© BKA/Florian Schrötter

Doppelinterview
03/07/2022

Kocher: "Migration beendet Fachkräftemangel nicht"

Klimawandel, Fachkräftemangel, Krieg: Was muss sich ändern, dass Europas Arbeitsmärkte für aktuelle und kommende Krisen gewappnet sind? Zwei Arbeitsminister im Gespräch.

von Michael Hammerl

Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP) hat seinen dänischen Amtskollegen Peter Hummelgaard in Kopenhagen besucht. Ziel: Den oft gelobten, dänischen Arbeitsmarkt besser verstehen – auch mit Blick auf die anstehende Arbeitsmarktreform.

KURIER: Was macht Dänemark besser, dass die Langzeitarbeitslosigkeit im europäischen Schnitt so niedrig ist?

Hummelgaard: Das dänische System basiert auf Rechten und Pflichten. Wer Arbeitslosengeld kassiert, hat die Pflicht, sich fortlaufend einen neuen Job zu suchen. Zudem ist er verpflichtet, jeden Job anzunehmen, der ihm angeboten wird. Wenn man sich nicht aktiv um einen Job bemüht, kann das Arbeitslosengeld gekürzt werden. Gleichzeitig hat jeder Versicherte das Recht auf ein sehr großzügiges Arbeitslosengeld.

Herr Kocher, welche dänischen Anreize sind denn für Ihre Arbeitsmarktreform interessant?

Kocher: Es gibt große grundsätzliche Unterschiede zwischen den Systemen. In Österreich ist die Arbeitslosenversicherung verpflichtend, in Dänemark freiwillig. Einige Elemente sind dennoch sehr spannend für uns. Eines der Ziele sollte sein, sicherzustellen, dass mehr finanzielle Mittel für eine flexiblere und aktivere Arbeitsmarktpolitik verwendet werden.

Ein Drittel der Dänen wechselt jährlich den Job. Ist es eine Mentalitätsfrage, dass ein so flexibles System in Dänemark funktioniert und in Österreich wohl nicht?

Kocher: Es ist wichtig zu verstehen, dass nicht ausschließlich die Mentalität oder Kultur eines Landes solche Systeme beeinflussen, sondern die gesamte Geschichte und die Institutionen und letztere wiederum die Kultur. Abseits der Ursachen und Effekte: Natürlich haben sich Systeme wie das dänische oder schwedische, mit sehr hohem Arbeitslosengeld, über eine lange Zeit entwickelt und etabliert, genauso wie das österreichische oder deutsche.

Hummelgaard: Diese Aussage halte ich für sehr wichtig: Das System beeinflusst die Kultur. Ich denke, unserem Sozialsystem ist inhärent, dass du einen Job haben musst. Wenn du keinen Job hast, hilft dir das System, einen zu finden und unterstützt dich mit angemessenem Arbeitslosengeld. Wenn du zu krank bist, um zu arbeiten, sorgt es ebenfalls für dich. Aber du kannst kein Arbeitslosengeld beziehen, ohne gewissen Pflichten nachzukommen. Das ist ein heikler Balanceakt.

Demographische Entwicklungen, der Klimawandel und Krieg bedrohen auch Arbeitsmärkte im reichen Europa. Wie könnten EU-weite Gegenstrategien aussehen?

Hummelgaard: Es ist sehr wichtig für die Einigkeit der Europäischen Union, sicherzustellen, dass Wachstum und Produktivität steigen, und die Wohlfahrtsgewinne zwischen den Einkommensgruppen gleichmäßig verteilt sind. Das gibt jedem Mitgliedsstaat die Chance, in seine Bevölkerung zu investieren, nicht zuletzt in Fragen der Aus- und Weiterbildung.

Kocher: Ich denke, dass die Situation am Arbeitsmarkt in den kommenden zehn bis 15 Jahren hauptsächlich durch den Mangel an Fachkräften gekennzeichnet sein wird. Es wird ein anderer Arbeitsmarkt sein, als wir ihn in den vergangenen 20 Jahren erlebt haben. Wie Peter sagt: Aus- und Weiterbildungen werden extrem wichtig sein. Das ist auch der Kern jedes europäischen Programms im Moment. Und ich denke, wir sollten in diesem Bereich noch stärker voneinander lernen. Ich denke nämlich, dass die EU bei arbeitsmarktspezifischen Themen noch wichtiger sein wird als in den vergangenen zehn bis 20 Jahren. Es wird einen Wettbewerb um Arbeitskräfte geben, aber wir brauchen auch eine Kooperation zwischen EU-Staaten mit höherer Arbeitslosenrate und solchen, die einen Arbeitskräftemangel haben.

Hummelgaard: Ein letzter Punkt: Ich denke, die mangelnde Qualifikation ist nicht nur eine ökonomische Frage, sondern auch eine des Klimawandels. Derzeit haben wir nicht die nötigen Qualifikationen, um die Klimawende zu bewältigen. Das trifft für Dänemark genauso zu, wie den Rest Europas. Wir benötigen zum Beispiel mehr Elektriker, es mangelt uns an Industriearbeitern die Windmühlen bauen und Solar-Panels herstellen.

Kocher: Absolut, der Wandel zur CO2-Neutralität wird sehr arbeitsintensiv, weil er wahrscheinlich viel manuelle Arbeit erfordert und vieles nicht automatisiert werden kann.

Benötigen wir nicht auch Zuwanderung, speziell für unsere Gesundheitssysteme?

Hummelgaard: Es wird zweifellos eine Nachfrage für eine gewisse Sorte von Fachkräften aus Drittstaaten geben. Deshalb finde ich es unglaublich wichtig, dass alle EU-Mitgliedsstaaten ihre aktuellen Arbeitskräfte besser qualifizieren. Aktuell haben wir ein Überangebot geringqualifizierter Arbeitskräfte. Wir müssen sicherstellen, dass wir diese geringqualifizierten Arbeitskräfte weiterbilden, bevor wir Personen aus Drittstaaten rekrutieren.

Kocher: Ganz generell: 13 Millionen Personen in der EU sind arbeitslos. Das ist ein großes Potenzial und der zentrale Grund ist der Mismatch zwischen offenen Stellen für Fachkräfte und geringqualifizierten Arbeitskräften. In spezifischen Bereichen werden wir qualifizierte Migration benötigen, aber Zuwanderung allein wird diese Herausforderungen nicht bewältigen.

Beiden Systemen fehlt es also an Fachkräften. Wie wollen Sie die Lücke schließen

Hummelgaard: Wir arbeiten daran. Indem wir das Arbeitslosengeld für Personen, die gerade fertig studiert haben sowie die Anreizstruktur für diese Gruppe ändern, ermutigt die dänische Regierung Berufseinsteiger dazu, sich schneller in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Außerdem maximieren wir unseren Fokus auf Weiterbildungen und Umschulungen. Seit der Corona-Krise hatten wir ein zeitliche begrenztes Schema, das wir jetzt dauerhaft haben. Es erlaubt Arbeitslosen ohne Ausbildung, ein um zehn Prozent höheres Arbeitslosengeld zu erhalten, wenn sie eine Lehre machen.

Kocher: Wir haben mit dem Bildungsbonus ein sehr ähnliches Instrument in Österreich. Wer eine Aus- oder Weiterbildung macht, erhält zusätzlich zum Arbeitslosengeld einen fixen Betrag von monatlich 180 Euro für Ausbildungen, die länger als drei Monate dauern. Das macht es sehr spannend für weniger gut ausgebildete Arbeitskräfte, weil sie in diesem Modell ein substanziell höheres Arbeitslosengeld erhalten.

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