Attila Dogudan: "Müssen miteinander reden"

Konzernboss Attila Dogudan: „Warum haben wir in Österreich keine Uni wie Harvard?“
Der DO&CO-Chef über die Türkei und die heimische Wirtschaftspolitik.

Er kam als Elfjähriger mit seinen Eltern von Istanbul nach Wien. Knapp vor Abschluss des Wirtschaftsstudiums begann Attila Dogudan mit einem winzigen Delikatessen-Geschäft in der Wiener Innenstadt. Heute ist der 54-Jährige als Chef des in 20 Ländern tätigen Gourmet-Konzerns DO&CO einer der erfolgreichsten Unternehmer Österreichs.

KURIER: DO&CO ist seit 22 Jahren als Caterer für die VIP-Gäste bei der Formel 1 dabei. Hat Spielberg eine besondere Bedeutung für Sie oder ist’s ein Grand Prix wie jeder andere?

Attila Dogudan: Zu Hause habe ich natürlich besonders Herzklopfen. Ich bin stolz, dass der Rennzirkus wieder in Österreich ist. Wir catern alle Rennen, nur in Australien, Singapur und Brasilien nicht. Und haben einen neuen Vertrag auf sechs Jahre.

Ist Formel-1-Chef Bernie Ecclestone auch so ein Perfektionist wie Sie?

Er ist ein Lehrmeister für uns. Für ihn gibt’s nur Schwarz und Weiß. Entweder man ist der Beste oder nicht. Dazwischen gibt’s nichts. Bernie riecht alles schneller als die anderen. Er hat immer sein Wort gehalten, ein Handschlag ist ein Handschlag. Das schätze ich persönlich ganz besonders an ihm.

War die Formel 1 ein Türöffner ins internationale Geschäft?

Ja, weil weltweit dieselbe Qualität geboten werden muss. Die Preisverhandlungen sind zwar auch sehr hart, aber am Ende des Tages geht’s um konsequente Qualität.

DO&CO notiert auch an der Börse von Istanbul, Sie haben dort mehrere Tausend Mitarbeiter. Wie beurteilen Sie die Entwicklung in der Türkei?

Faktum ist, dass die Türkei in den vergangenen zwölf Jahren einen unglaublichen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt hat. Heute geht es jedem besser, egal ob in der Stadt oder am Land. Die Region, die weit hinten war, hat enorm aufgeholt. Darüber brauchen wir gar nicht zu diskutieren. Die Durchschnittseinkommen haben sich verdreifacht und in die öffentliche Infrastruktur – Straßen, Schulen, Krankenhäuser – wird viel investiert. Zweitens ist die Türkei mit 75 Millionen Menschen ein riesiger Käufermarkt, der in nur zwei Flugstunden erreichbar ist. Und last, but not least ist die Türkei die östlichste Flanke des Westens gegenüber instabilen Regionen wie Irak, Iran usw. Daher ist die Türkei politisch und wirtschaftlich von vitalem Interesse für Europa. Wobei ich schon zugebe, dass die politische Kultur anders ist als in Mitteleuropa und nicht immer leicht zu verstehen.

Die politische Kultur ist aber das große Problem zwischen der Türkei und Europa.

Daher ist das Wichtigste, miteinander zu reden. Um Verständnis für den anderen zu bekommen. Nur so kann man sich annähern. Mit polarisierender Polit-Polemik auf beiden Seiten ist es schwierig, füreinander Verständnis zu finden. Ich kann nur empfehlen, sich mehr miteinander zu beschäftigen. Denn eines ist sicher: Wenn man nicht konstruktiv miteinander spricht, wird nichts besser.

Glauben Sie noch an einen EU-Beitritt der Türkei?

Die Türkei ist seit 1963 assoziiert ("Ankara-Agreement") und seit mehr als 50 Jahren hängt man der Türkei die Karotte hin. Wenn ein Land den Status als Beitrittskandidat hat, geht’s darum, die Bedingungen zu erfüllen. Doch die Türkei wird von der EU behandelt wie eine Fußballmannschaft, der man sagt: Spiele, aber auch wenn du mehr Tore schießt, sind wir nicht sicher, ob wir dich gewinnen lassen. Dass das bei den Betroffenen Emotionen erzeugt, ist doch klar. Die Türkei ist nicht irgend ein kleines Land und will sich nicht mehr so behandeln lassen wie vor 50 Jahren.

War es notwendig, dass der türkische Premier Erdogan in Wien eine Wahlrede hält?

Er hat sich nicht in die österreichische Politik eingemischt, sondern zu seinen Landsleuten gesprochen, die hier leben. Solange er sich nicht in einer Art äußert, die jemandem schadet – und das hat er nicht – wo ist das Problem?

Dass er seinen Landsleuten in Österreich sagte, sie sollen sich nicht assimilieren.

Im Grunde hat er gesagt, vergesst nicht, wo ihr herkommt. Schaut’s, dass eure Kinder die Kultur und die Sprache ihres Herkunftslandes nicht vergessen. Wenn beispielsweise der österreichische Bundeskanzler seinen Landsleuten, die in Thailand leben, sagen würde, schaut’s, dass eure Kinder Deutsch nicht verlernen und wissen, wie man ein Schnitzel macht, würde sich niemand aufregen. Und was macht es für einen Unterschied, ob Erdogan vor 7000 oder 17.000 Menschen spricht?

Sie meinen, es wäre klüger gewesen, ihm ein großes Stadion zur Verfügung zu stellen?

Ja, denn wo Druck gemacht wird, entsteht Gegendruck. Wo ist denn in einer entwickelten Demokratie das Problem? In Wahrheit werden diese Diskussionen aus innenpolitischem Kalkül geführt.

