menschen Rumänien verlassen, um im EU-Ausland zu arbeiten. Vor allem in den strukturschwachen Regionen erlebt das Land einen Exodus. Insgesamt arbeiten und leben 30 Prozent der rumänischen Bürger nicht in Rumänien. Laut NGO-Schätzungen hat das Land dadurch 50 Milliarden Euro an Steuereinnahmen verloren.

Geht das auch fair?

Der Teufelskreis: In der Kinderbetreuung und vor allem der Altenpflege sucht Rumänien händeringend Personal. Rumäniens Gesellschaft leidet bereits an einer Überalterung. Die Mindestpension beträgt 275 Euro pro Monat. Um Pflegekräfte auf westeuropäischem Lohnniveau bezahlen zu können, müsste der Staat allerdings massenhaft Schulden machen. 

„Das ist ein Mega-Problem. Wir haben in den vergangenen drei Jahrzehnten menschenwürdige Pflegestrukturen in Rumänien aufgebaut, die wir unter den jetzigen Bedingungen nicht aufrechterhalten können“, meint András Márton, Direktor der Caritas Alba Iulia. Der Schritt weg von großen Kinderheimen, hin zu kleinteiligen Strukturen, mag der richtige gewesen sein. 

Die Caritas-Institutionen vor Ort sind allerdings nicht repräsentativ. In gewissen Sektoren finanzieren sie sich nur zu 35 Prozent aus öffentlichen Geldern. Mitarbeiter werden vergleichsweise gut bezahlt. Ohne Finanzspritzen wird der rumänische Staat die Vorzeigestrukturen diverser NGOs nicht implementieren können.

Michael Landau, Präsident der Caritas Austria, identifiziert an dieser Stelle eine große Ungerechtigkeit: „Die Arbeitsmigration in der EU ist Realität und Ausdruck eines enormen Wohlstandsgefälles zwischen Ost- und Westeuropa.“ Es brauche im sozialen Bereich „Maastricht-Kriterien“. Diese Forderung stellt die Caritas schon seit Längerem und feilt an einem Modell der „Fair care migration“ – also gemeinsame, europaweite Standards für die Entlohnung im Pflegebereich.

Wenn Omas Omas pflegen

Auf europäischer Ebene deutet sich ein solcher Wandel nicht an. Kristinas Jobrealität heißt Österreich – damit ist sie zufrieden. Zuletzt war sie in Linz, am besten habe es ihr in Bischofshofen gefallen, in Wien habe sie weniger gute Erfahrung gemacht. Auch Renate, die in der Tagesstätte in Bakowa Kinder unterrichtet, arbeitet in Österreich als Pflegerin, wenn sie Urlaub hat.

Renate ist 60, würde gerne in zwei Jahren in Pension gehen. Sie erzählt von einer österreichischen Klientin, die einmal über ihre weißen Haare gescherzt habe. Renate, eine robuste Plaudermaschine, habe geantwortet: „Oma, wir liegen altersmäßig nicht so weit auseinander. Der einzige Unterschied ist, dass ich dich pflege.“

Hinweis I: In einer ursprünglichen Version dieses Beitrags wurde ein Foto mit Kindern von der Tagesstätte in Bakowa als Titelbild verwendet. Daraufhin gab es Beschwerden von Eltern, dass ihre Kinder als "Waisen" bezeichnet wurden. Der Begriff "Euro-Waisen" wird im Text zwar erklärt, im Titel allerdings nicht. Es sind auch nicht sämtliche Kinder, die auf dem Foto zu sehen waren, sogenannte "Euro-Waisen". Der Autor entschuldigt sich, sollte er einen falschen Eindruck erweckt haben. Das Foto ist ausgetauscht worden.

Hinweis II: Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer teilfinanzierten Pressereise der Caritas Österreich.

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