© Kurier/Franz Gruber

Wirtschaft
06/21/2021

Ökonom Aiginger: Ökosoziale Steuerreform nicht vor 2024

Der Chef der „Querdenkerplattform“ fürchtet eine Verschiebung der Steuerreform wegen Widerstände gegen höhere Spritpreise.

von Robert Kleedorfer

Als Vorkämpfer für eine öko-soziale Wirtschaftspolitik nimmt sich der Ökonom Karl Aiginger kein Blatt vor den Mund. Im KURIER-Interview spricht er sich für schmerzhafte Änderungen von Gewohnheiten und einer radikalen Abkehr von fossilen Energieträgern aus.

KURIER: Wieso engagieren Sie sich so für den Klimaschutz?

Karl Aiginger: Das ist eines der größten Probleme, wir sehen überall die Auswirkungen, inklusiver Flüchtlingswellen. Es gibt mehr Klimatote als Tote durch Covid oder den Straßenverkehr. Noch haben wir eine Chance, aber es wird jedes Jahr schwieriger und teurer. Vieles sieht man ja selbst: Es ist ja ein Wahnsinn, wenn man nicht mehr auf Naturschnee fahren kann; die Schneekanonen hört man die ganze Nacht laufen, das kann nicht so weiter gehen. Künftig wird man nur noch in Gletschergebieten fahren können. Solange es sie noch gibt.

Österreichs Beitrag zur Klimarettung kann aufgrund der Größe des Landes doch nur ein ganz kleiner sein, selbst die gesamte EU spielt hier im Vergleich zu China, USA oder Russland nur eine untergeordnete Rolle.

Europa hat in der Vergangenheit viel zur Klimaveränderung beigetragen, es besteht also die Verpflichtung, tätig zu werden. Und es ist auch ein Vorteil, hier die Führung zu übernehmen. Wir wissen, wie wir umweltschonend Energie erzeugen und können das Know-how an andere Länder weitergeben. Der Green Deal würde Schätzungen zufolge ein Prozent der Wirtschaftsleistung kosten. Das sind aber keine Kosten, sondern Investitionen. Das ist eine Win-win-Situation für die Menschen und die Umwelt.

Ist ein Umstieg in so relativ kurzer Zeit überhaupt technisch möglich? Vor allem angesichts der Pandemie?

Das Spiel spielen wir seit 30 Jahren und sagen, das Problem lösen wir später, aber das geht nicht mehr. Natürlich ist der Umstieg schwierig und kurzfristig eine schmerzhafte Änderung von Gewohnheiten. Für weniger Betuchte ist es zu viel Geld und die haben die Mehrheitsmeinung auf ihrer Seite. Daher muss Klimapolitik mit Sozialpolitik kombiniert werden.

Sie propagieren den Kauf von Elektroautos, die aber viel teurer beim Kauf sind.

Aber nur in der Anschaffung und der Preis wird gestützt. Zudem erspart man sich 1.000 Euro im Jahr, weil Reparatur- und Ladekosten geringer sind. Das einzige Problem sind die seltenen Erden wie Lithium oder Kobald. Wir müssen schauen, dass man mehr oder Alternativen findet. Wer jetzt ein Dieselauto kauft, wird in 7 Jahren beim Verkauf nichts mehr dafür bekommen, weil man nicht mehr damit fahren darf, zumindest in Innenstädten. Der Elektromotor ist die Zukunft, Wasserstoff vielleicht in 20 bis 30 Jahren.

Ökonom Hans-Werner Sinn sagt, „Elektroautos sind eine Mogelpackung“. Denn auch E-Autos würden verursachen, sowohl indirekt beim Laden (der nötige Strom stammt zum Teil aus herkömmlichen Kraftwerken) als auch bei der Produktion. Was sagen Sie darauf?

Es kommt drauf an, wie die Energie erzeugt wird. Der Verbund sagt, er könne ausreichend nachhaltige Energie erzeugen, auch wenn eines Tages alle elektrisch unterwegs sind. Vielleicht stimmt es nicht für jeden einzelnen Tag oder im Winter. Aber an sich hat ein E-Auto weniger Emissionen bei Produktion und Verbrauch. Zudem heißt Energiewende nicht nur neue Energie verwenden, sondern auch höhere Energieeffizienz. Batterien werden jedes Jahr effizienter.

Viele in der Autobranche sprechen lieber von Technologieneutralität, sprich sie sehen nicht das Ende des Verbrennermotors, sondern wollen nur einen anderen Kraftstoff, Stichwort E-Fuels.

Technologieneutralität ist ein Blödsinn, eine Nebelgranate, die immer dann geworfen wird, wenn man mit normalen Argumenten nicht mehr weiterkommt. Wenn wir Emissionen stoppen wollen, können wir nicht zwischen einer guten und einer schlechten Lösung neutral sein. Öl ist eine absolut schmutzige Technologie. Generell gilt es, Emissionen zu verhindern. Dazu braucht es eine Kombination aus Anreizen und Steuererhöhungen, etwa bei großen Dienstautos. Und auch ein Tesla mit seinen 1.000 PS ist ein Wahnsinn.

Ist den Österreichern eine CO2-Steuer zumutbar? Schon jetzt liegt der Steueranteil auf Treibstoffe bei mehr als 50 Prozent und die Spritpreise steigen wieder ...

Im Vorjahr sind die Ölpreise stark gesunken, der jetzige Anstieg ist wirtschaftlich gerechtfertigt und willkommen. Dass das kein Problem ist, zeigt die Inflationsrate von prognostizierten 1,8 Prozent heuer. 2,8 Prozent im Mai werden eine Ausnahme bleiben. Aber so schnell wird die ökosoziale Steuerreform ohnehin nicht kommen, weil Arbeitnehmervertreter und Firmen sich dagegen wehren werden. Die Belastung der Autofahrer wird als Abzocke bezeichnet. Das habe ich schon oft erlebt. Sie wird wohl erst 2024 in Kraft treten.

Und kommt dann die CO2-Steuer?

Eine -Steuer ist für die Besserverdienenden. Ohne begleitende Sozialpolitik hat man die Gelbwesten wie in Frankreich, auch unter Nicht-Autofahrern. Wenn Spritpreise steigen, kann man alle mobilisieren. Die meisten Aufstände gegen Regierende sind infolge steigender Benzinpreise, nicht wegen Korruption.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.