© Kurier/Juerg Christandl

Reportage
12/22/2019

Die Helden von Temeswar: Eine unvollendete Revolution

Rumänien 30 Jahre nach dem Umsturz: Die Revolte begann blutig in der Stadt Temeswar und endete mit zweifelhaften Siegern. Bis heute sind viele Umstände ungeklärt.

von Michael Hammerl, Jürg Christandl

László Tokés friert und wirkt erschöpft. Er hat eine dreistündige Podiumsdiskussion hinter sich. Thema: 30 Jahre Rumänische Revolution. Er braucht Frischluft, raucht eine Zigarette. Dann lässt der 67-Jährige Dampf ab: „Ein ehemaliger Securitate-Offizier war heute im Publikum und hat mich provoziert. Er hatte mich damals bespitzelt. Das bloße Faktum, dass ich nach 30 Jahren solchen Figuren gegenübertreten muss, den engagiertesten Unterstützern der Ceauşescu-Diktatur, zeigt: In Rumänien herrscht ein postkommunistisches Regime.“

Die Securitate war der gefürchtete Geheimdienst von Diktator Nicolae Ceauşescu. Sie bespitzelte das rumänische Volk, folterte und ermordete Regimegegner. Tokés meint, er werde immer noch verfolgt. Der Rumäne mit ungarischen Wurzeln arbeitete vor der Revolution in der 300.000-Einwohner-Stadt Temeswar als evangelischer Pfarrer. Er predigte vorsichtig gegen das Regime.

„Ich bin und war kein Revolutionär. Ich habe das Wort Gottes gelehrt“, sagt er, der zuletzt auf Ticket der ungarischen Partei Fidesz im Europaparlament saß. Trotzdem wird er von vielen Rumänen bis heute als Held gefeiert – und von anderen verdächtigt, als ungarischer Spion gearbeitet zu haben. Oder für die CIA. Oder die Securitate.

Für Tokés ist klar: Die Revolution ist nicht vorbei.

Kommunisten, Securitate-Mitarbeiter und Regime-Günstlinge hätten sich Rumänien unter den Nagel gerissen, nachdem das Ehepaar Ceauşescu am 25. Dezember 1989 in Bukarest nach einem kurzen Schauprozess erschossen worden war.

Hat er Recht? Beginnen wir von vorne.

Was geschah

Zuerst protestierten am 15. Dezember 1989 nur wenige ungarische Rumänen. Ihr aufmüpfiger Pfarrer Tokés sollte versetzt werden. Etwa 70 Menschen versammelten sich vor der Kirche. Dass die Menge der Demonstranten am 16. Dezember zunehmend größer und „rumänischer“ wurde, hatte nur noch am Rande mit Tokés zu tun. Der wurde unter Hausarrest gestellt und später doch deportiert.

Die Revolution war eher eine Frage der Zeit. Diktator Ceauşescu stand mit dem Rücken zur Wand. Der Personenkult des „Führers“ und „Genies der Karpaten“, den er seit der Machtübernahme 1965 aufgebaut hatte, verlor an Glanz. Radikale Sparpolitik, Rationierung von Lebensmitteln und Strom, verordneter Kinderreichtum und überfüllte Waisenhäuser: Die rumänische Bevölkerung hatte Dunkelheit, Kälte und Hunger satt.

Gleichzeitig lebte Nicolae mit Gattin Elena wie ein Sonnenkönig in seinem Palast in Bukarest. In Temeswar, wo die Einwohner westliche TV- und Radiosender empfangen konnten, fiel ihnen noch etwas auf: Revolutionen in Ungarn, der Tschechoslowakei, der DDR. Das kommunistische Osteuropa zerbröselte.

Temeswar hatte immer diese gewisse Nähe zum Westen und war auch immer multiethnisch“, erzählt Filmemacher Calin Meda. Perfekter Nährboden für den Umsturz.

Trotzdem konnte es Meda kaum glauben, als er plötzlich einen brennenden Polizeiwagen sah und die Demonstranten über die Brücken des Flusses Bega Richtung Innenstadt zogen – teils durchaus betrunken. „Da wurde mir bewusst, dass eine Veränderung tatsächlich möglich ist.“

Kugelhagel vor der Oper

Am 17. und 18. Dezember zeigte das Regime seine Härte. Auch Meda war am berühmten Opernplatz, als die Panzer auffuhren und Soldaten auf die Demonstranten schossen: zuerst mit Platzpatronen.

