Gründen in der EU: Eine verpasste Chance mehr
Die Idee ist gut und sollte für junge Unternehmen eine Reihe von Erleichterungen bringen. Eine einheitliche europäische Rechtsform, die Gründungen innerhalb von 48 Stunden vollkommen digital ermöglicht. Diese Woche will die EU-Kommission ihre konkreten Pläne für die EU Inc. präsentieren. Entwürfe dafür sind bereits durchgesickert. Viel deutet darauf hin, dass Europa neuerlich eine Chance verpasst.
Denn das „28th regime“, also der 28. Rechtsrahmen, der neben den 27 nationalen Rechtsordnungen einheitliche Regeln u. a. für Gründungen und Kapitalmarktzugang von innovativen Firmen bringen soll, bleibt weit hinter den Erwartungen europäischer Gründerinnen und Gründer zurück. Zwar sollen sich in der EU gegründete Unternehmen innerhalb von 48 Stunden digital in ein EU-Register eintragen können, vieles unterliegt aber weiterhin nationalen Regeln. Das kann durchaus sinnvoll und notwendig sein, zieht man etwa die in der EU stark unterschiedlichen arbeitsrechtlichen Voraussetzungen in Betracht.
Das sind aber auch nicht die drängendsten Probleme, die Start-ups in Europa haben. Sie beklagen vor allem den fehlenden Binnenmarkt und den mangelnden Zugang zu Kapital. Zumindest Letzteres könnte die neue europaweit geltende Rechtsform deutlich erleichtern. Wollen Geldgeber heute in junge Firmen in anderen EU-Ländern investieren, müssen sie unterschiedliche nationale Besonderheiten berücksichtigen und sich mit dem jeweiligen Rechtsrahmen vertraut machen.
Viele Start-ups in Europa gründen deshalb mit der US-Rechtsform Delaware Inc. Die sieht standardisierte Formulare für Investments vor. Damit können kleinere Beteiligungen rasch erledigt werden. Sie dienen auch als Ausgangspunkt für Finanzierungsrunden und sparen viel Zeit bei Verhandlungen.
Laut den bisher bekannt gewordenen Details bleibt aber vieles beim Alten. Junge Firmen könnten sich zwar rasch als EU Inc. registrieren, müssten aber bisher geltende nationale Verpflichtungen bei der Firmengründung, die auch mit notariellen Aufwendungen verbunden sind, weiterhin durchlaufen. Der Schwerkraft althergebrachter Pfründe war offenbar nicht beizukommen. Sicherlich ist bei einer Lockerung Missbrauchspotenzial gegeben. Das hat man aber auch anderswo in den Griff bekommen.
In den USA investieren Risikokapitalgeber ein Vielfaches in junge Unternehmen. Je nach Definition ist die Anzahl der Gründungen dort auch drei bis sechsmal so hoch. Gerade Österreich würde von Erleichterungen beim Gründen und von einem leichteren Zugang zu Kapital profitieren. Denn während im vergangenen Jahr die Investitionen in junge Firmen europaweit leicht zulegten, gingen sie in Österreich um mehr als die Hälfte zurück.
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