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Wirtschaft
08/30/2020

Neuer "Meister": Warum Österreich das Land der Titel ist

Herr Doktor, Frau Oberrevidentin: Jetzt kann auch der „Meister“ in den Pass eingetragen werden. Ohne Titel geht in Österreich gar nichts, ist oft zu hören. Aber stimmt das?

von Katharina Salzer

Die Frau Agrarbauoberkommissärin trifft man wahrscheinlich selten persönlich. Und wenn dann in Niederösterreich. Genauso wie den Herrn Lebensmitteloberrevidenten. Wer ein Rathaus im Burgenland aufsucht, kann durchaus dem Gemeindeoberamtmann begegnen. In der Steiermark arbeiten Frauen und Männer mit dem Titel Beschließerin und Beschließer. Ob sie aber wirklich viel beschließen können?

Die Bundesländer können es jedenfalls. Es wäre nicht Österreich, würden nicht föderalistisch Titel erschaffen und vergeben. Aber auch der Bund ist mächtig. „Weltweit ist die Republik bei der Anzahl der Titel im Spitzenfeld“, sagt Heinz Kasparovsky. Er gibt das Buch „Titel in Österreich“ heraus. Damit man weiß, welche geführt und wie sie richtig verwendet werden. Das ist umfassend – vom Hofrat bis zum Master of Light and Lighting. Die Liste zu erstellen, ist eine Wissenschaft für sich. Denn sie ändert sich laufend.

Nun gesellte sich eine Neuerung beim Titel „Meister“ dazu. Er kann seit wenigen Tagen offiziell in Dokumente eingetragen werden. Die Ersten nehmen das schon wahr. Mst. und Mst.in wird im Pass verzeichnet sein.

Hören’S, Frau Inspektor

Aber wozu das alles, diese vielen Bezeichnungen und teilweise sehr langen Abkürzungen? LInspSozArb etwa (Landesinspektor für Sozialarbeit). Titel dienten der Zuordnung, erklärt Kasparovsky. In vielen Fällen und im besten Fall geben sie Auskunft, in welcher Funktion ein Mensch handelt, wie beim „Leiter des Pflegediensts“. Manchmal schafft ein Titel aber auch die nötige Objektivierung. Frau Revierinspektorin statt Frau Gruber bringt vielleicht im Konfliktfall mit der Polizei einen durchaus brauchbaren sprachlichen Abstand.

Trotz allem: „Titel sind ein hochemotionales Thema“, sagt Kasparovsky, selbst Dr. iur. und Ministerialrat. „Ich bin täglich verwundert“, sagt er – obwohl seit Jahrzehnten mit der Angelegenheit beschäftigt. Er ist im Wissenschaftsministerium für Internationales Hochschulrecht zuständig. Laufend trudeln bei ihm Anfragen ein. Wird der Meister vor dem Magister geschrieben oder umgekehrt, wenn man beide Titel führt? So lauten Erkundigungen.

Titel sind eben auch ein Mittel sich darzustellen. „Sie können Personen – vermeintlich oder real – in ihrem sozialen Status heben.“ In einer Umfrage aus dem Jahr 2016 von marketagent.com geben 53 Prozent der Akademiker an, dass ihnen ihr Titel bereits etwas genützt hat.

Grüß Sie, Herr Direktor

Das ist nicht nur im beruflichen Sinn zu sehen. Es gehöre zu den Erfahrungswerten vieler Menschen, dass sie höflicher behandelt würden, wenn sie sich mit „Herr Generaldirektor“ als nur mit Herr Huber vorstellen, erklärt Kasparovsky. Oder, dass sie ein besseres Spitalsbett bekommen, wenn sie den Herrn Doktor herausstreichen. Es muss gar nicht der Dr. med. univ. sein, Dr. phil. tut es auch.

Mehr als jeder Zweite gibt bei der Umfrage an, Personen mit Titeln anders zu begegnen. „Wir hoffen, dass Titel mittelfristig etwas von ihrer subjektiv-persönlichen Bedeutung verlieren“, schreiben Kasparovsky und seine Co-Autorin Ingrid Wadsack-Köchl in ihrer persönlichen Bewertung am Ende des Titelbuches.

Wären es doch nur die Akademiker: Aber es gibt so viele Menschen, die in Österreich Titel tragen:

1.580 Wortlaute von Titeln sind in der Republik verzeichnet. Herr Doktor, Frau Professorin, Herr Ministerialrat, Frau Inspektorin. Aber es werden noch mehr

2.187 Titel sind es, wenn man berücksichtigt, dass manche Titel im Wortlaut identisch sind, aber Unterschiedliches bedeuten. Professorin, zum Beispiel, kann ein Amtstitel für Lehrerinnen an Gymnasien oder ein Ehrentitel sein. Und: Es gibt meist die männliche und weibliche Form – wie etwa beim/bei der Oberkontrollor/in

Es gibt verschiedene Arten von Titeln
1. Akademische Grade wie etwa Bachelor der Philosophie, Magistra (FH) für  Militärische Führung  oder Doktor der Biomedizin-Informatik. Nicht zu verwechseln mit Ehrendoktoraten
2. Ingenieure
3. Amtstitel, Dienstgrade und Verwendungen im Öffentlichen Dienst wie Kabinettsvizedirektor, Fachoberinspektorin oder Berufsvormund der Stadtgemeinde
 4. Berufstitel, Ehrenzeichen und Auszeichnungen wie Kammerschauspieler 1918 wurde der Adelsstand aufgehoben

Top 3 der ungewöhnlichen Titel
Unter Titeln gibt es für Laien Überraschendes. Die Favoriten der Redaktion: 
1. Die Bergrätin honoris causa ist eine Auszeichnung. Sie wird an Personen verliehen „die auf dem Gebiet des Berg- und Hüttenwesens tätig sind“ und sich Verdienste um die Republik Österreich erworben haben. Sie ist für Menschen bestimmt, die an der Montanuni ihr Studium abgeschlossen haben
2. Der Agrarbauoberkommissär der NÖ Landesregierung. Den Titel gibt es unter anderem nach der Ablegung der Prüfung für den höheren Agrardienst
3.  Die Beschließerin ist in der Steiermark im Hauswirtschaftsdienst tätig. Beschließer ist übrigens ein anerkannter Beruf im Gastgewerbe. Er kümmert sich um die Wäsche

Frau Mayer, Bachelor

Licht am Ende des Tunnels sieht Kasparovsky noch nicht. Dennoch es gibt langsam Wandel. Die Titel Bachelor, Master und PhD werden hinter und nicht vor den Namen gestellt. Damit fällt die Anrede weg. „Frau Mayer, Bachelor“ sagt sich nicht so leicht. Allerdings gibt es durch dieses System mehr Titel – denn BA und Co laufen derzeit parallel mit den „alten“ Titeln wie dem Magister.

Zurück zum Meister. „Der Meistertitel ist einer der allerältesten“, sagt Kasparovsky. Die Bezeichnung hat ohnehin schon einen großen Stellenwert. Die Eintragungsmöglichkeit ist für ihn eine „optische Aufwertung“.

Doch was sind eigentlich Lieblingstitel des Titel-Experten? Kasparovsky denkt ein bisschen nach: „Obersonderkindergärtnerin“, sagt er.

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