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Wirtschaft
12/29/2019

Pflege droht unleistbar zu werden

Private Pflegeversicherung wird wenig nachgefragt. Versicherer fordern staatliche Anreize.

von Irmgard Kischko

Wenn Menschen alt und gebrechlich werden, übernehmen die Nachkommen deren Pflege. Meist sind es die Frauen, die sich um das Wohl der Eltern oder Verwandten im Kreise der Familie kümmern. „Das war einmal so. Heute aber ist die Lage pflegebedürftiger älterer Menschen in Österreich ganz anders“, sagt Doris Wendler, Vorstandsdirektorin der Wiener Städtischen Versicherung, im Gespräch mit dem KURIER.

Das eine sei der demografische Wandel. Die Baby-Boomer-Generation der 1960er Jahre gehe in den nächsten Jahren in Pension. „Damit fallen viele Einzahler ins Pensionsversicherungssystem weg, es kommen gleichzeitig weniger Junge nach“, erklärt Wendler die sich auftuende Finanzierungskluft. Aber fast noch stärker wirke der gesellschaftliche Wandel: die Jungen ziehen in die Städte, die Eltern bleiben allein am Land zurück. Und immer mehr Frauen gehen einer Berufstätigkeit nach. „Die Pflege durch Angehörige in der eigenen Familie stirbt aus“, betont Wendler.

Es wird enger

Die Ausgaben, die der Staat für Pflegeheime und Pflegegeld hat, würden daher stetig steigen. Mehr als zwei Milliarden Euro sind es derzeit. Neun Milliarden Euro könnten es 2050 werden, schätzte das Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) kürzlich in einer Studie.

„Es wird laufend enger in der Finanzierung der Pflege“, ist Wendler daher überzeugt. Das Problem einfach hinauszuschieben, bringe nichts. „Wenn der Zeitpunkt kommt, zu dem Eltern Pflege brauchen und man sich vorher nichts überlegt hat, kann das schrecklich sein – vor allem für Frauen“, sagt die Versicherungsexpertin. Sie steckten im Berufsleben in der Stadt und wüssten, dass ihre Eltern nicht ordentlich betreut würden.

750.000 Betroffene

Fast eine halbe Million Bezieher von Pflegegeld gebe es derzeit in Österreich. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung gehen Experten davon aus, dass die Zahl in den nächsten 30 Jahren auf 750.000 Menschen steigt.

Für Wendler ist das Thema Pflege nicht von jenem der Pension zu trennen. Beides könnte nur in Zusammenarbeit von Staat und privatem Zusatz-Ansparen gelöst werden. Die Wiener Städtische habe schon seit den 1990er Jahren ein Pflegevorsorge-Produkt in ihrer Angebotspalette. Doch die Nachfrage lässt zu wünschen übrig. 40.000 Verträge seien bisher verkauft worden, sagt Wendler.

Und damit stellte die Wiener Städtische zwei Drittel aller privaten Pflegeversicherungen in Österreich. sprich: Insgesamt nur 60.000 Österreicher sorgen für Pflege im Alter vor.

Lücke reduzieren

Mit der privaten Pflegevorsorge müsste man eigentlich in jungen Jahren beginnen. Dann reiche es schon zehn bis 15 Euro im Monat einzuzahlen, um später das staatlichem Pflegegeld zumindest etwas aufzubessern. „Aber ich verstehe, dass kein 20-Jähriger an so etwas denkt“, sagt Wendler. Für höhere Pflegeleistungen muss aber mehr angespart werden. Um der privaten Vorsorge einen Anstoß zu geben, fordern die Versicherer staatliche Anreize.

Das allein aber werde das drohende Pflegeproblem aber nicht lösen, meint die Wiener Städtische-Expertin. Es bräuchte ein Gesamtpaket. Diese reiche von mehr Pflegepersonal über altengerechte Wohnungen bis zur häuslichen Pflege. „Wir müssen den Beruf der Pflegerin und des Pflegers attraktiver machen“, ist Wendler überzeugt. Die Bezahlung müsse besser und die Ruhezeiten ausgedehnt werden. Wir brauchen ein Altersvorsorge- und Pflegepaket“, appelliert Wendler an die Regierung.