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Firmenpleiten: Immer mehr Verfahren mangels Masse abgelehnt

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist erstmals seit Langem leicht gesunken. Doch hinter der vermeintlich guten Nachricht verbirgt sich eine gefährliche Entwicklung – vor allem für Gläubiger.
Ein Stempel mit dem Wort „insolvent“ liegt auf einem Stempelkissen.

Knapp 19 Unternehmen melden täglich in Österreich Insolvenz an. Das klingt dramatisch – und ist es auch. Dennoch zeigt die jüngste Statistik des Kreditschutzverbands KSV1870 erstmals seit Langem einen leichten Rückgang: Im ersten Halbjahr 2026 gingen 3.401 Firmen pleite, 2,6 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Grund zur Entwarnung? Mitnichten.

„Der leichte Rückgang ist ein positives Signal, dennoch bleibt die Zahl der Firmenpleiten auf einem unverändert hohen Niveau, das auch in der Vergangenheit nur selten verzeichnet wurde", sagt Karl-Heinz Götze, Leiter der Insolvenzabteilung des KSV1870. Die Zahlen bewegen sich weiterhin auf Krisenniveau – und die strukturellen Probleme verschärfen sich.

Die Statistik trügt

Denn während die offiziellen Insolvenzzahlen sinken, steigt gleichzeitig die Zahl jener Verfahren, die mangels Masse gar nicht erst eröffnet werden: Im ersten Halbjahr waren es 1.414 Fälle – ein Plus von 7,3 Prozent. Das bedeutet: Immer mehr Unternehmen sind bereits so überschuldet, dass nicht einmal genug Geld vorhanden ist, um die Kosten für die Eröffnung des Insolvenzverfahrens von etwa 4.000 Euro zu decken. Die Gläubiger gehen leer aus, ihre Forderungen müssen zur Gänze abgeschrieben werden.

„Je mehr solcher nicht eröffneten Verfahren vorliegen, desto schwieriger wird es auch für finanziell gesunde Unternehmen, ihre wirtschaftliche Stabilität langfristig zu halten", warnt Götze. Ein Teufelskreis: Wenn Lieferanten und Dienstleister auf ihren Forderungen sitzen bleiben, geraten auch sie unter Druck.

Gesetzesänderung mit Nebenwirkungen

Ob der Rückgang bei den Insolvenzzahlen überhaupt eine gute Nachricht ist, bleibt fraglich. Experten vermuten, dass die Anfang des Jahres im Rahmen des Betrugsbekämpfungsgesetzes vorgenommene Wiedereinführung des sogenannten Klassenkonkurses dazu führt, dass Gläubiger seltener Insolvenzanträge stellen. Die Folge: Unternehmen melden erst später oder zu spät Insolvenz an – dann, wenn die Masse bereits aufgezehrt ist. Das Verfahren kann nicht mehr eröffnet werden, die Gläubiger bleiben auf ihren Verlusten sitzen.

Der KSV1870 hatte diese Entwicklung bereits im Vorfeld befürchtet und bietet sich für Gespräche über alternative Abwicklungsmodelle an. Bisher ohne Erfolg.

Gastronomie am Abgrund

Besonders dramatisch ist die Lage in der Gastronomie und Beherbergung. Mit 441 Insolvenzen verzeichnet die Branche nicht nur die drittmeisten Pleiten aller Wirtschaftszweige, sondern auch einen Anstieg von 8,4 Prozent. „Hohe Betriebskosten, fehlendes Personal und strukturelle Probleme in Form von geringen Gewinnmargen sowie ein starker Konkurrenzkampf sind eine Mixtur, die für viele Betriebe nicht mehr zu stemmen ist", analysiert Götze.

Der Personalmangel zwingt viele Lokale zu verkürzten Öffnungszeiten – was die Einnahmensituation weiter verschärft. Ein Dilemma ohne einfachen Ausweg.

Auch der Handel (553 Insolvenzen, - 6,3 %) und das Baugewerbe (495, - 2,8 %) bleiben Spitzenreiter bei den Firmenpleiten, auch wenn die Zahlen leicht rückläufig sind. Zusammen mit der Gastronomie machen diese drei Branchen 44 Prozent aller Insolvenzen aus.

Regionale Unterschiede extrem

Die Entwicklung verläuft regional höchst unterschiedlich: Während in Tirol die Insolvenzen um 31 Prozent zurückgingen, verzeichnete Vorarlberg einen dramatischen Anstieg um 38 Prozent. Die Gründe dafür sind unklar und werfen Fragen nach regionalen Wirtschaftsstrukturen und Unterstützungsmaßnahmen auf.

Signa-Stiftung größter Einzelfall

Bei den Passiva – also den Schulden der insolventen Unternehmen – zeigt sich ein Rückgang um 4,2 Prozent auf insgesamt 4,2 Milliarden Euro. Das liegt vor allem daran, dass es weniger Großinsolvenzen gab: Nur sechs Fälle mit Passiva von mindestens 50 Millionen Euro, im Vorjahr waren es noch 14. Der größte Einzelfall: die Laura Privatstiftung aus dem Signa-Imperium von René Benko mit Schulden von rund 1,7 Milliarden Euro.

Betroffen von den Pleiten sind 9.800 Arbeitnehmer (- 6,7 %) und 23.500 Gläubiger (+ 13 %). Letztere Zahl zeigt: Die Insolvenzen ziehen immer weitere Kreise.

Prognose: Keine Entwarnung

Ob der leichte Rückgang eine Trendwende einleitet oder nur ein statistisches Strohfeuer ist, wagt derzeit niemand seriös zu beurteilen. Der KSV1870 geht davon aus, dass die Gesamtzahl am Jahresende bei rund 6.800 Firmenpleiten liegen wird – in etwa auf Vorjahresniveau.

„Historisch betrachtet verlangsamt sich die Insolvenzdynamik im dritten Quartal regelmäßig, was auch auf die Ferien- und Urlaubszeit zurückzuführen ist", sagt Götze. Ob das auch heuer der Fall sein wird, bleibt abzuwarten.

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