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Wirtschaft

UBS kauft Credit Suisse: Zwangsehe der Schweizer Großbanken soll Finanzkrise verhindern

Credit Suisse wird um 3 Mrd. Franken übernommen. Staat und Notenbank gewähren Milliardenhilfen. Konzertierte Aktion von Fed, EZB & Co. für mehr Liquidität.

von Anita Staudacher

03/20/2023, 09:17 AM | Aktualisiert am 03/20/2023, 11:44 AM

Nach der am Sonntagabend fixierten Rettung der angeschlagenen Credit Suisse (CS) wurde am Montag mit Spannung erwartet, wie die Aktienmärkte darauf reagieren. Ziel war eigentlich eine Beruhigung, doch es kam zunächst anders. Die europäischen Indizes rutschten am Vormittag deutlich in die Verlustzone. Vor allem die Bankenwerte mussten herbe Abschläge hinnehmen. Der Wiener ATX gab um 2,7 Prozent nach. Im Laufe des Vormittags erholten sich die Kurse aber wieder. Analysten sprachen von Überreaktionen in die eine und andere Richtung. 

Der Rettungsplan für die zweitgrößte Schweizer Bank wurde Sonntagabend bekannt gegeben. Die Schweizer Rivalin UBS hat zugestimmt, die tief in die Krise geschlitterte Rivalin Credit Suisse für drei Milliarden Franken (3,03 Milliarden Euro) zu übernehmen. Zuletzt war von zwei Milliarden Dollar die Rede gewesen. Die Aktionäre der Credit Suisse bekommen Aktienanteile der UBS für ihre bisherigen Credit-Suisse-Aktien (1 UBS-Aktie = 22,48 Credit-Suisse-Aktien). Das entspricht einem Preis von 76 Rappen pro Aktie. 

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) unterstützt die Übernahme mit einer Liquiditätshilfe von 100 Milliarden Franken (rund 101 Mrd Euro) an beide Banken. Dazu kommen Verlustgarantien von bis zu neun Milliarden Franken (rund 9,07 Milliarden Euro) für die UBS von der Schweizer Regierung. 

Es ist die bedeutendste Bankenfusion in Europa seit der Finanzkrise vor 15 Jahren.

Vorausgegangen war ein das ganze Wochenende dauernder Verhandlungsmarathon, an dem die Beteiligten der beiden Banken sowie Spitzenvertreter von Politik und Aufsichtsbehörden teilgenommen hatten. Um Risiken für die UBS zu reduzieren, spreche der Bund der UBS zudem eine Garantie im Umfang von neun Milliarden Franken zur Übernahme von potenziellen Verlusten aus, hieß es. Mit den Maßnahmen werde sichergestellt, dass die SNB der Credit Suisse im Bedarfsfall umfassend Liquidität zur Verfügung stellen könne.

US-Behörden involviert

Die beiden Banken waren von der Politik und den Aufsichtsbehörden zum Zusammenschluss gedrängt worden. Der Schweizerische Bundesrat hatte am Wochenende mehrere Sitzungen zur Situation der CS abgehalten.

Die Schweizer Regierung in Bern stand unter erheblichem Druck, die Lage zu stabilisieren und die Credit Suisse zu stützen. Denn das Geldhaus ist einer der weltweit größten Vermögensverwalter und gehört zu den 30 global systemrelevanten Banken, deren Ausfall das internationale Finanzsystem erschüttern würde. In die Gespräche zur Not-Übernahme waren nach Medienberichten unter anderem auch die US-Behörden einbezogen. Dort sind beide Banken sehr aktiv.

Gefahr der Zahlungsunfähigkeit

Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) begrüßte die Übernahmelösung sowie die vom Bund und der Schweizerischen Nationalbank (SNB) ergriffenen Maßnahmen. Die Übernahme führe zu einer größeren Bank. Dafür sehe die bestehende Regulierung höhere Kapitalpolster vor. Die Finma werde für deren Aufbau angemessene Übergangsfristen gewähren, heißt es in einer Mitteilung.

