Wirtschaft
25.11.2017

Aktion 20.000: "So etwas wie die letzte Chance"

Arbeitsmarktexpertin Judith Pühringer verteidigt die Job-Aktion für Langzeitarbeitslose und warnt vor einem dramatischem Anstieg der Altersarbeitslosigkeit.

Mehr als ein Drittel aller Arbeitslosen ist langzeitbeschäftigungslos, also länger als ein Jahr beim AMS vorgemerkt. Die Hälfte davon, das sind 58.000 Menschen, ist über 50 und schwer vermittelbar. arbeit plus-Geschäftsführerin Judith Pühringer hält die "Aktion 20.000" daher für unverzichtbar und fordert mehr Anstrengungen gegen Altersarbeitslosigkeit.

KURIER: AMS-Chef Kopf stellt den Erfolg der Aktion 20.000 für über 50-jährige Langzeitarbeitslose infrage und will sie zurückfahren. Wie sinnvoll sind gemeinnützige Jobs wirklich?

Judith Pühringer: Die Aktion 20.000 ist richtig und wichtig und der Erfolg ist jetzt in den Pilotprojekten schon da. Für langzeitarbeitslose Menschen ist es so etwas wie die letzte Chance, die sie auch hoch motiviert ergreifen. Die Aktion setzt nicht nur auf die Formalqualifikationen, sondern geht auf die persönlichen Fähigkeiten der Menschen ein. Da entstehen sehr sinnvolle und oft innovative Jobs in den Gemeinden.

Zum Beispiel?

Ein Projekt mit einer 1:1 Betreuung in einem Kindergarten für ein Kind mit Behinderung. Das wäre ohne die Aktion gar nicht möglich gewesen. Die Schuldnerberatung Steiermark konnte zwei neue Mitarbeiter anstellen, die das Projekt betreute Konten verwalten und so eine Alternative zur Sachwalterschaft ermöglichen. Hier sieht man, wie viel Potenzial da ist.

Es gibt Kritik, dass bestehende Arbeitsplätze verdrängt werden...

Glaube ich nicht. Es handelt sich um Jobs, die es so vorher gar nicht gegeben hat. Und es wird überprüft, ob er zusätzlich und wettbewerbsneutral ist. Es können mit der Aktion viele Lücken im Sozialbereich geschlossen werden – bei Gemeinden und Sozialeinrichtungen.

Derzeit sind es erst rund 1500, sind 20.000 Stellen überhaupt realistisch?

Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass die Stellen geschaffen werden können. Aber es herrscht jetzt eine totale Verunsicherung, wie es mit der Aktion weitergeht. Das führt dazu, dass Gemeinden zögern, Personal aufzunehmen, wenn sie nicht wissen, wie es weitergeht. Ein plötzliches Aus der Aktion wäre ein katastrophales Zeichen an viele Tausende Menschen, die neue Hoffnung geschöpft haben.

Ist die Befristung der Förderung bis Juli 2019 nicht grundsätzlich ein Problem, längerfristige Maßnahmen umzusetzen?

Es hat auch immer wieder geheißen, dass es bei Erfolg verlängert wird. Ich glaube, AMS-Chef Kopf versucht vielleicht zu retten, was zu retten ist, indem er vorschlägt, die Zahl zu reduzieren. Aber 5000 wäre nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ...

Die Langzeitarbeitslosigkeit wird wieder steigen?

Die Gruppe von Langzeitarbeitslosen wird größer werden, dieses Problem wird sich nicht in Luft auflösen. Gerade jetzt, wo die Konjunktur anzieht, sollte die Frage der Altersarbeitslosigkeit intensiver angepackt werden. Die Perspektivlosigkeit, mit Mitte 50 aufs Abstellgleis gestellt zu werden, ist ein Skandal.

Betriebe, die Ältere einstellen, erhalten Eingliederungsbeihilfen. Reicht das nicht aus?

Die Eingliederungsbeihilfen werden nicht im großen Stil abgeholt. Das sieht man an den Zahlen. Die Chance, wenigstens auf ein Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, ist jenseits der 50 schon verschwindend klein. Da reicht schon das Geburtsdatum als Ausschließungsgrund.

Welche Merkmale weisen ältere Langzeitarbeitslose auf?

Es zieht sich durch alle Branchen durch, da sind Akademiker genauso dabei wie Hilfskräfte. Manchmal kommen gesundheitliche Beeinträchtigungen etwa durch ein Burn-out dazu. Sehr oft sind es aber keine massiven Beeinträchtigungen, sondern welche, die das Alter halt so mit sich bringt. Die sind eigentlich kein Thema wenn die Firma bereit ist, über alternsgerechte Arbeitsplätze zu sprechen. Viele Betriebe gehen den einfacheren Weg und stellen lieber Jüngere ein. Darunter leiden werden alle. Wie sollen Ältere länger arbeiten, wenn sie niemand einstellt?

Stichwort Pensionsantritt: Auch die Arbeitslosigkeit bei über 60-Jährigen steigt stark. Braucht es hier mehr Überbrückungsjobs bis zur Pension?

Ja, es braucht es mehr Arbeitsplätze in sozialen Unternehmen, die einen existenzsichernden Job bis zum Pensionsantritt ermöglichen. Viele Betroffene fragen nicht, wie viel sie verdienen, sondern wie lange sie bleiben können. Es ist auch menschenwürdiger, Perspektiven zu geben, statt sie beim AMS Runden drehen zu lassen. Hier könnte die Aktion 20.000 sehr gut mit sozialen Unternehmen kooperieren.

Es gibt Pläne für eine schrittweise Absenkung des Arbeitslosengeldes bei gleichzeitiger Abschaffung der Notstandshilfe. Was halten Sie davon?

Eine Erhöhung und dann Abstufung kann man schon diskutieren, aber differenziert und in Ruhe. Die Abschaffung der Notstandshilfe heißt schlicht Hartz IV, weil dann nur noch die Mindestsicherung bleibt. Die Menschen fallen dann in kürzester Zeit aus dem Versicherungs- ins Fürsorgenetz. Das bedeutet 160.000 armutsgefährdete Menschen mehr in diesem Land.

Was muss die nächste Regierung endlich anpacken?

Ich wünsche mir eine inklusive Arbeitsmarktpolitik, wo private und soziale Unternehmen Seite an Seite arbeiten und ihre Verantwortung wahrnehmen. Es braucht mehr bildungs- und arbeitsmarktpolitische Anstrengung vor allem bei den Übergängen, also Schule/Beruf, Krankheit/Beruf oder Beruf/Pension. Hier ist die stufen- oder stundenweise Beschäftigung ein Thema. Wir werden alle älter und wir werden diverse Einschränkungen haben – arbeiten wollen wir dennoch.

Was ist arbeit plus?

Soziale Unternehmen
Zum Netzwerk „arbeit plus“ gehören 200 gemeinnützige soziale Unternehmen. Rund 40.000 Menschen pro Jahr erhalten dort durch geförderte, befristete Stellen die Chance auf den (Wieder)einstieg ins Erwerbsleben. Unterstützt werden auch Menschen mit Beeinträchtigungen.

Judith Pühringer ist seit 2004 Geschäftsführerin von arbeit plus. Die studierte Betriebswirtin hat sich auf die Bereiche Sozial- und Arbeitsmarktpolitik spezialisiert.