© REUTERS/ERIC THAYER

Wirtschaft
11/08/2020

Experten: "Lage der US-Wirtschaft ist eine Chance für Europa"

Viele der Pläne des neuen US-Präsidenten dürften schwierig umzusetzen sein. Davon könnte die EU profitieren.

von Robert Kleedorfer, Anita Staudacher

Politische Ereignisse haben auf die Börsen meist nur kurzen Einfluss. Diese alte Weisheit bewahrheitet sich auch nun bei den US-Präsidentenwahlen. Ein Sieg Bidens war in den Kursen bereits eingepreist, daher fällt die Enttäuschung der Börsianer nicht gravierend aus. Enttäuschung? Ja, in der Tat, denn sie beäugen Demokraten in der Regel skeptisch, da diese – im Vergleich zu Republikanern – doch für (im europäischen Vergleich ohnehin sanfte) staatliche Regulierung und Eingriffe stehen.

Die US-Börsen zeigten sogar die beste Wochenperformance seit April. Die Indizes wie etwa der Dow Jones schlossen mit bis zu neun Prozent im Plus. Dazu trugen auch erfreuliche Nachrichten vom US-Arbeitsmarkt bei. Die Arbeitslosenquote fiel gegenüber September um einen Prozentpunkt auf 6,9 Prozent, Analysten hatten im Schnitt nur mit 7,6 Prozent gerechnet. Auch die Beschäftigung legte stärker als erwartet zu.

Dennoch konnte bis dato nur etwa die Hälfte der 22 Millionen Arbeitsplätze, die im Frühjahr wegen der Pandemie verloren gingen, zurückgewonnen werden. Zum Vergleich: Davor lag die Arbeitslosigkeit bei 3,5 Prozent, dem niedrigsten Wert seit Jahrzehnten. Die Arbeitslosenquote beruht allein auf Umfragen, die tatsächliche Zahl der Joblosen dürfte höher liegen.

Pattstellung

Dass die Börsen weiter zulegen, liegt laut Peter Brezinschek, Chefanalyst der Raiffeisen Bank International, auch an der wahrscheinlichen Pattstellung zwischen Präsident und Senat. „Für die Wirtschaft wären viele Maßnahmen, die Biden angekündigt hat, nicht förderlich“, so Brezinschek.

So hatte Biden unter anderem mehr Geld für die marode Infrastruktur und sozialen Wohnbau sowie eine Anhebung der Unternehmenssteuern auf von 21 auf 28 Prozent oder auch ein Zwei-Billionen-Dollar-Programm zur Bewältigung des Klimawandels angekündigt.

Falsche Richtung

Die letzten beiden Maßnahmen könnten bei komplizierten Mehrheitsverhältnissen im Senat nicht in dieser Form zustande kommen. „Und auch nicht in der erhofften Geschwindigkeit“, ergänzt Wirtschaftsforscher Karl Aiginger. „Denn das Land ist vier Jahre in die falsche Richtung gegangen.“

Die Verdoppelung der Mindestlöhne auf 15 Dollar in der Stunde dürfte laut Experten wohl auch erst in einer zweiten Amtszeit möglich sein. Dabei, so Aiginger, würden die Reallöhne seit Jahrzehnten stagnieren.

Verschuldung

Wenig ändern dürfte sich auch an der weiter steigenden Verschuldung sowie am Handelsbilanzdefizit. „Vieles wurde in Billigländer ausgelagert. Aber dann sind die Chinesen am Defizit schuld“, urteilt Aiginger süffisant. Beim Wirtschaftswachstum selbst kann es nach dem Corona-bedingten Einbruch nur nach oben gehen.

Und was heißt das alles für Europa? Der Dollar hat sich zum Euro abgeschwächt, was US-Unternehmen beim Export hilft, da ihre Waren im Ausland günstiger werden. Allerdings, so Aiginger, würden viele amerikanische Konzerne auf veraltete Technologien setzen, die Digitalisierung sei ausgeblieben. „Die Lage ist eine Chance für Europa.“ Insbesondere der Green Deal der EU, also das Forcieren von grünen Technologien.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.