Nicht geadelt, weil er einen „Revolutionsmarsch“ komponiert hatte: Johann Strauß

© WEIMA / Mary Evans / picturedesk.com/WEIMA/Mary Evans/picturedesk.com

Chronik Geschichten mit Geschichte
08/30/2020

„Die Hofräte, die bleiben“: Die lange Tradition der österreichischen Titel

Die Österreicher und ihre Titel: Nicht wenige Titel entstanden als landesübliche Kuriosa.

von Georg Markus

Mein Kollege Dieter Chmelar hat es auf den Punkt gebracht, als er einmal schrieb: „Wäre Shakespeare Österreicher gewesen, sein Stück hätte geheißen: ,Der Diplomkaufmann von Venedig‘.“ Fest steht, dass sich in keinem anderen Land auch nur annähernd so viele Titel eingebürgert haben wie in Österreich.

Die klassische Titel-Karriere bietet sich seit jeher dem österreichischen Beamten. Ihm steht eine Hundertschaft an Titeln zur Verfügung, wobei die Palette vom Amtswart bis zum Sektionschef reicht. Nicht wenige Titel entstanden als landesübliche Kuriosa.

Der Professor

So war die Anrede „Professor“ ursprünglich nur Universitätslehrern vorbehalten, als aber die sich unterbezahlt fühlenden Gymnasiallehrer höhere Gehälter verlangten, entschied Kaiser Franz Joseph sehr österreichisch: Er lehnte die Forderung unter Hinweis auf den chronisch leeren Staatssäckel ab und gestand den Lehrern stattdessen zu, sich ab sofort Professor nennen zu dürfen. Das erfreute die Pädagogen beinahe ebenso wie die erhoffte Gehaltserhöhung und führte zum geflügelten Wort vom „Titel ohne Mittel“.

Als in der Ersten Republik durch Abschaffung des Adels ein arges Titeldefizit entstand, begann man auch verdiente Künstler mit dem Titel Professor zu schmücken, was sich bis heute erhalten hat.

Sehr zum Ärger des Kritikers Hans Weigel. Als nämlich dem durch seine Fernsehserien bekannt gewordenen Drehbuchautor, Regisseur und Schauspieler Fritz Eckhardt der Berufstitel Professor verliehen wurde, telegrafierte ihm Weigel: „Hiermit lege ich meinen Professorentitel zurück. Albert Einstein.“

Hofrat ohne Hof

Anderswo herrscht Erstaunen darüber, dass es in Österreich mehr als 100 Jahre nach Abschaffung des kaiserlichen Hofs immer noch Hofräte gibt. Der Titel wurde 1765 unter Maria Theresia „erfunden“. Als man den Staatskanzler Metternich im März 1848 aus seinem Büro am Ballhausplatz jagte, trat ein trotz Revolution treu ergebener Beamter auf den Fürsten zu und fragte ihn besorgt: „Was soll denn jetzt aus uns werden, wenn Durchlaucht uns verlassen?“

„Beruhigen Sie sich, lieber Hofrat“, antwortete Metternich, „Kaiser werden in Österreich gestürzt, Regierungen kommen und gehen, aber die Hofräte, die bleiben!“

Metternich sollte sich irren, denn der Titel Hofrat wurde nur zwei Jahre nach der Revolution abgeschafft und durch den Ministerialrat ersetzt. Doch die ihres klangvollen Titels beraubten höheren Staatsdiener protestierten so lange, bis der Hofrat wieder eingeführt wurde. Wobei der Ministerialrat natürlich zusätzlich erhalten blieb. Metternich hat letztlich also doch recht behalten: „Die Hofräte, die bleiben!“

Der Kanzleirat

Auch später gab es immer wieder Bemühungen, die Amtstitel zu reduzieren. So wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Titel Kanzleirat „wegen Überalterung“ aus dem Dienstgradverzeichnis der Stadt Wien gestrichen. Bis 1948 der Musikfilm „Der Herr Kanzleirat“ mit Hans Moser den Titel wieder ins Rampenlicht brachte. Daraufhin beschloss man, den Titel wieder einzuführen, wie einem Bericht der Zeitung Express zu entnehmen ist: „Das Verdienst, dass der alte Herr Kanzleirat reaktiviert wurde, gebührt unserem Hans Moser. Sein Lied hat Wiens Stadtväter jetzt bewogen, den Titel wieder zu neuen Ehren kommen zu lassen.“

Das Führen glorioser Titel hat seine Wurzeln in der Aristokratie. In der ersten Reihe stand, wer über zumindest 16 aristokratische Ahnen verfügte. Bis zu 80 solcher Familien erfüllten als Fürsten und Prinzen die strengen Richtlinien der Monarchie und galten somit als „hoffähig“, womit ihnen der uneingeschränkte Zutritt zum Kaiserhaus gestattet war. Zu dieser Kategorie zählten neben dem Haus Habsburg Dynastien wie Liechtenstein, Esterhazy, Coburg und Hohenlohe. Je älter das Geschlecht war, desto näher beim Kaiser durfte man bei Hofbällen und Galadiners sitzen.

Mit Einsetzen der industriellen Revolution war das Bürgertum drauf und dran, immer mehr Einfluss zu nehmen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Industrie- und Finanzdynastien, Beamte, Militärs und Künstler, die sich als treue Stützen des Throns erwiesen, mit erblichen Titeln wie Baron, oder Freiherr beglückt.

5700 Bürgerliche geadelt

Allein unter Kaiser Franz Joseph wurden 5700 Bürgerliche geadelt, darunter Kaufleute und Bankiers wie Mautner Markhof, Schoeller und Drasche. Bei Künstlern war der Kaiser strenger. So lehnte er die Erhebung des Walzerkönigs Johann Strauß in den Adelsstand ab, da er 1848 einen „Revolutionsmarsch“ komponiert hatte. Noch mehr Titel als Franz Joseph vergab dessen Großneffe und Nachfolger Kaiser Karl I., den man deshalb „Sehadler“ nannte, weil er jeden, den er gesehen, auch gleich geadelt hat.

Adelstitel verboten

Am 3. April 1919 wurde mit Beschluss der jungen Republik das Führen aristokratischer Titel untersagt. Ein Graf Sternberg rächte sich bei den „Roten“, die er als eigentliche Titelvernichter verdächtigte, als er sich Visitenkarten drucken ließ, auf denen zu lesen war: „Adalbert Sternberg, geadelt im Jahre 800 von Karl dem Großen, entadelt im Jahre 1919 von Karl Renner“.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.