Causa Signa: Razzia bei Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer
Im Zuge der Ermittlungen rund um den zusammengebrochenen Immobilien‑ und Handelskonzern Signa hat die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) ihre Untersuchungen zuletzt deutlich ausgeweitet. Wie mehrere Insider dem KURIER am Donnerstag berichteten, sollen im Rahmen der Causa Signa auch Hausdurchsuchungen an verschiedenen Adressen in Wien und auch in der Wachau durchgeführt worden sein, die Alfred Gusenbauer betreffen, den Ex-SPÖ-Bundeskanzler und langjährigen Aufsichtsratschef der Signa Holding und Signa-Beirat. Die Ermittlungen sollen in Zusammenhang mit Provisionszahlungen an den früheren deutschen Signa-Vorstand Timo H. stehen.
Interessanterweise geben sich alle involvierten Personen sehr zugeknöpft. „Ich kann die Zwangsmaßnahme weder bestätigen noch dementieren“, sagt Rüdiger Schender, der Anwalt von Gusenbauer zum KURIER. Der KURIER erreichte auch Gusenbauer selber telefonisch: Er sei im Ausland und könne nicht sprechen, meinte er knapp auf KURIER-Anfrage.
Erstmals bestätigt die WKStA konkrete Untreuevorwürfe gegen den früheren Bundeskanzler Alfred Gusenbauer sowie weitere Ermittlungen wegen Betrugs und betrügerischer Krida gegen Signa-Gründer René Benko. Beide weisen die Vorwürfe zurück.
Untreueverdacht gegen ehemaligen Bundeskanzler
Im Fokus der neuen Ermittlungen steht Alfred Gusenbauer in seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender der Signa Development Selection AG und der Signa Prime Selection AG. Laut WKStA soll Gusenbauer im Oktober und November 2022 seine Befugnisse missbraucht und gemeinsam mit einem Vorstandsmitglied ungerechtfertigte Abschlagszahlungen auf eine Erfolgsbeteiligung vereinbart und angeordnet haben. Der dadurch verursachte Schaden für die beiden Gesellschaften belaufe sich auf insgesamt zehn Millionen Euro.
Die Zahlungen sollen ohne die erforderliche Zustimmung des Gesamtaufsichtsrats erfolgt sein. Das betroffene Vorstandsmitglied wird beschuldigt, Gusenbauer zu den Handlungen bestimmt zu haben. In diesem Zusammenhang wurden an mehreren Standorten in Wien und Niederösterreich Hausdurchsuchungen durchgeführt und umfangreiche Datenträger sowie Unterlagen sichergestellt.
Geldkarussell bei Kapitalerhöhungen
Parallel dazu weitet die WKStA die Ermittlungen zum bereits bekannten Faktenkomplex „Kapitalerhöhung durch Geldkarussell“ aus. René Benko soll eine weitere Gesellschafterin der Signa Holding GmbH durch Vorspiegelung wirtschaftlicher Stabilität und Rückzahlungsfähigkeit zur Gewährung eines Darlehens in Höhe von 250 Millionen Euro verleitet haben. In weiterer Folge soll es zu betrügerisch erlangten Darlehensverlängerungen sowie zu einem teilweisen Forderungsverzicht gekommen sein.
Bereits zuvor hatte die Staatsanwaltschaft den Verdacht geäußert, Benko habe Gesellschafter zu zusätzlichen Investments im Rahmen von Kapitalerhöhungen bewegt, indem er vorgab, selbst frisches Kapital zuzuschießen. Tatsächlich sollen die Mittel jedoch teilweise über konzerninterne Umwege geflossen und letztlich als sein eigener Beitrag ausgegeben worden sein.
Verdacht auf systematische Gläubigerschädigung
Neu ist auch ein umfangreicher Ermittlungsstrang zu sogenannten Intercompany-Darlehen. Dabei steht der Verdacht im Raum, dass René Benko sowie Verantwortliche mehrerer österreichischer und deutscher Signa-Gesellschaften unbesicherte Darlehen in zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe innerhalb des Konzerns vergeben haben. Diese Finanzierungen sollen wirtschaftlich angeschlagene Gesellschaften weiter belastet und die Befriedigung von Gläubigern vereitelt oder zumindest geschmälert haben.
Details zu diesen Vorwürfen nennt die WKStA derzeit nicht und verweist auf ermittlungstaktische Gründe.
Schlüsselrolle im System Signa
Alfred Gusenbauer hatte über Jahre hinweg eine zentrale Governance‑Funktion bei Signa inne. Als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Signa Holding GmbH war er formell oberster Kontrolleur des Konzerns und damit Teil jener Struktur, die gegenüber Banken, Investoren und politischen Entscheidungsträgern Stabilität und Seriosität signalisieren sollte.
Staatsanwaltschaft Berlin
Gegen Timo H. wird vor allem in Deutschland ermittelt. Er war Ende März 2026 auf Antrag der Staatsanwaltschaft Berlin kurzfristig verhaftet und unter strengen Auflagen wieder enthaftet worden. Laut der deutschen Immobilienzeitung soll der frühere Deutschland-Chef der Signa Geld veruntreut haben. Laut Medienangaben soll es sich um 8,4 Millionen Euro drehen. H. bestreitet die Vorwürfe vehement. Er können die Vorwürfe „nicht nachvollziehen“, sagt er zur Immobilienzeitung. Detail am Rande: Top-Manager Timo H. war im Dezember 2023 als CEO von Signa Prime und Signa Development fristlos entlassen worden.
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