Als plötzlich Laternenlichter zerbarsten und neben ihm Menschen zusammensackten, ging Meda ein Licht auf: die Kugeln waren mittlerweile echt. Bis heute ist unklar, wer den Schießbefehl auf das eigene Volk gegeben hat.

Als einer der Ersten erkannte Corneliu Vaida, mit welcher Brutalität das Militär vorging. Vaida war schnell genug, um einem Panzer auszuweichen, der ihn überrollen sollte. Stattdessen erwischte es eine Frau. „Sie war das erste Opfer der Revolution. Ich sprang rechtzeitig zur Seite, sie wurde zerquetscht. Ich warf vor lauter Wut Glasflaschen auf den Panzer“, erzählt Vaida. Für ihn kam all das wenig überraschend: „In Bukarest war die Revolution längst geplant. Dass sie hier früher ausbrach, war reiner Zufall.“

Bis heute ranken sich Theorien um den Auslöser. Nicht zum ersten Mal hätte das Regime einen Aufstand angeheizt oder inszeniert, um ihn später öffentlichkeitswirksam niederzuschlagen.

Kurz unabhängig

Vaida blickt vom Balkon des Opernhauses, erzählt von Straßenkämpfen und kalten Nächten, die er am Opernplatz verbrachte. Im Dezember befindet sich am Opernplatz ein Adventmarkt, versprüht Wiener Charme, wie die Fassaden der Innenstadt. Nur gehören viele dringend renoviert. Vor der Oper hängt ein Zelt aus Lichterketten. Die Wunden der Vergangenheit klaffen noch an den Gebäuden ringsum: Einschusslöcher. „Wir lassen sie nicht verspachteln. Sie erzählen unsere Geschichte“, erklärt Vaida. Eine Geschichte, die in Temeswar etwa 158 Todesopfer forderte, landesweit über 1000.

Doch die Stimmung kippte zu Gunsten des Widerstands. Arbeiter und Gewerkschaften begannen zu streiken, schlossen sich den Demonstranten an. Das Militär erkannte, dass es einen Bürgerkrieg gegen die eigene Bevölkerung führen musste. Am 19. Dezember verließen die Panzer den Opernplatz. Laut Vaida auch deshalb, weil Elena Ceauşescu in einem cholerischen Anfall den Befehl gegeben hatte, Temeswar mit Raketen auszulöschen. Das Militär entschied sich dagegen.

Am 20. Dezember wurde Temeswar zur ersten freien Stadt Rumäniens erklärt. Ein Komitee aus 13 Aufständischen übernahm die Führung, bunkerte sich vor Heckenschützen der Securitate im Opernhaus ein. Vaida wurde Pressesprecher der Aufständischen und des Militärs. Als einer von wenigen beherrschte er Englisch. Vorerst war nur Temeswar „befreit“.

Die Aufständischen feilschten untereinander bereits um Ministerposten, erzählt Vaida. Er habe sie belächelt, aber dennoch: „Man fühlte sich kurz als neues Land.“

Gestohlene Revolution?

Die Revolution ging in Bukarest zu Ende. Mit der Hinrichtung der Ceauşescus starb allerdings nicht das Regime. Weder Securitate-Anführer noch jene Soldaten, die auf das eigene Volk geschossen hatten, wurden verurteilt. „Das Militär hat sich bis heute nicht offiziell entschuldigt“, sagt Vaida.

Mehr noch: Mit Ion Iliescu übernahm ein ehemaliger Vertrauter Ceauşescus das Präsidentenamt. Nun, dreißig Jahre später, steht ein historischer Prozess bevor. Er soll klären, wer für die Toten verantwortlich war. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt etwa Iliescu, federführend „bürgerkriegsähnliche Zustände“ provoziert zu haben.

„Die meisten Securitate-Mitarbeiter verschwanden kurz, tauchten später wieder auf und lebten plötzlich in den schönsten Villen“, erzählt Calin Meda. Tatsächlich sollten verstaatlichte Wohnungen und auch Kirchen an Bewohner und ursprüngliche Besitzer zurückgegeben werden. Das geschah nur bedingt. Dennoch sei heute alles besser. In Temeswar und Umgebung herrscht beinahe Vollbeschäftigung. Das erkennt man nicht zuletzt an den modernen Autos, die überall parken. Temeswar wird zudem 2021 Europas Kulturhauptstadt sein.

