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Wirtschaft
10/26/2021

Kotányi: Lockdown, wo der Pfeffer wächst und Knoblauch auf der Ever Given

Wie Waldbrände in der Türkei, der Lockdown in Indien und ein stecken gebliebenes Schiff im Suezkanal das Geschäft von Kotányi durcheinander bringen

von Simone Hoepke

Erwin Kotányi interessiert sich von Berufs wegen für die ganze Welt. In mehr als 30 Länder verkauft er seine Gewürze, in noch mehr Ländern kauft er sie ein. Missernten, Währungsschwankungen und Spekulanten, die Preise in die Höhe treiben, gehören zu seinem täglichen Geschäft.

Doch derzeit spielen die Märkte völlig verrückt, sagt der Gewürzhändler aus dem niederösterreichischen Wolkersdorf. So etwas habe er noch nie erlebt. Dafür gebe es eine Reihe von Gründen. Seine Erklärung beginnt er mit der Leitwährung Pfeffer.

Die Pfefferernte sei relativ gut ausgefallen, trotzdem haben sich die Preise mehr als verdoppelt. „In Vietnam, jenem Land, das 60 Prozent der Welternte liefert, herrschte bis vor zwei Wochen ein kompletter Shutdown für drei Monate. Das Land war mitten in der ersten Corona-Welle“, erläutert Kotányi. In den Fabriken durfte zwar gearbeitet werden, doch wer infiziert war, verlor den Job – ohne finanzielle Absicherung. Kotányi: „Das hat dazu geführt, dass die Arbeiter zeitweise in der Fabrik geschlafen haben, aus Angst, sich draußen anzustecken und die Familie nicht mehr ernähren zu können. Hier ging es um ganz existenzielle Fragen.“

Kein Schiff in Sicht

Im internationalen Handel verschärften die Engpässe in der Containerschifffahrt die Situation zusätzlich. Im März 2020 gingen Reeder davon aus, dass die Wirtschaftskrise länger dauern wird, die Schiffskapazitäten rund um den Globus wurden um ein Fünftel runtergefahren. Sprich, Schiffe wurden zur Instandhaltung geschickt, Aufträge zum Bau neuer Schiffe storniert. „Im Spätherbst 2020 gab es viel zu wenige Container in Asien und auch viel zu wenige Kapazitäten auf den Schiffen, die Richtung Europa abgelegt haben.“ Damit nicht genug.

Im Mai 2021 folgten coronabedingt wochenlange Schließungen von chinesischen Häfen, was im Mai 2021 zu einer Halbierung der Abfertigungen führte. Kurz: Wer Ware Richtung Europa schicken wollte, musste immer mehr Geld dafür in die Hand nehmen. Kotányi: „Zwischenzeitlich haben sich die Preise verzehnfacht.“

Und dann blieb auch noch ein Schiff mit 20.000 Containern an Bord im Suez-Kanal stecken, was die angespannte Lage am Containermarkt weiter verschärft hat. Mitten drin das Wolkersdorfer Familienunternehmen: „Wir hatten zwei Container mit Knoblauchgranulat auf der Ever Given. Diese Container standen monatelang in der Hitze, ich nehme an, dass die Ware danach unverkäuflich war.“

Kotányi musste sich jedenfalls um Ersatz kümmern. Dieser war aber gar nicht so leicht zu bekommen. „China liefert geschätzte 90 Prozent des weltweit gehandelten Knoblauchs, hier haben sich monopolartige Strukturen herausgebildet.“ Sprich, wenn etwas schiefläuft, muss man schnell sein. So wie zuletzt, als Teile von Chinas Knoblauchanbaugebieten überschwemmt wurden. Die Ernte war kaputt, die Preise schossen nach oben. Das erkannten auch Spekulanten, die schnell ins Geschäft eingestiegen sind und damit die Preise weiter angeheizt haben. Jetzt kostet Knoblauch etwa 40 Prozent mehr als vor einem Jahr, sagt Kotányi.

Brände in der Türkei

Die Türkei kämpfte währenddessen mit Trockenheit, Waldbrände inklusive. So wurden 40 bis 60 Prozent der Lorbeerbestände vernichtet. Ein Problem, dessen Lösung mindestens vier Jahre benötigt – so lange dauert es, bis ein Baum erntereif ist. Kotányi: „Die Frage ist nicht, zu welchem Preis, sondern ob wir überhaupt Lorbeer bekommen.“

Zudem hätte Trockenheit in Ost- und Südosteuropa die Ernte von Thymian, Koriander, Senf, Dille, Petersilie oder Steinpilzen dezimiert. Garniert werde das ganze Desaster mit steigenden Energie- und Verpackungspreisen.

Aber gibt es auch gute Nachrichten – etwa in Richtung Weihnachten und Vanillekipferl? „Ja“, sagt Kotányi. Der Höhenflug der Vanille ist vorbei, die Preise – sie hatten sich zuletzt verfünffacht – haben sich normalisiert.

Familiensache
Kotányi feiert heuer sein 140-jähriges Bestehen und  ist noch heute in Familienbesitz. 2020 hat das Unternehmen mit 600 Mitarbeitern 175 Millionen Euro umgesetzt.  Rund 70 Prozent  davon kommen aus dem Export in 32 Länder

Russland
ist mengenmäßig der größte Auslandsmarkt von Kotányi.  2020 stieg die Absatzmenge um 15 Prozent, in der Bilanz spiegelt sich das nur zum Teil wider. Grund  war eine 25-prozentige Rubelabwertung. Bedeutend für den Gewürz-Handel ist auch der US-Dollar, in dem u. a. Pfeffer gehandelt wird

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