Zum Weltfrauentag: Drei Power-Frauen, die anpacken

Baumeisterin Renate Scheidenberger
Sie planen, bauen und werken: Drei Frauen, die sich in männlich konnotierten Berufen behaupten und so Vorbildfunktion haben.

Die Immobilienwirtschaft – planen, bauen und Möbel herstellen – ist in weiten Teilen nach wie vor eine männliche, vor allem in den Vorstandsetagen und Führungspositionen. Dabei wurde bereits einiges erreicht: Früher waren Frauen in den Ausbildungen und in der Ausübung des jeweiligen Berufs rar, das hat sich zum Glück gebessert. Kompetenz zählt heute, wenn es um die Auftragsvergabe geht, in der Regel mehr als das Geschlecht. Vieles ist aber nach wie vor zu tun.

Welche Maßnahmen konkret in den unterschiedlichen Bereichen anstehen, dazu haben wir drei Frauen befragt: Eine Stadtplanerin, eine Baumeisterin und eine Tischlerin. Sie alle üben ihren Beruf mit Leidenschaft aus und haben konkrete Vorstellung davon, welche Schritte noch gesetzt werden müssen:

– damit der Umgang miteinander besser funktioniert, ohne rüde Untertöne

– damit mehr gegenseitige Wertschätzung vorhanden ist

– damit mehr Zusammenarbeit und Vernetzung möglich ist

– damit sich alle jene, für die geplant und gebaut wird, sicher fühlen

– damit nichts gebaut wird, das bestimmte Bevölkerungsgruppen ausschließt

– damit Wohnen auf die Bedürfnisse aller eingeht.

 

 Baumeisterin Scheidenberger: „Ich lege großen Wert auf ein Miteinander in der Baubranche“ 

Zum Weltfrauentag: Drei Power-Frauen, die anpacken

Kurier-Redakteurin Nicole Zametter im Gespräch mit Baumeisterin Renate Scheidenberger

KURIER: Sie kümmern sich mit Ihrer Firma Baukultur um alte Bausubstanz, aus welchem Grund haben Sie sich für diesen Fokus entschieden?
Renate Scheidenberger: Ich verstehe unter Baukultur zum einen den respektvollen Umgang mit alter Bausubstanz und zum anderen den Umgang miteinander. Also einerseits die Baukultur, andererseits aber auch die Umgangskultur auf der Baustelle. Ich bin schon seit 32 Jahren auf Baustellen tätig und habe den Umgangston immer als rüde empfunden und oft erlebt, dass Handwerker und Arbeiter  zu wenig Wertschätzung bekommen haben. Das versuche ich bewusst anders zu machen. Ich habe den größten Respekt vor den Männern, die diese unglaublich schwere Arbeit – oft zu extremen Bedingungen – am Bau erledigen. 

Hat sich Ihr Bemühen schon auf andere übertragen?
Es hat Jahre gedauert und es ist nicht unbedingt meinem Wirken zuzuschreiben, aber man merkt schon, dass in den vergangenen Jahren eine Zusammenarbeitskultur entstanden ist und die Einstellung, dass es einfach nur miteinander geht. Die junge Generation ist da schon sehr weit. Das gegeneinander Agieren, das in der Baubranche lange vorherrschend war, bricht zunehmend auf. 

Sie arbeiten in einer Männerdomäne. Spielt das Geschlecht bei Ihrer Arbeit eine Rolle?
Ich bin da fast ein schlechtes Beispiel, weil ich kann aus über 30 Jahren Berufstätigkeit keine Posse erzählen, wo ich sagen könnte, ich hätte den Auftrag nicht bekommen, weil ich eine Frau bin. Ich habe diesen Beruf immer aus dem Selbstverständnis heraus ausgeübt, dass ich ihn einfach gerne mache. Kompetenz und Erfahrung sind definitiv wichtiger als das Geschlecht. Gemeinschaftlichkeit war mir da immer schon wichtig. Und ein Mann, der auf der Baustelle nichts kann, wird genauso zurechtgewiesen wie eine Frau. Das sehe ich vollkommen geschlechtsneutral.

Wagen sich genug Frauen in die Baubranche? 
Als ich die Baumeisterprüfung gemacht habe, war die Quote 60 zu 1. Da war ich schon noch sehr einsam unterwegs. Das hat sich deutlich verändert. Ich finde aber, dass jeder die Freiheit haben sollte, zu tun, was ihm Freude macht. Gerade in der Technik und in der Architektur gibt es viele Frauen. Aktuelle  Tendenzen im Modulbau oder im 3D-Druck bieten auch  viel Platz für beide Geschlechter.

