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Wirtschaft
05/15/2019

Starökonom Warren Mosler: "Warum ist die EZB nicht in Athen?“

Der Gründer der viel zitierten MMT-Geldtheorie und Impulsgeber der US-Demokraten über Euro, Österreichs Budget und Klimawandel.

So ein Lebenslauf reicht eigentlich für drei Biografien: Warren Mosler (69) hat Hedgefonds gegründet und ein Vermögen an der Wall Street angehäuft. Er hat fast drei Jahrzehnte lang eigene Supersportwagen gebaut und Katamarane entworfen. Er hat sich (erfolglos) um Ämter in den USA beworben, darunter die Präsidentschaft (2012), einen Sitz im Kongress und als Gouverneur der karibischen US-Jungferninseln, wo er lebt.

Und er hat ganz nebenbei eine Wirtschaftstheorie entworfen, die jetzt in aller Munde ist.

Was einst als Mosler Economics firmierte, wurde nämlich als „Moderne Geld-Theorie“ (Modern Monetary Theory, MMT) vom linken Rand der Demokraten in den USA euphorisch adoptiert. Als bekannteste Proponentin gilt die Professorin Stephanie Kelton, die sowohl den Haudegen und Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders berät als auch die jüngste Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez: Der neue weibliche Shooting-Star aus New York will so eine staatliche Jobgarantie und den Kampf gegen den Klimawandel (Green New Deal) finanzieren.

In Rollen gebracht hat den Stein freilich Warren Mosler, wie Kelton freimütig zugibt. 1997 sei bei ihr der Groschen gefallen, als sie ein Buch des Hedgefonds-Managers las. Der US-Ökonom ist derzeit auf Einladung des neu gegründeten Vereins MMT Austria für Vorträge in Wien.

Staatspleite unmöglich

Der Millionär und die Wall-Street-kritische Bewegung der „99 Prozent“: Klingt nach einer seltsamen Allianz.

Mosler selbst sieht seine Geldtheorie als überparteilich, wie er am Dienstag im Gespräch mit dem KURIER erklärte: „Ich habe 2010 ein Aussetzen der Lohnsteuer angeregt, um der Wirtschaft zu helfen.“ Es sei das einzige Gesetz gewesen, das der Kongress unter Obama überparteilich beschlossen habe. Er gehöre keiner Partei an, sieht sich als „Progressiven“.

Was macht Moslers Theorie so attraktiv für Politiker? MMT stellt die übliche Sicht auf den Kopf. Dass man Geld erst einnehmen müsse, bevor man es ausgeben kann, mag demnach für Privatpersonen oder Unternehmen gelten. Für einen Staat jedoch, der seine Währung selbst kontrolliert, ergebe diese Denkweise keinen Sinn.

Denn, so die MMT-Befürworter, der Staat schaffe das Geld ja selbst – direkt oder via Notenbank. Somit könne ein selbstständiger Staat nie pleite gehen, weil er notfalls die Schulden bezahlt, in dem er „Geld druckt“ (wofür heute nur eine Computer-Buchung nötig ist).

Sparen, wofür?

Auftrieb erhielt MMT, weil Zentralbanken mit „unkonventioneller“ Geldpolitik seit der Krise genau das machen: (indirekt) Staaten finanzieren. Für Mosler der ganz normale Weg. Steuern und Staatsanleihen braucht es seiner Meinung nach nur, um die Wirtschaft und Geldmenge zu lenken.

Über die Zinsen funktioniere das nicht. Die Europäische Zentralbank (EZB) erreiche ihr Inflationsziel seit acht Jahren nicht, trotz Negativzinsen. „Nicht einmal mit einem Italiener als Präsident. Was sagt Draghi? Wir brauchen mehr Zeit.“ Japan behaupte das seit mittlerweile dreißig Jahren.

Mosler würde die EZB-Zinsen permanent bei Null belassen. Dem Einwand, das würde die Österreicher als Volk der Sparer gar nicht freuen, entgegnet er: „Sie sind ohnehin schon wütend, oder?“

Er würde keine Anreize zum Sparen geben, denn „das bringt der Wirtschaft nichts“. Wenn die staatliche Pension hoch genug ist, seien Ersparnisse nicht nötig.

Österreichs Überschuss passt

Dass Österreich erstmals seit Jahrzehnten einen Budgetüberschuss erzielt, findet Mosler passend: Weil Euro-Mitglieder die Geldschöpfung nicht selbst kontrollieren (das tut die EZB), müssten sie vernünftig bilanzieren. Deshalb seien auch die EU-Defizitregeln notwendig.

Auf Ebene der EZB gelte das aber nicht. Die könne jedem Staat pro Einwohner einige hundert Euro spendieren. Mit diesen Milliarden könne ein Staat Schulden rückzahlen oder die Infrastruktur verbessern, ganz wie er wolle.

Und überhaupt würde Mosler EU-Institutionen bevorzugt dort ansiedeln, wo die Arbeitslosigkeit am höchsten ist: „Was hat der EZB-Turm gekostet, gut eine Milliarde Euro? Warum steht er in Frankfurt und nicht in Athen?“

Einfach die Welt retten

Kritiker, darunter interessanterweise auch linke Ökonomen wie Paul Krugman oder Larry Summers, gehen mit MMT hart ins Gericht. Der frühere deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger kann der Idee zwar generell etwas abgewinnen, schränkt aber ein: „Die Dosis macht das Gift.“

Und der belgische EZB-Ökonom Peter Praet zog sich massiven Ärger der Social-Media-Gemeinde zu - er nannte MMT einen „gefährlichen Vorschlag“.

Tatsächlich ist die Skepsis groß: Wer die Geldmenge ausweitet, handelt sich nach traditioneller Lehre steigende Preise ein. Wären wir mit MMT auf dem Weg in Richtung Hyperinflation wie in Venezuela? Ungebremstes Steigern der Geldmenge könne Inflation auslösen, räumt Mosler ein. Das sei aber ganz, ganz selten der Fall. In Venezuela spiele Korruption die weitaus größere Rolle.

Und überhaupt: „Falls Investitionen in einen ,Grünen Deal’ den Klimawandel stoppen helfen: Sagen wir dann am Ende, wir haben jetzt zwar die Welt gerettet, aber es hat uns fünf oder sieben Prozent Inflation eingebracht. Das war ein Fehler?“