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Wirtschaft
11/27/2020

Ist Österreich wirklich eine Ski-Nation?

Eine Saisonöffnung erst Mitte Jänner würde die Seilbahnwirtschaft vier Milliarden Umsatz kosten.

von Simone Hoepke

Wenn es um den Ski-Urlaub geht, wird es emotional. Die Ansage, dass die Pisten heuer über Weihnachten zur Sperrzone erklärt werden sollen, werten manche schlichtweg als Angriff auf den Volkssport Nummer eins. Aber zieht es die Österreicher überhaupt noch auf die Piste?

Nicht wirklich, meint Peter Zellmann. „63 Prozent der Österreicher gehen überhaupt nie Ski fahren“, weiß der Tourismus- und Freizeitforscher. Überhaupt stellen sich immer weniger Menschen auf die Bretteln, zeigt ein Blick zurück in die 1990er-Jahre. „Damals waren nur 40 Prozent der Bevölkerung keine Skifahrer.“ Anders gesagt, hat der vermeintliche Volkssport „dramatisch an Bedeutung verloren“.

Streaming statt Skiing

Den Vorwurf der Konsumentenschützer, dass das angesichts der hohen Liftkartenpreise kein Wunder ist, lässt Zellmann nicht gelten. „Viele Städter kommen gar nicht mehr auf die Idee, einen Tag Skifahren zu gehen. Auch, weil die Auswahl an Freizeitgestaltungsmöglichkeiten immer größer wird.“

Ein ganz anderes Thema ist der Ski-Urlaub. Er war schon immer ein Eliten-Thema – und daran ändert sich offenbar exakt nichts. Seit jeher haben sich maximal 25 Prozent der Besserverdiener ein paar Tage Auszeit in einem Wintersportort gegönnt – und sie halten weiterhin daran fest, sagt Zellmann. Krise hin oder her. „Deswegen haben die Seilbahner auch recht, wenn sie sagen, dass das Skifahren nicht an Bedeutung verliert.“

Wirtschaftsmotor

Das kann man auch an der Zahl der sogenannten Skier Days ablesen. Im letzten „normalen“ Winter, also in der Saison 2018/2019 und damit vor Corona, zählten die Seilbahner mehr als 54 Millionen Ersteintritte auf ihren Pisten (genannt Skier Days). Das hat sich in einem Kassenumsatz von 1,545 Milliarden Euro niedergeschlagen. Dazu kommen die Ausgaben entlang und abseits der Piste – in Summe mehr als 11 Milliarden Euro, hat das Manova-Institut in einer Wertschöpfungsstudie im Auftrag der Seilbahnwirtschaft errechnet. Demnach gibt der typische Winterurlauber exakt 225,70 Euro pro Tag aus, den größten Teil davon (33 Prozent) für die Unterkunft.

In einigen Regionen wäre es ohne Skitourismus relativ schnell relativ finster. „Der Tourismus trägt 15 Prozent zur Wirtschaftsleistung Österreichs bei, mehr als 700.000 Menschen sind direkt oder indirekt in dieser Branche beschäftigt“, betont auch Tourismusministerin Elisabeth Köstinger. „Da geht es nicht nur um Kellner oder Köche, sondern auch um Zulieferer – vom Bäcker bis zum Trafikanten im Ort – oder auch um Handwerker wie Installateure, Elektriker oder Baumeister, die ihre Aufträge aus dieser Branche beziehen.“

Aber wie groß wäre der Schaden, wenn Österreich erst am 15. Jänner in die Saison startet? „Wir zählen zwischen 1. November und 15. Jänner ein Drittel unserer Skifahrertage. Können wir nicht aufsperren, verlieren wir in dieser Zeit knapp vier Milliarden Euro an Bruttoumsatz“, sagt Erik Wolf, Geschäftsführer des Fachverbands Seilbahnwirtschaft in der Wirtschaftskammer. Klingt so dramatisch wie alternativlos. Wifo-Tourismusexperte Oliver Fritz verweist in dieser Frage darauf, dass die Semesterferien den Februar ebenfalls zu einem starken Tourismusmonat machen. Sperrt man über Weihnachten auf, riskiert man steigende Infektionszahlen ein paar Wochen später und damit dasselbe Problem in Blassblau: Lahmgelegte Lifte.

Bleibt die Frage, wer ohne Après-Ski überhaupt Ski fahren will. „Viele“, meint Freizeitforscher Zellmann: „Für 60 Prozent der Winterurlauber war das Halligalli auf den Hütten noch nie von Bedeutung.“ Nur 20 Prozent würden darauf Wert legen – und heuer wohl daheim bleiben.

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