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Am Bau: Renate Scheidenberger legt großen Wert auf Baukultur 

Wir befinden uns gerade in einem Ihrer aktuellen Projekte, ein Altbau im ersten Bezirk. Welche Herausforderungen bestehen hier? 
Es handelt sich um eine Generalsanierung von fünf Stockwerken im Altbau, mit Dachgeschoßausbau. Die Problematik ist die Deckenkonstruktion, die ich in 32 Jahren noch nie gesehen habe: Eine Gips-Schilfdecke, die statisch leider nicht viel kann. Jetzt müssen viele Maßnahmen getroffen werden, um die neue Technik ermöglichen zu können.

Stichwort Modernisierung von alter Bausubstanz. Wie oft leidet die Baukultur unter neuen Auflagen? 
Das ist oft schwierig. Tatsächlich bricht es mir manchmal das Herz, wie viel Schönheit ruiniert wird. Leider fehlt es oft an Gespür.  Natürlich müssen wir bei Adaptierungen auf Sicherheit bedacht sein, aber die Bauherren der Gründerzeithäuser haben schon vieles richtig gemacht. Und allzu oft werden solche heute abgerissen, um mehr Flächen zu generieren. Oft sind diese Neubauten nicht als Verbesserung zu sehen, weder optisch noch technisch.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Baubranche? 
Für mich ist es wichtig, auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen, sowohl bei der Errichtung als auch bei der Nutzung. Der Trend zu „dichten“ Kleinstwohnungen halte ich für eine Themenverfehlung. Auf das Miteinander lege ich großen Wert und das kann auch ruhig noch stärker umgesetzt werden, dass jeder seine Stärken gut einbringen kann und gemeinsam ästhetische Bauten entstehen, in denen gut gelebt werden kann. Der Mix aus Arbeiten und Wohnen muss da wieder berücksichtigt werden und weniger „klotzartige“ Bauten und vermeidbare Bodenversiegelung. Wieder mehr Sensibilität in der Architektur und in der Stadtplanung. Das ist auch Aufgabe der Politik, hier die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Stadtplanerin Kail: „Es ist auch heute wichtig, die Genderbrille aufzusetzen“ 

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KURIER: Die Stadtplanung orientierte sich lange Zeit an der männlichen Zielgruppe. Wann hat sich das in Wien geändert?
Eva Kail:
Vor 30 Jahren. Damals war der Modal Split in der Verkehrsstatistik so, dass zwei Drittel der Autofahrer männlich waren, zwei Drittel Fußgängerinnen. Viele Gehsteige waren schmal, die Ampelschaltungen zugunsten der Autofahrer. Wir haben das Thema Sicherheit für Fußgängerinnen  unter dem Aspekt „Angsträume-Wohlfühlräume“ thematisiert. Es gab eine Fachausstellung „Wem gehört der öffentliche Raum?  – Frauenalltag in der Stadt“ und ein gleichnamiges Buch. Infolge dessen wurde ich gefragt, ob ich das neu zu gründende Frauenbüro der Stadt Wien leiten will. 

Was konkret musste sich ändern? Welche Schritte wurden gesetzt, um gendergerecht zu planen? 
Es ist zum Beispiel die Frauen-Werk- Stadt in Floridsdorf entstanden. Wir haben dazu einen geladenen Wettbewerb nur für Architektinnen gemacht, bis dahin wurden  nur Männer zu  Wettbewerben eingeladen. Der damalige Planungsstadtrat Hannes Swoboda hat dies mitgetragen und ermöglicht. Das hatte einen Schneeballeffekt für andere Wettbewerbe. Wir haben  Qualitätskriterien für den Wohnbau erarbeitet, insgesamt war die Strategie, in Form von Pilotprojekten zu zeigen, wie es funktionieren kann – auch in anderen Bereichen. Die Frauen- Werk-Stadt wurde vor 25 Jahren bezogen, sie überzeugt heute noch mit ihren Gartenhöfen, dem Kindergarten mit Fenstern auf Augenhöhe der Kinder, Kinderwagenabstellräumen auf jeder Etage und der Tiefgarage mit Tageslicht. In Folge dieses Projekts  war ich viele Jahre lang in der Jury von Bauträgerwettbewerben und habe beispielsweise darauf geachtet, dass Freiflächen und Waschsalons mit guter Qualität geplant wurden, die Kinderzimmer einen guten Grundriss hatten.

