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Wirtschaft
03/18/2021

Anleger rätseln: Ist der Börsenzug schon abgefahren?

Finanzexperten halten den Aufwärtstrend bei Aktien für intakt. Denkbar sind einzelne Korrekturen, ein Crash is höchst unwahrscheinlich

von Michael Bachner

Hält der Höhenflug an den Börsen an oder ist die „Blase“ bereits am Platzen, wie zuletzt die eine oder andere scharfe Korrektur bei Technologie-Werten vermuten ließ?

Ein Beispiel: Am 10. März legte Tesla an einem Handelstag 20 Prozent auf 673 Dollar zu, das war der größte Tagesgewinn des Elektroauto-Pioniers seit Februar 2020. Der Börsenwert des US-Unternehmens stieg mit einem Schlag um 100 Milliarden Dollar.

Freilich war es in den Tagen und Wochen davor mit dem Unternehmen von Elon Musk teilweise steil bergab gegangen. Im Jänner hatte die Aktie ihren Rekordstand von 900 Dollar erreicht. Im Zuge einer heftigen Kurskorrektur zwischen Anfang Februar und Anfang März verlor Tesla 240 Milliarden US-Dollar an Börsenwert.

Das heftige Auf und Ab bei Tesla soll illustrieren: Investoren in aller Welt sind hochnervös, die Schwankungen in manchen Segmenten (z. B. auch bei der Kryptowährung Bitcoin) sind enorm. Immer öfter stellen sich deshalb auch Privatanleger die Frage:

Die Rekordjagd an der Wall Street oder in Frankfurt verwundert angesichts der anhaltenden Corona-Krise. Aber wann platzt die Börsenblase?An warnenden Stimmen, die die Situation mit dem späteren Platzen der Dotcom-Blase Anfang der 2000er-Jahre vergleichen, mangelt es nicht. Doch einen kurzfristig zu erwartenden Crash, im Sinne eines Börsenabsturzes von 30 bis 40 Prozent, sieht derzeit niemand. Heimische Experten bleiben betont optimistisch. Bank-Austria-Chefökonom Stefan Bruckbauer sagt: „Ich glaube nicht, dass das Ende der Aktien gekommen ist. Im Gegenteil: Wer vor lauter Panik im März, April 2020 verkauft hat und nicht wieder eingestiegen ist, hat enorm viel Geld verloren.“

Was sind die Hauptgründe für die anhaltende Rekordjagd an den Börsen?Die parallel zur Impfkampagne fortschreitende Erholung der Weltwirtschaft – speziell in den USA und China – in Kombination mit dem gigantischen Konjunkturpakt von US-Präsident Joe Biden (1900 Milliarden US-Dollar) gelten als Haupttreiber des aktuellen Börsenbooms. Dazu kommt das viele billige Geld der Notenbanken.

Rückschläge und Kurskorrekturen wie zuletzt bei den Tech-Aktien gelten in diesem Umfeld als normal, das liegt auch an Gewinnmitnahmen nach den kräftigen Kursgewinnen im ersten Corona-Jahr 2020. Verlieren also einzelne Branchen etwas an Boden, legen jetzt andere, konjunkturabhängigere Sparten wie Energie, Stahl, Automobil oder auch Finanzwerte wieder kräftiger zu. Der Wiener ATX liegt seit Jahresbeginn schon mehr als 13 Prozent im Plus (US-Tech-Börse Nasdaq nur 1,5 Prozent).

Auch Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Group, sagt: „Die Zinsen bleiben bei Null, bei anderen Anlageformen zahlt man ein, dadurch bleiben Aktien begünstigt.“ Auch mit Blick auf die spätere Pension komme man in der Privatvorsorge in Wahrheit an Aktien nicht vorbei – trotz gröberer Schwankungen.

Ist der Börsenzug schon abgefahren, sollen Privatanleger noch aufspringen, oder ist es dafür zu spät?Das richtige Timing an der Börse zählt zu den größten Herausforderungen. Wer glaubt, gescheiter als der Markt zu sein, holt sich mitunter eine blutige Nase.

Kleinanlegern und Börse-Neulingen werden daher meist Fonds und das Fondssparen empfohlen, um das Risiko in Grenzen zu halten. Einzelaktien gelten als zu riskant für Börsen-Anfänger.

Peter Brezinschek, Chefanalyst von Raiffeisen Research, sieht den großen Trend intakt: „Die nicht vorhandene Alternative treibt weiter Milliarden in Aktien. Auch die Inflationsangst ist ein Argument für Aktien. Spätestens in der zweiten Jahreshälfte werden Werte aus der Realwirtschaft (im Gegensatz zu Internetfirmen) wieder interessant und dürften einen Aufholprozess starten.“

Dafür spricht das erwartete starke Gewinnwachstum der ATX-Unternehmen von heuer plus 41 Prozent (im DAX: plus 25 Prozent).

Was ist aktuell das größte Risiko an der Börse?In einem Wort: Corona. Bruckbauer: „Das größte Risiko bleibt ein Rückschlag in der Pandemie-Bekämpfung.“

Daneben wird die Zinspolitik der Notenbanken mit Argusaugen beobachtet. Denn steigende Zinsen würden Spareinlagen und Anleihen wieder interessanter machen. Brezinschek: „Wenn die EZB die Zinsen anhebt, würde es an der Börse bestimmt krachen. Das wäre ein stark negatives und unerwartetes Signal.“ Der Experte geht davon aber aus, dass die Nullzinspolitik erst 2024/’25 enden dürfte.

Mostböck weiß: „Wenn manche vor dem Crash warnen, tritt er meistens nicht ein. Und wenn der Crash da ist, will jeder der Erste gewesen sein, der davor gewarnt hat.“

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