Wirtschaft
01.06.2018

92 Prozent aller freien Lehrstellen außerhalb von Wien

Erstmals seit 17 Jahren gibt es wieder mehr offene Lehrstellen als Suchende. Nur in Wien bleibt die Lage weiter angespannt.

Die boomende Industriekonjunktur und die starke Entwicklung im Tourismus sorgen in Österreich erstmals seit 17 Jahren wieder für eine Trendumkehr in der Lehrlingsausbildung. Ende Mai waren beim AMS österreichweit 4932 Lehrstellen sofort verfügbar. Demgegenüber standen 4575 Lehrstellen suchende Jugendliche. Noch eindeutiger ist der Trend bei den nicht sofort, zumeist ab Herbst, verfügbaren Stellen: Hier stehen ca. 18.000 Lehrplätze knapp 10.000 Suchenden gegenüber.

„Das heißt, die so genannte Lehrstellenlücke ist – österreichweit gesehen– damit geschlossen“, freut sich AMS-Vorstand Johannes Kopf. Ein zweiter Blick auf die Statistik zeigt jedoch ein höchst uneinheitliches Bild. Gut die Hälfte der als offen gemeldeten Lehrstellen entfällt auf nur zwei Branchen: Elektro- und Metalltechnik sowie Handel. Beide Branchen vermelden ein zweistelliges Plus, während bei Tourismus- und Büroberufen sogar weniger Lehrstellen zu besetzen sind als noch vor einem Jahr. Das betrifft auch Koch-Lehrstellen, wobei aktuell 510 offene Stellen auf nur 44 Interessenten kommen.

Bundesländer-Unterschiede

Einen Lehrstellenüberhang gibt es derzeit in allen Bundesländern mit Ausnahme von Wien und Niederösterreich. Während sich die Lücke in Niederösterreich langsam schließt, ist die Lage in Wien alles andere als rosig. Auf 418 sofort verfügbare Lehrstellen kommen derzeit 1696 Jugendliche. Bei den längerfristig verfügbaren Plätzen gibt es sogar einen leichten Rückgang.

AMS-Wien-Chefin Petra Draxl sieht dafür vor allem drei Gründe: Erstens die demografische Entwicklung – „Wiens Bevölkerungsschnitt ist wesentlich jünger als in allen anderen Bundesländern“. Zweitens der Rückgang an Ausbildungsbetrieben durch den Strukturwandel einer Großstadt. Laut Gewerkschaft bilden nur noch acht Prozent aller Wiener Betriebe überhaupt Lehrlinge aus. Und drittens profitiert Wien vom aktuellen Konjunkturaufschwung weniger als industrielastige Bundesländer wie Oberösterreich oder die Steiermark.

Aus Wien hinaus

Um mehr Wiener Jugendliche dorthin zu bringen, wo die Jobs sind, verstärkt das AMS in den kommenden Monaten gemeinsam mit der Wirtschaftskammer (WKO) die überregionale Vermittlung. Im Rahmen eines ersten Projektes namens b.mobile konnten bereits 70 Lehrlinge in den Westen Österreichs vermittelt werden. Die Besetzung von Lehrstellen scheitere nicht nur an der fehlenden Mobilität, sondern auch an den zu engen Berufswünschen, meint WKO-Arbeitsmarktexperte Martin Gleitsmann.

Mismatch

Er sieht „im regionalen Missmatch“ generell eine der größten Herausforderungen für den Arbeitsmarkt. Immerhin seien fast 86 Prozent der beim AMS gemeldeten offenen Jobs außerhalb von Wien, bei den Lehrstellen sind es sogar fast 92 Prozent. Hingegen sind 40 Prozent der Arbeitslosen und 37 Prozent aller Lehrstellen Suchenden in der Bundeshauptstadt vorgemerkt. „Es muss alles unternommen werden, das im Inland vorhandene Arbeitskräftepotenzial zu mobilisieren. Die Menschen müssen erkennen, dass die ländlichen Regionen derzeit die besten Arbeitsmarktchancen bieten“, sagt Gleitsmann.

Insgesamt sank im Mai die Arbeitslosigkeit inklusive Schulungsteilnehmer um 8,9 Prozent auf knapp 360.000 Betroffene. Den stärksten Rückgang verzeichneten Tirol, Steiermark und Oberösterreich. Auf diese drei Bundesländer entfallen fast die Hälfte aller sofort verfügbaren Lehrstellen.

Arbeitslose in Österreich im Mai