Wellness
11.12.2017

So retten blinde Frauen Leben

Mit ihren Händen und einem gestreiften Klebeband können blinde Frauen Leben retten - sie können Brusttumore frühzeitig erkennen. Ein Ersatz für die Mammographie ist das aber nicht.

Von ihren Besuchen beim Gynäkologen wissen Frauen, wie die Brust abgetastet wird, um Knoten im Gewebe zu erkennen: Oberkörper freimachen, gerade hinsetzen, eine Brust abtasten, zweite Brust abtasten. Fertig.

Bei Jaqueline Garas in der Privatklinik Döbling ist das anders. Genau hinschauen kann sie dabei nicht, denn die Medizinische Tastuntersucherin (MTU) ist sehbehindert. "Ich werde Ihre Brust im Sitzen und im Liegen abtasten, zuerst am Rücken liegend und dann seitlich", erklärt sie und konzentriert sich bei ihrer Untersuchung nur auf ihr Fingerspitzengefühl.

Mit sanftem, aber sicheren Druck untersucht sie jeden Zentimeter des Gewebes, ob sie eine Veränderung spürt. Das könnten eine Wassereinlagerung, eine Zyste oder auch ein bösartiger Tumor sein. Zur Orientierung verwendet sie einen Klebestreifen wie ein Maßband, damit sie in ihrer Auswertung genau zuordnen kann, wo sie etwas gespürt hat.

"Schon mehrere Tumore entdeckt"

Eine halbe Stunde dauert die Untersuchung. "Auch wenn ich einen Knoten ertaste, darf ich dazu nichts sagen. Das macht der Arzt. Aber manchmal merken Patientinnen, dass ich an einem Punkt länger verweile. Ich habe schon mehrmals Tumore entdeckt. Manchmal gutartige, manchmal leider nicht." Diesmal findet sie nichts und trägt ihr Ergebnis mit einem speziellen Bildschirmprogramm für Sehschwache in ein Formular ein.

Die Idee für die"Discovering Hands" hatte der deutsche Gynäkologe Frank Hoffmann: "Die Tastuntersuchung ist die Basis der Brustkrebsvorsorge. Durch ihren besonderen Tastsinn machen blinde und sehschwache Menschen aus ihrer Behinderung eine Begabung." Genau dafür wurde das Projekt jetzt von der Wirtschaftsuniversität Wien auch mit dem "Get Active Social Business Award" ausgezeichnet.

Hoffmann startete in Deutschland und präsentierte das Projekt vor drei Jahren bei der österreichischen Start-up-Show "2 Minuten – 2 Millionen". Von den Investoren bekam er das Budget für die Gründung und die Ausbildungen.

Viel genauer

Gynäkologe Michael Medl vom Brustkrebszentrum der Privatklinik Döbling ist beeindruckt von den Fähigkeiten seiner sehschwachen Mitarbeiterinnen: "Zum Üben haben sie an künstlichem Gewebe gearbeitet, in das kleine Tumore eingearbeitet wurden. Ich mache seit vielen Jahren Tastuntersuchungen, aber die beiden Damen haben viel genauer gespürt als ich." Ärzte spüren die Knoten ab etwa ein bis zwei Zentimeter, Patientinnen bei zwei bis drei Zentimetern und die MTUs ab etwa sechs Millimetern.

Neun Monate Ausbildung

Garas und ihre drei Kolleginnen, eine davon ausgebildete Masseurin, machen die Untersuchungen derzeit im Rahmen einer Studie, "denn die bürokratischen Hürden sind enorm", so Medl. Sie studierte in Ägypten Soziologie, bevor sie mit ihrer Familie nach Österreich kam, und war erst unsicher, ob ihr das medizinische Thema zu kompliziert sein würde, erzählt sie. Nach dem Auswahlverfahren dauerte die Ausbildung neun Monate, inzwischen führten sie hunderte Untersuchungen durch. Wie die MTUs in Deutschland sollen sie in Krankenhäusern und Arztpraxen eingesetzt werden, dort gibt es bereits 40 Standorte.

Kein Ersatz für die Mammographie

Ein Ersatz für die maschinelle Untersuchung sind die "Discovering Hands" nicht, betont Medl: "Die Mammographie wird alle zwei Jahre und bei Frauen ab 50 Jahren empfohlen. So können sie die Untersuchung auch häufiger machen und schon bei jüngeren Patientinnen." In seiner Klinik folgt auf die händische Untersuchung eine Mammografie, die im Gegensatz zur Tastuntersucherin weh tut, weil das Brustgewebe fest zusammengedrückt werden muss. Bei Bedarf entscheidet der Radiologe in manchen Fällen, dass die Brüste noch mit einem Ultraschallgerät angesehen werden. Zum Glück ist auch diese dritte Begutachtung unauffällig. Eine Beruhigung.

Das Projekt der blinden Frauen hat eine Wirkung, die über die medizinische Technik hinausgeht, so Projektleiterin Marisa Mühlböck: "Durch die Geschichte der ,Discovering Hands‘ werden auch Frauen angesprochen, die zum ersten Mal zu einer richtigen Brustuntersuchung kommen."

So läuft das Projekt

Die „Discovering Hands“- Untersuchungen werden derzeit in drei Diagnosezentren in Wien durchgeführt. Zielgruppe für die Früherkennung sind Frauen ab 40 Jahren. Die Untersuchung sollte zwischen 7. und 10. Tag der Menstruation eingeteilt werden. Sie wird derzeit kostenlos durchgeführt, ansonsten liegen die Gesamtkosten bei rund 80 Euro.