Günther Apfalter.

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Wirtschaft
09/10/2019

Magna-Europe-Chef: "Das Diesel-Bashing ist überzogen"

Günther Apfalter sieht noch viel Potenzial in den Motoren. E-Autos seien primär für Städte geeignet. Dort würden Fahrverbote mehr Lebensqualität bringen.

von Robert Kleedorfer

Heute, Dienstag, beginnt mit den Pressetagen die größte europäischen Automesse IAA in Frankfurt. Viele namhafte Aussteller sind heuer nicht dabei, Umweltschützer wollen gegen den Klimasünder Auto demonstrieren. Magna-Europe-Chef Günther Apfalter wird trotz der negativen Stimmung vor Ort sein. Warum er an die Zukunft des Automobils glaubt, erklärt er im KURIER-Interview.

KURIER: Kürzlich hat Ex-Kanzler Sebastian Kurz das Werk in Graz besucht. Welchen Wunsch an die Politik haben Sie ihm ausgerichtet?

Günther Apfalter: Konstruktive Kontinuität; das heißt, dass die Ansprechpartner eine längere Halbwertszeit haben.

Kurz befürwortet im Rahmen der Klimadebatte Wasserstoff als Antriebsform der Zukunft. Was haben Sie ihm dazu gesagt?

Abseits der Brennstoffzelle ist der Rest des Fahrzeugs gleich. Die Antriebsart hat ihre Berechtigung ab dem Jahr 2030, aber die Kosten müssen noch verringert werden.

Das heißt, die Idee kommt noch ein bissl zu früh.

Nein, weil 2030 ist um die Ecke. Die Autos, die in den nächsten Jahren auf den Markt kommen, sind fertig entwickelt. Ein Modellzyklus eines Fahrzeugs beträgt sieben Jahre. Es geht also schon um die nächste Generation, die entwickelt wird.

Und was ist bis 2030?

Das wird eine Evolution mit den Antriebsarten sein, die wir jetzt zur Verfügung haben. Und der Kunde entscheidet, was er kauft.

Und was wird er bevorzugt kaufen?

Nach wie vor den Verbrennungsmotor. Vom Preis/Leistungsverhältnis als auch den Emissionen her ist er führend. Denn man muss sich die Gesamtenergiebilanz eines Fahrzeugs ansehen, also von den Rohstoffen, über die Produktion, den Verbrauch bis zum Recycling des Fahrzeugs. Und woher kommt die notwendige Energie und wie wird sie gewonnen. Man darf nicht immer nur Ausschnitte sehen. Es ist ja vermessen zu sagen, ich fahre mit einem Elektroauto emissionsfrei. Weil irgendwo kommen die seltenen Erden für die Batterie her und auch der Strom.

Was fahren Sie selbst?

Einen Mercedes G privat und einen BMW X5 als Dienstwagen, beides Diesel. Meine Frau überlegt derzeit aber für die Stadt ein Elektroauto zu kaufen.

Glauben Sie an den Elektroantrieb?

Die Elektromobilität wird wachsen, aber nicht in der vorhergesagten Dynamik. Er hat absolut seine Zukunft im urbanen Bereich, bedingt aber, dass Gesellschaft und Politik dem Individualverkehr mit normalen Fahrzeugen im urbanen Bereich Grenzen setzen. Etwa über Fahrbeschränkungen. Dann gibt es auch wieder mehr Lebensqualität. Man muss die Städte vom Verkehr entlasten und die individuelle Mobilität im urbanen Bereich einschränken. Diese Einschränkungen bedürfen mutiger Entscheidungen. Aber das funktioniert alles nicht von heute auf morgen.

Was kann die Industrie gegen das negative Image des Diesels tun?

Das Bashing ist sicher überzogen. Und in den letzten Monaten wurden auch wieder mehr Diesel gekauft. In den jetzigen Motoren ist noch Potenzial, um den Verbrauch zu reduzieren. Letztendlich aber entscheidet auch hier der Kunde.

