Investorin: "Auf dem besten Weg, Europa vollständig zu vernichten"

Die Risikokapitalgeberin Lisa-Marie Fassl über die Wettbewerbsfähigkeit Europas und wie Künstliche Intelligenz das Gründen und Investieren verändert.
Lisa-Marie Fassl, Risikokapitalgeberin

Mit ihrem 2021 gegründeten Fund F investiert Lisa-Marie Fassl in diverse Teams, mit mindestens einer Gründerin. Für viele Start-ups in Österreich sei es nach wie vor schwierig, an Kapital zu kommen, sagt die Risikokapitalgeberin im Gespräch mit dem KURIER.

KURIER: Seit Jahresbeginn wurden einige höhere Investitionen in österreichische Start-ups vermeldet. 2025 waren die Finanzierungen eingebrochen. Geht es wieder aufwärts?
Lisa-Marie Fassl: Der Markt entwickelt sich in zwei Richtungen. Auf der einen Seite gibt es die KI-basierten Themen und die Defence-Themen. Wenn man in einem der beiden Bereiche positioniert ist und ein spannendes Produkt baut, kriegt man sehr viel Finanzierung zu sehr hohen Bewertungen. Für alle anderen ist es noch immer schwierig, an Kapital zu kommen.

Die EU will das Gründen vereinfachen – geplant ist eine europäische Gesellschaftsform, die EU Inc. Was kann noch schiefgehen?
Im politischen Kontext kann immer ganz viel schiefgehen. Wir sind auf dem besten Weg, Europa vollständig zu vernichten. Ich sage das in der Dramatik, weil vielen noch immer nicht bewusst ist, an was für einem Scheideweg wir gerade stehen. Ein Vehikel wie EU Inc., das es erleichtert und vereinfacht, in Europa zu gründen, wäre ein totaler Gamechanger.

Warum?
Wir haben mit Fund F mittlerweile in zehn Ländern in Europa investiert und haben einen guten Überblick darüber, wie die verschiedenen Jurisdiktionen funktionieren. Die Unterschiede sind dramatisch. In manchen Ländern kann es Monate dauern, bis ein Investment im Firmenbuch eingetragen ist, in anderen nur zehn Tage. Wenn wir es schaffen, das zu vereinheitlichen, dass es in ganz Europa schnell geht, haben wir sehr viel erreicht.

Ist das realistisch? Durchgesickerte Entwürfe für die EU Inc. deuten nicht darauf hin.
Ich bin optimistisch. Wir können im Wettbewerb mit den USA und China nicht mithalten. Die EU hat jetzt die Möglichkeit, etwas Positives zu bewirken.

Ein von der Regierung angekündigter Dachfonds soll Lücken bei der Wachstumsfinanzierung schließen und will auch Pensionskassen anlocken. Wie kann man die überzeugen, in Start-ups zu investieren?
Dass Pensionsfonds noch nicht in diese Asset-Klasse investieren, ist ein Missverständnis. Sie tun das teilweise sehr aktiv, aber sie machen es nicht in Österreich. Das hat in vielen Fällen damit zu tun, dass die meisten Fonds in Österreich verhältnismäßig klein sind. Ein Dachfonds, der einen größeren Pool an Geld zusammenfasst, kann ein zentraler Hebel sein, sie zu motivieren, in den Standort zu investieren. Das Potenzial ist riesig.

Sie haben für Ihren Fonds einige institutionelle Investoren an Land gezogen. Wie schwierig war das?
Die institutionellen Investoren, die wir haben, haben eine Grundüberzeugung, dass Innovation und Technologie essenziell für die Weiterentwicklung von Gesellschaft und Wirtschaft sind. Das Bewusstsein, dass dort die Wertschöpfung der Zukunft liegt, ist da. Technologie bestimmt unser Leben. Es ist wichtig, dass die von Menschen gebaut wird, die ein positives Wertesystem haben und die Themen vorantreiben, die uns an unserem Standort wichtig sind. Es verändert sich gerade sehr viel. Es ist auch eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung, sicherzustellen, dass Innovation tatsächlich bei uns passiert und nicht in Richtung USA abwandert.