Bei der Credit Suisse habe die Gefahr einer Zahlungsunfähigkeit bestanden, auch wenn die Bank weiterhin solvent gewesen sei, heißt es weiter. "Die Behörden mussten Maßnahmen ergreifen, um schweren Schaden für den Schweizer und internationalen Finanzmarkt abzuwenden", so die Finma.

Die schlingernde Großbank Credit Suisse hatte zuletzt unter erheblichem Vertrauensverlust der Anleger gelitten. Der Aktienkurs war auf ein Rekordtief gefallen, nachdem der größte Investor der Bank die Bereitstellung von weiterem Kapital ausgeschlossen hatte und das Institut weiter mit Geldabflüssen zu kämpfen hatte.

Sorge um Jobs

Die UBS beschäftigt gegenwärtig mehr als 72.000 Mitarbeiter, die CS  50.000, davon 17.000 in der Schweiz. Ein Zusammengehen dürfte angesichts der Überlappungen wohl zum Abbau von Tausenden Arbeitsplätzen führen. Laut Reuters könnten durch die Fusion bis zu 10.000 Jobs in der Schweiz wackeln. Die Banken-Gewerkschaft schlug aus diesem Grund  bereits Alarm. 

Wegen der hohen Marktanteile im Heimmarkt stellt sich zudem die Frage, ob die Wettbewerbsbehörden einer Fusion zustimmen können. Die Regierung kündigte eine Notverordnung an, um den Deal zu ermöglichen. 

Ansteckungsgefahr

Grund für die hektische Rettungsaktion am Wochenende waren Sorgen über eine mögliche Ansteckungsgefahr auf den globalen Bankensektor  wie einst bei der Finanzkrise 2008. So sollen laut Reuters bereits mindestens zwei große Banken in Europa intern Szenarien einer möglichen Ansteckung durch die Vertrauenskrise bei der Credit Suisse prüfen.

Experten gaben aber zuletzt Entwarnung. Die Fundamentaldaten des Bankensektors seien stärker und die Verkettung der Institute schwächer als während der Finanzkrise 2008, schrieb Goldman-Analyst Lotfi Karoui. Auch Österreichs Notenbankchef Robert Holzmann sieht keine Gefahr für eine Bankenkrise wie 2008. "Das, was 2008 passiert ist, wird jetzt nicht mehr stattfinden können. Damals gab es keine Bankenaufsicht", sagte Holzmann am Samstag. Sowohl die Silicon Valley Bank (SVB) als auch die Credit Suisse seien Spezialprobleme, die man nicht verallgemeinern könne. 

Rosen: "Ernst ist die Lage schon"

Börsenexpertin Monika Rosen begrüßte am Sonntagabend in der ORF ZiB die Rettung der Credit Suisse. Diese sei nötig gewesen, um einen möglichen Flächenbrand an den Finanzmärkten zu verhindern. "Ernst ist die Lage schon", sagte sie. Es sei aber sehr rasch gehandelt worden. Bankenrettungen seien nötig, damit es nicht noch teurer werde. Mit ein Grund für die Misere bei der CS seien die jüngsten Zinsschritte der Notenbanken gewesen. "Die Zinsanhebungen haben einen Stress im Bankensektor ausgelöst", so Rosen. Für die nächsten Tage erwartet sie weiter eine "gewisse Volatilität" an den Börsen. Die Bankkunden könnten aber beruhigt sein. 

Notenbanken greifen ein

Angesichts der Bankenturbulenzen greifen die großen Notenbanken ein. Die Bank of England, die Europäische Zentralbank (EZB), die US-Notenbank Fed, die Bank of Japan, die Schweizerische Nationalbank und die kanadische Zentralbank kündigten am Sonntag eine Aktion zur Stärkung der Liquiditätsversorgung via die bestehenden US-Dollar-Swapabkommen an.

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