Was hinter der Firmengründung um nur einen Euro steckt

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Wer ein Start-up registrieren möchte, soll das in der EU bald voll digital innerhalb von 48 Stunden erledigen können.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen braucht dringend gute Nachrichten. Da kommen Start-ups gerade recht. Diese rufen lautstark nach Deregulierung, um rascher und grenzüberschreitend wachsen zu können. Sie finden Gehör in Brüssel, wo eine völlig neue, EU-weit einheitliche Gesellschaftsform für innovative Firmen in den Startlöchern steht.

Die geplante EU Inc. soll komplett digital mit einem Mindeststammkapital von nur einem Euro innerhalb von 48 Stunden registriert werden können. Die Ankündigung von der Leyens beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos sorgte für Jubelstimmung in der Start-up-Community. Zugleich einigte sich das EU-Parlament mit großer Mehrheit auf einen gemeinsamen Vorschlag für einen zusätzlichen EU-weiten Rechtsrahmen, wie ihn die Macher der EU-Inc.-Initiative ausgearbeitet haben.

Eine maßgebliche Rolle spielte dabei der österreichische Start-up-Investor Andreas Klinger: „Die Gesellschaftsform ist nicht die Lösung für alle Probleme, aber sie schafft eine Grundlage, auf der sich viel entwickeln kann. Sie ist wie der Euro – wenn ein Standard da ist, passiert automatisch mehr Handel“, sagte Klinger im November zum KURIER.

Grenzüberschreitend

Die EU-Kommission will den Gesetzesentwurf zum Rechtsrahmen bis Ende März vorstellen. Ziel ist es, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen KMU, Start-ups und Forschungseinrichtungen zu verbessern und Investitionen zu erleichtern. Für eine reibungslose Abwicklung einschließlich der Kommunikation mit Behörden und Investoren soll es ein von der Kommission betriebenes, mehrsprachiges Portal geben, das in allen Mitgliedsstaaten zugänglich ist. Viele wichtige Details, etwa steuerliche, gewerbe- oder arbeitsrechtliche Fragen sind noch offen. Die EU Inc. soll aber bestehende Rechtsformen nicht ersetzen, sondern ergänzen.

Die heimische Start-up-Community freut sich über das Regelwerk. „Fragmentierung ist einer der zentralen Wettbewerbsnachteile von europäischen Unternehmen und einer der wichtigsten Gründe, warum wir gesamtwirtschaftlich und technologisch den Anschluss verloren haben“, sagt Markus Raunig von Austrian Start-ups. Und nennt auch gleich ein Beispiel: Wenn ein Investor in ein amerikanisches Start-up investieren will, dann gehe das dank Standardisierung und klaren Best Practices in ganz Amerika auf Knopfdruck innerhalb von wenigen Minuten – in Europa gibt es in jedem Land unterschiedliche Prozesse, Bedingungen und Erwartungen, die ein Investor lernen muss. Österreich bleibe daher mit einem vergleichsweise kleinen Markt oft auf der Strecke.

Längst überfällig

Ähnlich sieht es auch Florian Haas, Start-up-Experte bei der Beratungsgesellschaft EY: „Das ist ein Schritt, der in einer globalen Innovationslandschaft längst überfällig war.“ Wenn Unternehmen in 48 Stunden, vollständig digital und mit minimalem Stammkapital gegründet werden können, senke das die Einstiegshürden massiv. Start-ups und KMU könnten damit deutlich schneller vom ersten Konzept zur marktfähigen Unternehmung gelangen, und auch grenzüberschreitendes Wachstum würde endlich praktikabler und planbarer werden. Gleichzeitig könnte Österreichs starke, aber oft lokal verankerte Szene internationaler werden und Standorte wie Wien, Graz oder Linz für paneuropäische Teams attraktiver machen.

Deutlich skeptischer ist da der Kreditschutzverband (KSV) von 1870. Von einem europaweit einheitlichen Insolvenz- oder Gewerberecht sei man meilenweit entfernt, sagt Insolvenzleiter Karl-Heinz Götze. Jedes Start-up brauche auch gewisse Finanzreserven, denn die ersten Jahre seien die schwierigsten. Wer nicht mehr als ein Euro für die Gründung zur Verfügung hat, sollte sich diese vielleicht überlegen.

So rasch wird die neue europäische GmbH ohnehin nicht starten. Die Umsetzung der EU Inc. wird frühestens 2027 erwartet.

Für börsennotierte Unternehmen besteht mit der Europäischen Gesellschaft (Societas Europaea, SE) bereits seit 2004 eine Rechtsform, die alternativ zu nationalen Regelungen genutzt werden kann. Bis die SE in Kraft trat, hat es allerdings mehr als 30 Jahre gedauert.

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