Sie haben Fund F gegründet, um diverse Teams zu unterstützen und auch um den Gender Gap beim Risikokapital zu verringern. Hat sich die Situation verbessert?
Wir sehen in vielen Teilen Europas definitiv mehr Teams mit mindestens einer Frau. Also gerade in Frankreich, in Großbritannien, in Spanien, teilweise auch in den nordischen Ländern. In Österreich sehen wir noch nicht, dass mehr Frauen anfangen, tatsächlich technologieorientierte Unternehmen zu gründen. Ich habe aber die Hoffnung, dass sich durch die Möglichkeiten von KI, mit der Schnelligkeit und Einfachheit, mit der man seine Ideen umsetzen kann, tatsächlich nachhaltig verbessert.

Was machen diverse Teams besser?
Was sie definitiv auszeichnet, ist, welche Themen sie adressieren. Meistens sind es Themen, die unter dem Begriff Impact zusammengefasst werden können, die also positive Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Umwelt haben. Dass man damit kein Geld verdienen kann, ist ein Missverständnis. Diese Teams gründen etwa in den Bereichen Gesundheit und Klimatechnologie. Das sind die größten Problemfelder und damit gleichzeitig die größten Potenzialfelder. Die positiven Auswirkungen und die Rendite können extrem gut Hand in Hand gehen. Wenn man mehr wirtschaftlichen Erfolg hat, sind auch die positiven Auswirkungen höher.

In den USA, aber auch in einigen europäischen Ländern, stehen Diversitätsinitiativen unter Druck. Sehen Sie solche Tendenzen auch in der heimischen Start-up-Szene?
In diesem Fall ist es ein Vorteil, dass wir in Österreich mit allem hinten nach sind und alles ein bisschen länger dauert.

Einen Rückschlag sehen Sie nicht?
Ganz im Gegenteil. Bei uns war das Thema grundsätzlicher Förderung von Frauen noch nicht so weit verbreitet wie in anderen Ländern. Dieses gesellschaftliche, politische Momentum, das aus den USA kommt, nervt viele Frauen total. Sie sagen, jetzt erst recht mehr Frauensolidarität und mehr Support für diverse Teams.

KI hat den Handlungsspielraum von Start-ups erweitert. Was verändert die Technologie?
Es verändert sowohl das Gründen als auch das Investieren. Wir können noch gar nicht abschätzen, wie massiv diese Veränderungen sein werden. Start-ups können vor allem im Softwarebereich mithilfe der Technologie ohne hohe Kosten schnell Dinge testen. Weil die Anfangsinvestitionen niedrig sind, brauchen sie auch deutlich weniger Kapital. Für Investorinnen und Investoren stellt sich die Frage, wann sie die Möglichkeit bekommen, in ein Start-up zu investieren und noch einen relevanten Anteil bei einer niedrigen Bewertung bekommen.

Sie waren bis 2022 Start-up-Beauftragte im Wirtschaftsministerium, haben diese Position aber niedergelegt. Ihre Erfahrung haben Sie als „ernüchternd“ beschrieben. Was läuft falsch?
In Österreich geht so wenig weiter, weil alle eine Meinung haben, viele aber nur auf sich schauen und nicht auf das größere Bild. Wir sind bei vielen Themen nicht mehr nur Mittelmaß, sondern unteres Drittel. Ich würde mir mehr Mut wünschen, Dinge tatsächlich umzusetzen und langfristige Entscheidungen zu treffen und nicht nur das zu machen, was kurzfristig opportunistisch ist.

Wie beurteilen Sie die von der Regierung vorgestellte Industriestrategie, die auf Zukunftstechnologien setzt?
Ich finde es gut, dass man Felder definiert hat, die relevant sind, und in diese Themen zu investieren. Es gibt viele Themen, bei denen wir in Österreich gut sind, Quantencomputing ist eines davon. Die Beträge, über die wir reden, sind aber ehrlicherweise lächerlich. Es macht vielleicht Sinn, sich auf weniger Innovationsfelder zu konzentrieren und die dafür ordentlich mit Kapital auszustatten. Fokus ist das Wichtigste. Das sagen wir auch unseren Gründerinnen und Gründern.

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