Wie man die Stromnetze in Europa gegen Angriffe wappnet

Neuer Bericht zeigt auf, was man aus dem Krieg in der Ukraine lernen sollte, um die Stromversorgung bestmöglich abzusichern.
Infrastruktur vor Drohnen zu schützen, ist schwierig. Man sollte sich dabei auf kritische Punkte beschränken.

Angesichts eines Kriegs vor der Haustür und zunehmender geopolitischer Spannungen sollte sich Europa am Riemen reißen und seine Infrastruktur besser schützen. So lautet eine der Kernbotschaften des europäischen E-Wirtschafts-Dachverbands Eurelectric, der anlässlich der Münchener Sicherheitskonferenz einen neuen Bericht vorgelegt hat. Darin wird aufgezeigt, wie der Elektrizitätssektor bestmöglich auf Angriffe eingestellt und widerstandsfähiger gemacht werden könnte.

Stromversorgung ist eines der ersten Angriffsziele

„Aus den schlimmen Erfahrungen unserer ukrainischen Kollegen können wir lernen“, sagt Eurelectric-Generalsekretär Kristian Ruby bei der Präsentation des Berichts „Battle-tested power systems“ („Kampferprobte Stromversorgungssysteme“). Er hat bei einem Kraftwerksbesuch in der Ukraine selbst einen russischen Angriff miterlebt: „Du siehst etwas, was einem postapokalyptischen Kinofilm entstammen könnte.“

Die ukrainische Energieinfrastruktur wird von Russland gezielt massiv attackiert. Schon der Beginn der Invasion korrelierte zeitlich mit einem Test, bei dem das ukrainische Stromnetz von Nachbarländern abgekoppelt wurde und damit kurzzeitig instabiler war. Seitdem wird die Störung der Energieversorgung als Schlüssel dazu gesehen, die Ukraine in die Knie zu zwingen. „Strom ist essenziell für unser Leben“, sagt Eurelectric-Präsident Markus Rauramo. „Resilienz ist eine strategische Notwendigkeit.“

Durch einen russischen Angriff verwüstetes Gaskraftwerk in der Ukraine.

Durch einen russischen Angriff verwüstetes Gaskraftwerk in der Ukraine.

Wie man sich auf Angriffe vorbereitet

Auf physische Angriffe, Cyberbedrohungen und hybride Angriffe, die hauptsächlich Verunsicherung stiften sollen, kann man sich vorbereiten, wie es im Bericht heißt. Wichtig dabei sei etwa „Situational Awareness“, also Aufmerksamkeit für verdächtige Vorgänge. „Das können Autos sein, die an komischen Orten parken, herumfliegende Drohnen oder bekannte Sicherheitslücken“, meint Ruby.

Die Zusammenarbeit von Unternehmen und Behörden und der Aufbau sicherer Kommunikationskanäle sei notwendig. „Man braucht diese Kanäle vielleicht nur einmal im Leben, dann aber sehr dringend“, sagt Ruby. Das habe man zuletzt deutlich beim Blackout in Spanien gesehen. Entscheidend sei auch der Aufbau von Vorräten bei Ersatzteilen, die man für eine rasche Wiederherstellung des Betriebs nach Störungen dringend benötigen könnte. Oft können Angriffe nicht verhindert werden, aber man kann rasch darauf reagieren.

Physisch und mental abwehrbereit sein

In Europa gebe es viele kleine Stromversorger und Netzbetreiber. Bei kleineren Unternehmen sei die Sicherheitskultur nicht so ausgeprägt wie bei größeren. Das macht sie angreifbarer. Umso wichtiger sei es, neben der Abhärtung physischer Anlagegüter auch die mentale Resilienz zu stärken und Krisensituationen regelmäßig zu trainieren.

Besonders fortschrittlich in diesem Punkt ist Finnland. Unter dem Schlagwort „Totale Abwehr“ herrsche dort das Bewusstsein, dass jeder, vom Bürger bis zum Großunternehmen, für Angriffe gewappnet sein müsse, und zwar physisch wie mental, schildert Rauramo. Dazu zähle auch, medial verbreitete Falschinformationen zu erkennen. Ernsthaft an der Resilienz arbeitet auch Polen. Dort werden etwa bestimmte Schlüsselkomponenten für das Stromnetz zunehmend in den Untergrund verlagert und es werde sichergestellt, dass Fachkräfte im Ernstfall an ihrem Arbeitsplatz bleiben.

Zu oft die Schlummertaste gedrückt

Insgesamt sei in Europa noch viel Verbesserungspotenzial vorhanden. „Europa wacht sehr langsam auf“, meint Ruby. „Wir drücken die Schlummertaste ein bisschen zu oft.“ Es gebe noch kein systematisches Bestreben, eine Sicherheitskultur aufzubauen. „Mit Zurückhaltung signalisieren wir Schwäche. Das lädt zu weiterer Aggression ein.“ Und davon gebe es genug, in Form von Cyberangriffen, Desinformationskampagnen, Schiffen, die mit ihren Ankern Unterwasserkabel kappen oder Drohnensichtungen, die zwar keine unmittelbaren Schäden verursachen, aber zeigen: Ihr seid verwundbar.

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