Wirtschaft
16.08.2016

Das Umweltwunderland Österreich

Naturschutz: In den vergangenen Jahrzehnten hat sich Österreich zum Vorzeigeschüler entwickelt.

Wenn Sie Österreichs größte Erfolgsgeschichte der vergangenen 40 Jahre suchen, brauchen Sie nicht weit zu gehen: einfach nur in die Küche und ein Glas Wasser aus der Leitung einschenken oder – wenn Sie nicht gerade am Wiener Gürtel wohnen – das Fenster öffnen und tief durchatmen. Österreichs Leitungswasser hat Spitzenqualität, und zwar überall, im Bergdorf genauso wie in den Städten. Und die Luft ist sogar neben den Autobahnen besser als in vielen ausländischen Städten.

Das war nicht immer so. Manche mögen sich noch erinnern an die frühen 1970er-Jahre, als ganze Dörfer neben Zementwerken mit grauem Staub überzogen waren; als Arbeiterwohnungen direkt neben einem Kalkwerk standen und die Familien täglich den Kalkstaub einatmen mussten; als die Stahlstadt Linz ob ihrer schlechten Luft von Besuchern gemieden wurde; als viele Österreicher ihr Wasser noch aus Hausbrunnen, die häufig mit E-coli-Bakterien oder Nitraten aus der Landwirtschaft verseucht waren, entnehmen mussten; als über viele Seen die Motorboote rasten und baden nicht wirklich erholsam war; als in Mülldeponien alles abgeladen wurde – vom Altöl über Matratzen bis zu Metall.

"Die Verbesserung der Umweltqualität in Österreich ist eine unfassbare Erfolgsgeschichte", schwärmt denn auch Jürgen Schneider vom Umweltbundesamt. "Ös-terreich hat es nämlich geschafft, dass der ökologische Fortschritt mit dem ökonomischen Hand in Hand gegangen ist", erklärt der Experte. Auch wenn die Industrie über Umweltauflagen damals wie heute stetig jammert, haben diese der heimischen Wirtschaft einen besonderen Antrieb gegeben. In der Wassertechnik, Abwasserentsorgung, bei Abfall- und Filteranlagen für Industrieemissionen liegen heimische Unternehmen weltweit ganz vorne. Kläranlagen, Rauchgasentschwefelungsfilter und Müllverbrennungsanlagen sind Exportschlager geworden.

Seewasser zum Trinken

Heutzutage sind gut 90 Prozent aller Haushalte an ein qualitativ hochwertiges Trinkwassernetz angeschlossen. Mehr als 90 Prozent aller Abwässer werden in Kläranlagen geleitet. Aber nicht nur das: Fast alle Seen und Flüsse in Österreich haben mittlerweile Trinkwasserqualität.

"In den 1970er-Jahren hat man begonnen, in den großen Badeseen die pH-Werte und die Nitratbelastung zu messen. In vielen Seen waren die Werte schlecht", erzählt Schneider. 50 Milliarden Euro wurden seither in die Verbesserung der Wasserqualität der Seen investiert – mit riesigen wirtschaftlichen Effekten: Nicht nur die Wasserwirtschaft profitierten davon, sondern vor allem der Tourismus. "Heute ist österreichisches Know-how im Abwasserbereich in arabischen Ländern und in Südostasien enorm gefragt", betont der Umwelt-Experte.

Saubere Autos

Feinstaub und bodennahes Ozon sind zwar immer wieder ein Grund zur Sorge. Doch sogar diese Emissionen sind geringer als noch vor wenigen Jahren. "Die Dieselpartikelfilter in den Fahrzeugen haben die Feinstaubemissionen um den Faktor 1000 reduziert", sagt Schneider.

Bleifrei sind die Kraftstoffe schon längst, und Schwefel ist auf ein Minimum reduziert worden. "Hätte die Politik nicht die Grenzwerte für die Abgase der Autos derart verschärft, müssten wir wohl mit Mundschutz durch die Straßen laufen", meint der Umweltexperte. Denn der Verkehr hat seit den 1970er-Jahren enorm zugenommen. Mit den Treibstoffen von damals hätte Wien eine Luftqualität wie Teheran heute noch.

Saurer Regen

Was war denn das? Sie glauben vielleicht, den sauren Regen hat es nie gegeben. Falsch: Den gab es bis in die 1980er-Jahre so massiv, dass die Wälder daran zu ersticken drohten. Bilder abgestorbener Bäume über große Flächen mögen so manchem noch in erschreckender Erinnerung sein.

Schwefeldioxidemissionen aus den Fabrikschloten sammelten sich in den Wolken, kamen als sogenannter saurer Regen auf die Erde zurück und verursachten das Waldsterben. Radikal herabgesetzte Grenzwerte für den Schwefeldioxid-Ausstoß zeigten Wirkung. In Österreich sanken diese Emissionen seit den 1980er-Jahren um 95 Prozent. Alle großen Industriebetriebe mussten Rauchgasentschwefelungssysteme einbauen. 340.000 Tonnen Schwefeldioxid emittierte Österreichs Industrie noch Anfang der 1980er-Jahre, 17.000 Tonnen im Jahr sind es heute. Milliarden von Euro habe die Industrie dafür investiert. Doch heute wünsche sich niemand die Luftqualität von von damals zurück. Und der Wald gedeiht und wächst wieder.

Alles strikt getrennt

Plastik in die gelbe Tonne, Metall in die blaue, Papier in die rote und Glas fein säuberlich nach Bunt- und Weißglas getrennt entsorgen. Die meisten Österreicher sind penible Abfalltrenner. Und das ist gut so. Denn die Verwertung der Altmaterialien ist weit fortgeschritten, auf Deponien landet heutzutage kein Müll mehr. Restmüll wird in Fernheizwerken, deren Abluft streng gefiltert wird, verbrannt. Sogar neben der Müllverbrennung Spittelau mitten in Wien sei die Luft gut, weiß Schneider, dessen Büro unweit der Anlage liegt.

Alles paletti?

So märchenhaft Österreichs Umweltgeschichte der vergangenen 40 Jahre auch klingt, so schwierig wird der nächste Schritt für die Umwelt. Der Klimawandel droht nicht nur den Wald zu schädigen, sondern auch die Landwirtschaft, und er droht die Lebensqualität der Österreicher drastisch zu verschlechtern. Denn die steigenden Temperaturen setzen den in den heimischen Wäldern weit verbreiteten Fichten zu, gefährden den Getreideanbau in Ostösterreich und machen Ski fahren zu einem Luxussport in wenigen, sehr hoch gelegenen Orten.

Bei der Reduktion des klimaschädlichen CO2 aber ist Österreich alles andere als Weltspitze. Dabei eröffnet der Bereich der erneuerbaren Energien ein ähnlich großes Feld für Innovation und industrielle Investitionen wie es Abwasser, Müll, und Rauchgasentschwefelung vor 30 bis 40 Jahren taten.

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