Der Amerikaner Aza Raskin (35) war Chefentwickler bei Firefox. Seinen ersten Fachvortrag zu User Interfaces hielt er mit 10 Jahren

© Pioneers/Mark Somay

Thema
06/10/2019

Smartphones: "Wir streicheln quasi unsere Herrscher"

Digitales Wohlbefinden. Aza Raskin warnt davor, dass sich Menschen zu Sklaven ihrer Technologien machen.

von David Kotrba

Im Jahr 2018 stellten Google und Apple neue Funktionen vor, mit der Smartphone-Nutzer ihren eigenen Umgang mit den Geräten besser überblicken und steuern können. Dieser Schritt hin zu mehr „digitalem Wohlbefinden“ („digital wellbeing“), dem auch Facebook und andere große Tech-Konzerne folgen, geht auf die „Time Well Spent“-Bewegung zurück.

Dahinter stehen der ehemalige Google-Ethiker Tristan Harris und der ehemalige Firefox-Chefdesigner Aza Raskin.

Der KURIER hat mit Raskin gesprochen.

KURIER: Wie haben Sie es angestellt, dass in Android und iOS Funktionen für „digitales Wohlbefinden“ eingeführt wurden?

Aza Raskin: Wir haben es geschafft, dass unsere Idee auf Milliarden Smartphones gebracht wurde, ohne dafür eine einzige Zeile Code geschrieben zu haben. So etwas funktioniert nur durch Druck. Wie übt man Druck auf Menschen wie Mark Zuckerberg aus? Er braucht nur dreimal an einem Tag hintereinander von „Time Well Spent“ hören: Einmal aus den Medien, einmal im Büro am Gang und einmal von einem Aufsichtsratmitglied, das plötzlich fragt: „Stiehlt unser Produkt die Zeit der Leute?“ Das ist die Kraft der Sprache.

Also hat sich „Time Well Spent“ einfach herumgesprochen?

Damit das funktioniert, musst du die öffentliche Aufmerksamkeit in großem Stil erregen. Wir erreichten viel Beachtung durch einen Auftritt bei der Vortragsreihe TED X. Danach kamen wir ins Fernsehen und in die New York Times. So haben wir das aufgebaut. Aber am Ende sprechen wir nur etwas aus, was jeder fühlt, und das ist: Technologie sollte unser Leben bereichern. Stattdessen kommen wir drauf, dass sich unsere Beziehungen nicht richtig anfühlen. Politik ist polarisierter denn je. Entrüstung ist die dominante Form von Gefühlsausdruck in sozialen Medien.

Sie sehen die Ursache dafür in Technologien?

Wie kommen unsere Unternehmen zu Geld? Durch Aufmerksamkeit. Wir leben in einer Aufmerksamkeitsökonomie. Die erfolgreichsten Unternehmen haben gelernt, wie man Menschen als Ressource nutzt, die man ausschöpfen kann. Laut einer Studie beträgt die Zeitspanne, die sich Menschen weltweit im Durchschnitt ununterbrochen einer Tätigkeit widmen können, derzeit bei 40 Sekunden. Die Unterbrechung erfolgt dabei nicht von außen, sondern durch uns selbst. Das liegt daran, dass unsere Gedanken wortwörtlich optimiert werden.

Welchen Grund gäbe es dafür?

Wir sind Kühe für die Aufmerksamkeitsökonomie. Wenn deine Aufmerksamkeit verkürzt wird, bedeutet das, dass man immer skandalösere Sachen sagen muss, um gehört zu werden. Dadurch vertieft sich die Polarisierung. Es gibt mehr „Wir gegen die“-Denken, das Vertrauen sinkt. Man hat diesen Satz an verknüpften Problemen, die wir „menschliche Herabstufung“ („human downgrading“) nennen.

Inwiefern ist das eine Herabstufung?

Der Akt, unsere Aufmerksamkeit zu erlangen, ist eine Herabstufung unseres Vertrauens,unseres politischen Diskurses, unserer Demokratien, unserer Konzentrationsfähigkeit und der Möglichkeit, eine geteilte Wahrheit zu haben. Alle diese Dinge sind tief greifend miteinander verbunden.

Welche Rolle spielt hier das Smartphone?

Smartphones haben unsere Fähigkeit zur Selbstregulierung überwältigt. Wir sind tatsächlich unterdrückt. Wie sonst schafft man es, dass die gesamte Menschheit ihren Kopf neigt? Indem wir unser Smartphone bedienen, streicheln wir quasi unsere Herrscher. Aber es gibt noch andere Beispiele. Was wünschen wir uns? Aufmerksamkeit. Unternehmen schaffen es, uns süchtig danach zu machen. Wie? Etwa indem man das Selbstwertgefühl junger Mädchen anspricht.

Sie sprechen von Instagram?

Ich spreche auch von Instagram. Unternehmen zeigen dir auch einen einfachen Weg, um mehr Aufmerksamkeit zu erlangen. Sie beweisen dir, dass dich Menschen mehr mögen, wenn du anders aussiehst. Etwa durch Filter. 55 Prozent aller plastischen Chirurgen in den USA berichten, dass Patienten sie fragen, ob sie wie ein Snapchat-Filtergesicht aussehen könnten. Damit verändert man das Identitätsgefühl der Leute. Das hat Auswirkungen auf uns.

Welche Auswirkungen?

1991 lag die Rate an schweren Depressionen unter jungen Frauen bei 17 Prozent. 2013, als Social Media gerade abzuheben begann, waren es 21 Prozent und 2017 schon 29 Prozent. Ich habe ein weiteres Beispiel: Die neue automatische Vervollständigung von Gmail. Die ist wirklich gut. Aber was wird passieren, wenn du ständig Beweise dafür erhältst, dass dich Leute mehr mögen, dass deine Kommunikation effizienter funktioniert, wenn du vorgefertigte Antworten verschickst? Damit starten wir, unsere Persönlichkeit auszulagern. Indem wir unsere Maschinen verbessern, stufen wir uns als Menschen herab.