 Wie sehen gendergerechte Spielplätze, Parks und Wege aus?
Dank der koordinativen Funktion für  „Gender Planning“ in der Baudirektion Wien wurde darauf geachtet, dass Parks geschlechts-sensibel gestaltet wurden. Bis dahin  wurden die Parks vor allem für Burschen gestaltet, das zeigte sich am Beispiel der Ballkäfige. Für neue Parks gab es geladene Wettbewerbe, so wurde zum Beispiel am Einsiedlerplatz ein offener, V-förmiger Ballspielplatz errichtet, mit einem Sitzpodest in der Mitte. Dadurch sind die Chancen größer, dass auch Mädchen dort  ihren Platz zum Spielen finden. Es wurden sechs Modellprojekte realisiert und evaluiert und seit 2008 gibt es Richtlinien für die geschlechtssensible Spielplatzgestaltung. Da die Parks der Stadt Wien gehören und von ihr verwaltet werden, wird das seither konsequent umgesetzt, das ist international einmalig.  

Was kann man zum Thema Sicherheit sagen? Welche Rolle spielt dabei die Beleuchtung?
 Sehr früh schon wurde von Frauenseite angestoßen, dass für Wege in Parks und in den neuen Stadtquartieren  Angsträume vermieden werden sollen. Auf Städtebauebene wird darauf geachtet, dass es eine gewisse Frequenz auf den Hauptwegen gibt und  dass  Fenster von Aufenthaltsräumen wie Wohnzimmern auch zur Straße orientiert werden, damit es dort  eine soziale Kontrolle gibt. Die Hauptwege durch Parks müssen übersichtlich und damit einschätzbar sein. Das gilt auch für Straßenräume.  
 Bei Parkwegen, Straßen und Fußgängerunterführungen wird darauf geachtet, dass die Beleuchtung nicht nur am Boden, sondern auch auf Augenhöhe gut ist, damit man das Gesicht von entgegenkommenden Personen erkennen und die Situation einschätzen kann.

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Wie gelingt es, Frauen und Mädchen mehr Raum in der Stadt zu geben? 
Ein Beispiel: 2017 wurde ein Beteiligungsverfahren zur Umgestaltung des Reumannplatz gestartet. Das Büro Tilia hat sich mit Kaffee und Kuchen  auf den Platz gesetzt und Leute gefragt, was verändert werden und welche Atmosphäre der Park haben soll. Dabei hat sich herausgestellt, dass Grün-Elemente den Frauen meist  wichtiger sind als den Männern. Hier ist auch die erste Mädchen-Bühne Favoritens entstanden, die auch anderen Gruppen zur Verfügung steht. Der Name aber und  auch die vielen Straßenschilder in den neuen Stadtentwicklungsgebieten, die nun die Namen von Frauen tragen, ist  ein Signal. Vor allem eine Botschaft an Kinder und Jugendliche, dass es auch viele Künstlerinnen und Wissenschafterinnen gibt, die damit geehrt werden. Symbolische Zeichensetzung in öffentlichen Bereichen sind wichtig. Wir haben auch die Piktogramme in den Öffis  geändert, früher zeigten diese nur eine Frau mit Baby am Schoß: diese wurden nun zur Hälfte durch Männer mit Kind ersetzt.

Ist Wien Vorbild in Bezug auf Gender-Planning? 
Es gibt das Handbuch „Gender Mainstreaming in der Stadtplanung und Stadtentwicklung“, das auf der Homepage der Stadt Wien abrufbar ist, auch in Englisch. International gibt es ein  hohes Interesse an den Wiener Erfahrungen. 

In Wien wird aktuell viel gebaut, vor allem von und für Investoren. Wie kann man hier gendergerechte Akzente setzen? 
Das gelingt der Stadt vor allem durch Wettbewerbe und  begleitende Quartiersbeiräte, in denen auch Genderexpertise vertreten ist. Solche qualitätssichernde Vorgangsweisen werden oft in städtebaulichen Verträgen festgelegt, aber auch bei der großen bevorstehenden Novellierung der Bauordnung können entsprechende Qualitätsaspekte verankert werden, die dann zu berücksichtigen sind. 

Welchen Maßnahmen braucht es aktuell? 
Klimawandelanpassung und Gender: Hier geht es darum, dass vulnerable Gruppen, das sind vor allem Kinder und ältere Personen, die besonders hitzeempfindlich sind, besonders von Maßnahmen profitieren. Dass der Straßenraum dort zuerst umgestaltet wird, wo Menschen in kleinen Wohnungen ohne Balkon im dicht verbauten Gebiet wohnen. Die Genderbrille aufzusetzen ist auch heute wichtig.

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Tischlerin Pehack: "Manuelles Arbeiten macht mich einfach glücklich!"