Was halten Sie von Türkisch als Maturafach? Der Boulevard hat sich sehr darüber empört.

Warum ist Türkisch schlechter als beispielsweise Serbokroatisch? Wenn genug junge Menschen Türkisch lernen wollen, soll man sie lassen. Hier wird mit mehrerlei Maß gemessen, diese Diskussionen sollten auf einer objektiveren Plattform geführt werden.

Nochmals zur EU. Glauben Sie, dass Sie den Beitritt noch erleben werden?

Ehrlich gesagt, ich glaube nicht mehr wirklich daran. Vor 15 Jahren gingen 55 Prozent aller türkischen Exporte in die EU, heute nur noch ein Drittel. Die Türkei ist eine regionale Wirtschaftsmacht und überlegt sich, was die EU für einen Sinn macht. Innerhalb von vier Flugstunden erreicht man 50 Länder mit 1,5 Milliarden Einwohnern. Das sind meist Länder, wo sich europäische Unternehmen kulturell schwerer tun, Fuß zu fassen, als türkische. Für westliche Unternehmen wäre es sinnvoller, über Joint Ventures mit türkischen Partnern in diese Regionen zu gehen. Das sichert auch Arbeitsplätze in Europa und bringt die Menschen zusammen. Unsere Investments in der Türkei sichern auch die Arbeitsplätze in Österreich.

Aber macht Ihnen die konservative Rückwärtsbewegung in der Türkei keine Sorgen?

Die Türkei wollte in die EU, weil sie weiß, dass es verbesserbare Bereiche gibt. Ein fairer Beitrittsprozess würde dabei sehr helfen. Wenn Europa diesen Prozess nicht führt, hilft man aber der Türkei nicht und schadet nur sich selbst. Die Türkei wäre von großem Vorteil für Europas Bevölkerung.

Zur österreichischen Wirtschaftspolitik. Sie sind in 20 Ländern tätig und können gut vergleichen. Wie beurteilen Sie den Standort Österreich?

Österreich ist ein hervorragender Wirtschaftsplatz. Das sage ich nicht, um mich bei der Politik anzubiedern, sondern das meine ich sehr ernst. Die Zentrale von DO&CO bleibt in Österreich. Unabhängig davon, wo wir unser Geld verdienen. Doch die Politik muss den Menschen viel klarer machen, dass Österreich eine andere Dynamik braucht, um weiterhin am Weltmarkt zu reüssieren. In Wahrheit leben wir zu sehr vom Wohlstand, den die Generationen vor uns sehr anständig erwirtschaftet haben. Wir geben mehr aus, als wir einnehmen. Das ist sich noch nirgendwo in der Welt ausgegangen.

Sie meinen damit doch nicht nur das Staatsbudget?

Natürlich nicht. Österreich ist das zweitreichste Land in der EU. Wie kann dieses Land im weltweiten Universitäts-Ranking so weit hinten liegen? Warum haben wir keine Uni wie Harvard? Wer sonst als ein derart wohlhabendes Land kann sich Bildung leisten. Österreich investiert nicht in Bildung, aber Milliarden für die Hypo Alpe-Adria werden akzeptiert. Die Hypo ist nun mal passiert, aber Bildung ist das Wichtigste für einen Standort. Wie sonst sollen wir im Wettbewerb mit asiatischen Ländern wie etwa Südkorea mithalten können. Da wurde diskutiert, ob Österreich die PISA-Tests fortsetzen soll oder nicht. Das ist so, als ob jemand in der Formel 1 sagen würde: Ich fahre nicht mit, weil ich könnte verlieren. Holen wir doch arbeitslose spanische und englische Lehrer nach Österreich. In zehn bis 15 Jahren würde jeder Österreicher zwei Fremdsprachen beherrschen.

Empfinden Sie das gesellschaftliche Klima in Österreich als Unternehmer-feindlich?

Wenn einer Gewinn macht, ist er ein Ausbeuter. Fährt er Verluste ein, ist er ein Trottel. Das ist unser gesellschaftliches Umfeld. Ein Beispiel dafür sind sind die Airlines. Da wird behauptet, Turkish und Emirates kriegen den Sprit geschenkt und zahlen keine Steuern – jeder, der sich auskennt, weiß übrigens, dass das nicht stimmt – und die europäischen Airlines seien so arm. Entweder macht man die Grenzen zu, aber das würden die Passagiere nicht akzeptieren. Oder Europas Airlines schauen, dass sie ihr Produkt verbessern. Den Wettbewerb kann man nur über den Preis oder die Qualität gewinnen. Billiger kann Europa nicht werden, also muss Europa besser werden.

Was halten Sie von einer Vermögensbesteuerung?

Wenn in einer Gesellschaft die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird, muss was passieren. Besserverdiener sollen ihren Beitrag leisten, keine Frage. Das Lohnniveau in Österreich gehört erhöht, die Menschen müssen mehr Geld in der Hand haben. Die Frage ist nur, kann man sich das über die zusätzliche Besteuerung von fünf Prozent der Bevölkerung holen oder muss der Staat endlich auch zu sparen beginnen.

Ihre beiden Söhne arbeiten im Unternehmen mit. Wie stehen Sie zur Erbschaftsteuer?

Das Argument, Ererbtes wurde bereits einmal besteuert, gilt nicht. Das ist ja auch bei der Mehrwertsteuer so. Eine angemessene Erbschaftsteuer in Stufen ab einer Million Euro ist okay. Die Steuer darf nur nicht so hoch sein, dass Erben verkaufen müssen, um überhaupt die Steuer zahlen zu können.

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