Giftige Orangen

Bitterer Beigeschmack sind die zahlreichen Korruptionsfälle nach 1989. Vor allem bei den Sozialdemokraten (PSD), der Nachfolgepartei der Kommunisten, die Rumänien bis vor Kurzem regierten. Vaida hat auch eine Anekdote parat, die verdeutlicht, warum viele Rumänen von der „gestohlenen Revolution“ sprechen.

Er stand auf einer Liste von Zeugen, die bei einer Verhandlung gegen Soldaten und Securitate-Mitarbeiter aussagen sollten, „die auf uns geschossen hatten“. Im März 1990 habe Vaida in der Arbeit einen Anruf erhalten. Ein Mann riet ihm, nicht auszusagen.

Vaida ignorierte ihn. Dann habe der Mann gedroht: „Sie müssen wissen, dass Ihnen und Ihrer Familie seltsame Dinge passieren können. Zum Beispiel könnte Ihr Sohn in wenigen Minuten eine Kiste voller Orangen erhalten. Eine der Orangen könnte nicht sehr gesund für ihn sein.“ Vaida habe sofort aufgelegt, sei nach Hause gelaufen. Dort saß sein Sohn mit seinen Großeltern, vor einer Box mit Orangen. „Ich nahm die Kiste, ging hinaus und schmiss sie in den Fluss. Mein Sohn weinte, weil ich seine Orangen weggenommen hatte. Ich sagte nur: Ich werde dir neue kaufen.“

Einmal alle gegen einen

Diese Schauergeschichten sind gar nicht notwendig, um ein Sittenbild des postrevolutionären Rumäniens zu zeichnen, wo Freunderlwirtschaft und mafiöse Strukturen den Alltag prägen. Andrea war 1989 sieben Jahre alt. Heute arbeitet sie in einem gemütlichen Theater-Lokal mit Keller-Museum, das Gegenstände aus den Zeiten des Kommunismus sammelt. Was sich im Dezember 1989 verändert habe? „In den Läden gab es plötzlich alles, auch Coca Cola und Schokolade. Wir konnten es uns wegen der Inflation nur nicht leisten“, sagt Andrea und lacht.

Das sei besser geworden, der Wohlstand habe stark zugenommen. „Die Mentalität der Menschen ist allerdings genauso wie vor der Revolution. Eigentlich wäre noch eine notwendig.“ Das sei aber kaum vorstellbar.

Auch deshalb, weil Rumänien seine kommunistische Ära nie aufgearbeitet hat und viele schmerzhafte Wahrheiten bis heute verklärt: „Der Großteil der Menschen denkt einfach nicht politisch und engagiert sich nicht. Die Jugendlichen interessiert es nicht. Es sind nur dieses eine Mal alle Hemmungen gefallen, als der gesamte Staat genau einen Typen gehasst hat.“

Am 15. Dezember beginnen in Temeswar etwa 70 Gläubige gegen die Versetzung ihres evangelischen Pfarrers László Tokés zu demonstrieren. Daraus entwickeln sich in den folgenden Tagen Massenproteste gegen das kommunische Regime und Diktator Nicolae Ceauşescu. Das Militär schießt zuerst auf die Demonstranten, tötet über 100 Menschen, überlässt ihnen am 19. Dezember allerdings die Stadt, nachdem auch sämtliche Arbeiter auf die Barrikaden gehen. Die Proteste schwappen auf Bukarest über. Am 21. Dezember versucht Ceauşescu mit einer Rede vor 100.000 Menschen, die live im Fernsehen übertragen wird, die Wogen zu glätten – und wird ausgebuht.

Am 22. Dezember flieht er mit seiner Frau Elena aus seiner Villa. Beide werden auf der Flucht festgenommen und von den neuen Machthabern – der „Front zur Nationalen Rettung“ – nach einem kurzen Schauprozess am 25. Dezember erschossen. In Bukarest kämpfen noch bis zum 27. Dezember bewaffnete Zivilisten und das Militär gegen Heckenschützen von Ceauşescus Geheimdienst, der Securitate. Insgesamt sterben 1.104 Menschen.

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