KURIER: Sie sind in der väterlichen Modelltischlerei aufgewachsen, war da der Weg schon in den Tischlerberuf bereits vorgegeben? 
Jaqueline Pehack: Jein. Mein Vater war Modell- und Formenbauer. Es gab zwar diese Werkstatt, aber sein Geschäft war eher technischer Natur  und hatte nichts mit schönen Möbeln und Design zu tun. Zunächst habe ich also vieles ausprobiert, aber ein handwerklicher Beruf, etwas mit meinen Händen zu schaffen,  war immer mein Wunsch. Nach vielen Ausbildungen bin ich hier in der Werkstatt gelandet und habe mich dann  einfach auf Messen vernetzt mit Designern und Architekten, viele Auftragsarbeiten erledigt. Inzwischen reicht man mich in der Szene herum. Und in den vergangenen  zwei Jahren ist die Möbelbau-Branche ohnehin explodiert. Wir sind auf Monate ausgelastet.

Die Entwürfe kommen also immer von  externen Designern? 
Ich entwerfe auch selbst, je nachdem, wer auf mich zukommt. Welche Bedürfnisse sollen erfüllt werden, wie lauten die Vorstellungen, was sind die Vorgaben. Danach zeichne ich dann auch eigene Möbel. Abseits von handelsüblichen Gestaltungsansätzen schaffen wir hier extravagante Sonderlösungen und Designobjekte. Wir arbeiten hauptsächlich mit Massivholz, das ist auch das, was wir hier machen wollen. Küchen in Spanplattenoptik sind nicht mein Steckenpferd. Da gibt es andere, die das im großen Stil und weit besser machen als wir. Gerade bauen wir eine Eiche-Massiv-Küche, das ist ein tolles Projekt. Aber auch viele Klein-Möbel, Garderoben, Heim-Büros und vor allem Hochbetten sind ein großes Thema.

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Woran liegt es, dass gerade so viele Menschen Möbel vom Tischler wollen? 
Es hat mit Essen und Kleidung angefangen, dass Menschen auf Nachhaltigkeit achten und Wert auf Qualität legen. Die Pandemie hat das noch mal befeuert und  auch auf die Möbelbranche ausgeweitet. Die großen Möbelketten hatten Lieferprobleme und die billigen Fertigmöbel aus China erweisen sich oft auch als schwierig im Einsatz. Reisen war nicht möglich, um sich glücklich zu machen. Also musste man sich mit seinen eigenen finsteren Ecken beschäftigen und es sich zu Hause schön machen. Sich daheim wohlfühlen, gute  Arbeitsplätze daheim schaffen, das war die ideale Zeit dafür. Die Urlaubskasse wurde in schöner Wohnen investiert. Das hat der Tischler- oder Baubranche gutgetan.

War die Selbstständigkeit immer Ihr Plan? 
Niemals! Jedenfalls nicht allein. Ich hatte lange die Hoffnung, einen Partner oder eine Partnerin  für die Werkstatt  im Freundeskreis zu finden, leider vergeblich. Ich hatte Angst, dass die Jahre vergehen, ohne Veränderung, also habe ich es  2015 doch allein gewagt. Ich wollte jemanden finden, der  die Planungstätigkeit macht, mich zu Kundenterminen begleitet und mit dem auch kreativer Austausch stattfindet. Für Letzteres habe ich jetzt zwar meine MitarbeiterInnen, aber ich muss  mittlerweile viel Büroarbeit übernehmen und komme viel weniger zum Arbeiten in der Werkstatt.  

Aber haben Sie den Schritt  je bereut? 
Den Großteil der Zeit nicht. Natürlich denkt man manchmal darüber nach, ob man nicht etwas zu mutig war. Vor allem, weil auch viel emotionale Last damit einhergeht. Ich muss zwei Mitarbeiter bezahlen und man muss darauf schauen, dass man selbst nicht dabei untergeht und acht Tage die Woche arbeitet. Und natürlich müssen sich Freunde, Familie und Lebenspartner auch immer ein wenig zurücknehmen.

Was ist es, das Ihren Beruf für Sie besonders macht?
Das manuelle Tätig-Sein und das in der Werkstatt stehen macht mir großen Spaß und es ist befriedigend zu sehen, was da passiert. Wenn ein Stapel Rohholz kommt, dann geht es los (reibt die Hände): Besäumen, abrichten und am Ende hat man den ganzen Stapel dreimal umgewälzt und ist rechtschaffen müde, dreckig, verschwitzt und glücklich. Weil man seine Leistung sieht. 

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