Günther Apfalter (59) - der Sohn des früheren Voest-Chefs Heribert Apfalter wurde 1960 geboren. Nach dem Landwirtschaftsstudium begann Günther Apfalter 1985 bei Steyr-Daimler-Puch als Verkaufsleiter für Traktoren in Deutschland. 1996 wurde er Vorstandschef der Case Steyr Landmaschinentechnik, 2001 wechselte er als Vorstand zu Magna Steyr, seit 2007 ist er Chef, seit 2010 auch Magna-Europe-Chef. 

Manche sagen das Ende des Autos voraus. Was entgegnen Sie ihnen?

Das müssen wir selbst entscheiden, ob wir künftig nur zu Fuß gehen.

Sie haben vor rund einem Monat den Ausblick für das Gesamtjahr leicht auf 6,8 bis 7,2 Mrd. Dollar Umsatz im Magna Werk Graz nach unten revidieren müssen. Wird es dabei bleiben?

Ja, denn das Jahr ist operativ fast zu Ende. Es läuft business as usual. Die Zahl der produzierten Fahrzeuge wird leicht von knapp 160.000 auf rund 175.000 zulegen.

Warum musste der Ausblick gesenkt werden?

Der automotive Himmel trübt sich etwas ein. Der Endkunde ist verunsichert, in welche Antriebsart er investieren soll. Da kommen Fragen auf. Soll ich überhaupt noch zwei Jahre warten, um mehr Sicherheit zu bekommen? Darf ich mit meinem zukünftigen Auto noch in die Stadt fahren? Gibt es für Elektroautos künftig höhere oder niedrigere Förderungen? Das sind alles Faktoren, die derzeit Verunsicherung auslösen und deswegen sind die Verkäufe weltweit zurückgegangen. Aber ich muss auch dazu sagen, dass der Sektor kein broken business ist. Seit der Wirtschaftskrise 2009 ist es immer nur nach oben gegangen. Jetzt geht es leicht zurück, aber das ist der normale Verlauf.

Wie wirkt sich das auf den Mitarbeiterstand in Graz aus?

Wir atmen je nach Produktionsvolumen. Wir haben inklusive Leiharbeitern knapp 10.000 Mitarbeiter in Graz.

Ist ein Abbau von Leiharbeitern derzeit ein Thema?

Bei Leiharbeitern sprechen wir nicht von Abbau, sie werden je nach Auslastung eingesetzt.

Haben Sie trotz der Flaute in der Branche mögliche neue Aufträge im Köcher?

Es gibt viele Anfragen. In den nächsten Monaten müssen diese konkretisiert werden. Es ist also keine Flaute am Horizont. Was mich ein wenig wundert, weil in Zeiten der Produktionsrückgänge müssen ja die Hersteller primär ihre Werke auslasten. Da gibt es auch andere Strategien. Zudem gibt es neue Autohersteller am Markt, die auch extern fertigen lassen. Auch von diesen haben wir sehr viele Anfragen. Einer der neuen Marktteilnehmer ist die vietnamesische VinFast. Wir haben für sie zwei Fahrzeuge entwickelt, die bereits vom Band rollen. Und es gibt weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Und mit dem chinesischen Unternehmen BJEV, der BAIC-Tochterfirma für E-Autos, bauen wir ab 2020 zwei Elektroautos.

Sie haben kürzlich in Slowenien eine weitere Fabrik eröffnet. Warum nicht in Graz?

Wir sprechen von Europa. Slowenien ist 70 Kilometer von Graz entfernt, dazwischen ist eine geografische Grenze in einem vereinten Europa. Für mich ist das nicht relevant, ob Steiermark oder Slowenien. Und wir haben derzeit schon 1.500 slowenische Arbeitskräfte in Graz.

Wie sehr waren die niedrigeren Kosten ausschlaggebend für den Standort?

Eine Standortwahl ist immer ein Strauß von Parametern, der bewertet wird, um daraus zu einer Entscheidung zu kommen. In der Nähe von Graz gab es kein Grundstück an einer Autobahn, das 100 Hektar groß ist. Wir brauchen das aber für eine effiziente Logistikkette. Das war also einer der hauptsächlichen Ausschließungsgründe.