Wellness
10.01.2017

Antibiotika: Sind Probiotika wirklich Pflicht?

Viele Hersteller werben aktuell mit probiotischen Präparaten als Ergänzung zum darmschädigenden Antibiotikum. Doch sind Probiotika wirklich immer Pflicht?

Gerade jetzt gehen wieder deutlich mehr Antibiotikarezepte als sonst über die Apothekertresen. Oft verschaffen die Präparate die erhoffte Linderung. Doch sie haben auch Nebenwirkungen.

Bei bakteriellen Erkrankungen wie Bronchitis oder Angina verschreiben Hausärzte in der Regel ein Antibiotikum, das die Erreger im Körper wirksam abtötet. Da das Medikament nicht zwischen guten und schlechten Bakterien unterscheiden kann, werden auch andere Bereiche und Bakterienstämme im Körper in Mitleidenschaft gezogen. Dazu zählen etwa Darmbakterien, die für die Verdauung wichtig sind, oder Milchsäurebakterien, die den sauren pH-Wert in der Scheide aufrechterhalten. Auch die Darmschleimhaut leidet. Vor allem bei längerer Einnahme von Antibiotika klagen viele Patienten über Magen-Darm-Beschwerden, wie beispielsweise Durchfall und Blähungen sowie Scheidenpilzinfektionen.

Müssen Probiotika sein?

Sogenannte Probiotika sollen bei Durchfall Abhilfe schaffen beziehungsweise diesem vorbeugen. Gerade in der Grippezeit werben viele Hersteller daher mit ihren Produkten zur Vorbeugung und Nachbehandlung. Doch wie sinnvoll und notwendig sind diese wirklich?

Bernhard Ertl, Referent in der pharmazeutischen Abteilung der österreichischen Apothekerkammer, erklärt dazu: "Prinzipiell tut sich in diesem Bereich sehr viel und es gibt Studien, die eine gute Wirksamkeit solcher Präparate belegen", so der Experte. Ertl verweist unter anderem auf eine wissenschaftliche Zusammenschau der unabhängigen Plattform medizin-transparent.at zum Thema Probiotika. Daraus geht hervor, dass die Einnahme einen leichten Vorteil bringt und möglicherweise Antibiotika-bedingten Durchfall verhindert. Jedoch wirken Probiotika nicht immer. Für eine gesicherte Empfehlung seien "größere, strenger nach wissenschaftlichen Kriterien durchgeführte Studien" notwendig.

Auch Ertl bestätigt, dass es insgesamt eine Tendenz zur Wirksamkeit gibt. Eine Studie hätte beispielsweise gezeigt, dass die Einnahme von Probiotika das Risiko von Antibiotika-assoziiertem Durchfall um 40 Prozent senkt. "Das Problem ist aber, dass es sehr viele unterschiedliche Produkte gibt", mahnt er. Diese unterscheiden sich hinsichtlich der Überlebensfähigkeit der Keime, der Wirkung, der Qualität der verwendeten Stämme und der Anzahl der verwendeten Stämme (Dosis). Von der Wirkung eines Produkts könne man also nicht zwingend auf die Wirkung anderer schließen. Auch dürfe man probiotische Arzneimittel nicht mit in der Drogerie erhältlichen Nahrungsergänzungsmitteln oder Lebensmitteln mit probiotischer Wirkung vergleichen.

Auch bei den Behandlungsempfehlungen gibt es, je nach Produkt, Unterschiede. Im Regelfall sollte man Probiotika schon begleitend zum Antibiotikum einnehmen. Jedoch muss zwischen der Einnahme der beiden Präparate mindestens ein Zeitfenster von zwei Stunden liegen, um Wechselwirkungen auszuschließen.

Zu bedenken gibt Ertl auch, dass im menschlichen Darm an die 100 Billionen Keime und 400 bis 500 Keimarten sitzen. In einer probiotischen Kapsel befinden sich in der Regel zwischen Millionen und Milliarden Keimen. "Eine Kapsel ist also quasi nur ein Tropfen auf dem heißen Stein." Außerdem sei die Debatte über Probiotika sehr kontrovers und die Bewertung der Produkte mittlerweile zu einer regelrechten Glaubensfrage verkommen.

Ein Magenschutz als Ergänzung für die Antibiotika empfiehlt sich übrigens nicht, da dieser nur bei der Einnahme von Arzneimitteln, die die Magenschleimhaut angreifen, sinnvoll ist.

Tipps bei Durchfall

Was bei einer angeschlagenen Darmflora wirklich hilft? Eine möglichst schonende Ernährung. Auf Kaffee und scharfe, fettige, rohe oder sehr heiße Speisen gilt es zu verzichten. Auch Alkohol ist tabu. Eine vitamin- und ballaststoffreiche Ernährung ist hingegen ratsam. Bei Durchfall können diese wichtigen Vitalstoffe häufig nicht ausreichend durch die geschädigte Darmschleimhaut aufgenommen werden, daher ist es besonders wichtig, genügend davon zu essen. Geriebene Äpfel (mit Schale), gekochte Karotten, gekochte Kartoffeln, Reis, Zwieback oder zerdrückte Bananen sind gut bekömmlich.

Das Wichtigste bei der Ernährung bei Durchfall ist jedoch die Zufuhr von ausreichend Flüssigkeit. Dabei sind Getränke mit einem hohen Gehalt an Kalium, Salz und Zucker empfehlenswert, da der Körper nur so die aufgenommene Flüssigkeit binden und speichern kann.

Hier zurück zum Themenschwerpunkt