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Wirtschaft
05/14/2019

Hauptbahnhof: Einige Erstmieter sprangen ab, Apotheke soll Geschäft beleben

Am Hauptbahnhof seien bei der Planungsphase Fehler gemacht worden, sagt RegioPlan-Experte Wolfgang Richter. Insgesamt 35 Millionen Besucher pro Jahr. Dazu auch ein Video

von Kid Möchel, Thomas Pressberger

In der BahnhofCity am Wiener Hauptbahnhof läuft nicht alles rund. „Die Antragstellerin musste feststellen, dass die Angaben der Vermieterin zur Frequenz und dem möglichen Geschäftsgang für beide Lokale unrichtig waren. Nachdem sie das bei der Vermieterin geltend gemacht hat, wurde sie immer wieder vertröstet“, behauptet die Taurus Lederwaren GmbH in ihrem druckfrischen Konkursantrag. „Letztlich hat sie eine Klage gegen die Vermieterin, die ÖBB Immobiliengesellschaft, eingebracht.“

Finanz gab der Firma den Rest

Die Taurus Lederwaren verkaufte laut Creditreform seit 2011 im Westbahnhof und seit Oktober 2014 im Hauptbahnhof in Wien unter der Marke Fashionista Lederwaren, Taschen und Koffer. Damit ist jetzt Schluss. Die Firma hat kaum noch Waren, weil die Finanz wegen eines Rückstands (48.000 Euro) das Warenlager (300.000 Euro) gepfändet hat. Die Taurus Lederwaren ist in Sachen Umsatz am Hauptbahnhof aber kein Einzelfall.

Zehn Prozent der ursprünglichen Mieter abgesprungen

Schon in den vergangenen Jahren haderten einige Geschäftstreibende mit den schlechten Umsätzen im Wiener Hauptbahnhof. Es kam zu Klagen, einzelne Geschäfte haben den Bahnhof wieder verlassen. Die BahnhofCity am Wiener Hauptbahnhof umfasst derzeit 90 Shops und Gastrolokale. Offenbar sind zehn Prozent der ursprünglichen Mieter abgesprungen.

35 Millionen Besuchern hat die BahnhofCity

„Die Vermietung der Geschäftsflächen am Hauptbahnhof Wien läuft gut. Wir haben de facto keinen Leerstand“, sagt ÖBB-Sprecher Robert Lechner zum KURIER. „90 Prozent der Erstpächter sind nach wie vor da. Demnächst wird eine Apotheke in die BahnhofCity einziehen.“

Mit rund 35 Millionen Besuchern hat das Einkaufszentrum am Hauptbahnhof eine sehr hohe Frequenz, die SCS hat im Vergleich 24 Millionen und das Donauzentrum 19 Millionen Besucher pro Jahr. Dass es viele Geschäfte über zu niedrige Umsätze klagen, wundert Wolfgang Richter, Geschäftsführer des Standortberatungsunternehmens RegioPlan, nicht: „Wir dürfen nicht vergessen, wir sind da auf einem Bahnhof.“ Die 35 Millionen Kunden hätten andere Bedürfnisse als jene 24 Millionen in der SCS. Letztere wären dort zum Einkaufen, Erstere zum Reisen.

Konzeptionelle Fehler

Richter sieht auch architektonische Probleme: „Es stellt sich die Frage, ob das Einkaufszentrum auf den drei Verkaufsebenen funktioniert.“ Die Anordnung der Fläche sei alles andere als optimal, die BahnhofCity entspreche nur in manchen Bereichen tatsächlich einem Einkaufszentrum. „Bei der Planung eines Einkaufszentrum muss man immer auf drei Punkte achten: Habe ich das richtige Konzept, die richtige Größe und die richtigen Funktion?“, sagt Richter. Am Bahnhof seien bei der Planungsphase Fehler gemacht worden.

Sichtbarkeit vieler Geschäfte nicht optimal

So sei zum Beispiel die Sichtbarkeit vieler Geschäfte nicht optimal und die Passantenströme nicht gut geleitet. „Je mehr Kompromisse eingegangen werden, desto unwahrscheinlicher ist es, dass es funktioniert“, analysiert Richter die Doppelfunktion des Gebäudes als Bahnhof und Einkaufszentrum.

Komplikationen werden künftig mehr

Offenbar haben sich viele Geschäftstreibende von der hohen Frequenz blenden lassen, meint der Experte. Die Komplikationen dürften in Zukunft für manche eher mehr als weniger werden, da sich der Einzelhandel zunehmend ins Internet verlagert und die ohnehin teilweise mageren Umsätze schmelzen werden, glaubt Richter.